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Ethnolinguistik

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Ethnolinguistik. Lehre in den Digital Humanities. Version 4 (29.03.2019, 10:27). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=23477&v=4.

In der romanistischen, aber vor allem italianistischen Forschungstradition war die Dialektologie von Beginn an, d.h. in Italien mindestens seit Giuseppe Pitré,  immer sehr eng mit den Sozialwissenschaften, genauer gesagt mit der Soziologie und der Ethnologie verbunden. In dieser Perspektive lässt sich die gesamte Geolinguistik sogar als Teildisziplin einer übergeordneten ‚Ethnowissenschaft‘ verstehen. Dieser Ausdruck, der hier als Übersetzung von ita. etnoscienza (aus engl. ethnoscience) gesetzt wird, hat allerdings weder in Italien, noch in Deutschland etablieren können (vgl. jedoch Senft 2003). In dem sehr scharfsinnigen und informativen Manuale di etnoscienza von Giorgio Raimondo Cardona (Cardona 1995 [1985])heißt es:

„[…] il prefissoide etno– permette un’immediata ‚etnologizzazione‘ di qualunque sottodisciplina […]. L’inglese offre ancora un altro tipo di formazione, quella con folk– (folk-taxonomy), che ha però lo svantaggio di non essere atrettanto facilmente esportabile quanto il suo concorrente grecizzante.

Il termine con etno– copre però due cose distinte, nella letteratura: etnobotanica può significare:

a) una vera botanica scientifica, ma ritagliata sull’habitat, uso ecc. di una specifica etnia;
b) la scienza botanica posseduta da una specifica etnia.

Nel primo caso, il ricercatore è soprattutto un naturalista, che compie il suo lavoro consueto, anche se con una particolare attenzione alle denominazioni locali ecc.; nel secondo il ricercatore è piuttosto un antropologo conoscitivo, che studia come venga categorizzato il mondo naturale da una data etnia; dei dati naturalistici egli si servirà soprattutto per ancorare le classificazioni così individuate a referenti reperibili e riconoscibili anche per chi è esterno alla cultura studiata. […]

Gran parte dell’analisi etnoscientifica si basa sull’analisi di enunciati della lingua del gruppo […] “ (Cardona 1995 [1985], 15 f.; Hervorhebung durch fette Schrift: Th.K.)  

Die so skizzierte etnoscienza wird in der us-amerikanischen Tradition auch als cultural anthropology (dt. Kulturanthropologie) bezeichnet. Speziell im deutschsprachigen Raum wurde darüberhinaus zwischen Volkskunde für die Erforschung einheimischer Kultur(en) und Völkerkunde für die Erforschung fremder, insbesondere nichteuropäischer Kulturen unterschieden. In der Gegenwart wird stattdessen meist allgemein von Ethnologie mit dem besonderen Teilgebiet der Europäischen Ethnologie (im Sinne der Volkskunde) gesprochen. Die Bezeichnung Ethnolinguistik ist daher auch nicht eindeutig, da sie oft auf die sprachwissenschaftliche Untersuchung nicht europäischer Kulturen eingeschränkt wird, obwohl sie die europäischen nicht ausschließen sollte; die kategorische Trennung erweist sich im Hinblick auf die massenhaften und weiträumigen Migrationsströme ohnehin in rapide zunehmendem Maße als sinnlos .

Eine Unschärfe im zitierten Passus von Cardona bleibt zu klären; sie betrifft das ‚Präfixoid‘ ethno-, das einerseits als Synonym des en. folk und andererseits mit Bezug auf etnia verwandt wird. Mit folk (in folk-taxonomy usw.) wird auf die alltags- oder lebensweltlichen Wissensbestände und Konventionen  der Laien bzw. Nicht-Wissenschaftler verwiesen und genau in diesem Sinne sollte auch Ethnie (bzw. ethno-) auf alltagsweltliche Kulturgemeinschaften bezogen werden, ohne jedoch idealisierte Vorstellungen von Homogenität, Archaizität, sozialer Abgeschlossenheit usw. zu implizieren.

Die Unterscheidung Cardonas (a vs. b) verweist weiterhin auf zwei komplementäre Forschungsperspektiven in den Kultur- und Sozialwissenschaften. 

Zusammenfassend darf man dialektologische Forschungen im Sinn von Cardona (auch im Nachhinein) als ‚ethnolinguistisch‘ bezeichnen, wenn sie ihre sprachlichen Daten im engen Zusammenhang mit der Alltagskultur der Sprecher erhebt und analysiert.

Richtungweisend für die ethnolinguistisch orientierte Tradition der italienischen Dialektologie ist die in teilnehmender Beobachtung entstandene Untersuchung von:

  • Hugo Plomteux  (1981) über die Cultura contadina in Liguria. 

Ethnolinguistisch sehr gut, im regionalen Vergleich vielleicht am besten erschlossen ist Sizilien. Zu nennen sind vor allem die frühe Studie von 

  • Franco Fanciullo (1983) zu Dialetto e cultura materiale alle Isole Eolie,

und mehrere wichtige Arbeiten, die im Rahmen des Atlante linguistico della Sicilia vgl. Sottile 2019 entstanden sind und ganz unterschiedliche Ausschnitte der Alltagswelt erfassen (), wie zum Beispiel Ernährungstraditionen (Bonanzinga/Giallombardo 2011 und Matranga 2011b) den Schwefelabbau (Castiglione 1999) oder das Hirtenwesen (Sottile 2002).

Bibliographie

  • Bonanzinga/Giallombardo 2011 = Bonanzinga, Sergio / Giallombardo, Fatima (2011): Il cibo per via. Paesaggi alimentari in Sicilia (con DVD), Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani.
  • Cardona 1995 [1985] = Cardona, Giorgio Raimondo (1995 [1985]): La foresta di piume. Manuale di etnoscienza, Bari, Laterza.
  • Castiglione 1999 = Castiglione, Marina (1999): Parole del Sottosuolo. Lessico e cultura delle zolfare nissene, Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani.
  • Fanciullo 1983 = Fanciullo, Franco (1983): Dialetto e cultura materiale alle Isole Eolie, Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani.
  • Matranga 2011b = Matranga, Vito (2011): Concetti alimentari complessi e sistemi nominali in geografia linguistica. Le focacce siciliane, Palermo.
  • Plomteux 1981 = Plomteux, Hugo (1981): Cultura contadina in Liguria. La Val Graveglia, Genova, Sagep Editrice.
  • Senft 2003 = Senft, Gunter (2003): Zur Bedeutung der Sprache für die Feldforschung, in: Beer, Bettina (Hrsg.), Methoden und Techniken der Feldforschung, Berlin, Reimer, 55-70.
  • Sottile 2002 = Sottile, Roberto (2002): Lessico dei pastori delle Madonie, Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani, Dipartimento di scienze filologiche e linguistiche, Università di Palermo (Link) .
  • Sottile 2019 = Sottile, Roberto (2019): L’Atlante Linguistico della Sicilia (ALS), in: Krefeld/Bauer 2018, München (Link) .
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6 Antworten

    • Grazie, Claudio Pinna. Ho inserito il primo senz’altro e il secondo con un po‘ di riserva; perché usa ‚etnolinguistica‚ in senso di ‚linguistica di culture non europee‘, quindi in modo più ristretto della proposta che faccio alla fine del contributo presente.
      TKrefeld

  1. Lieber Professor Krefeld,
    auch auf die Gefahr hin, wieder zu früh für diesen Beitrag zu sein:
    Zum Atlante linguistico della Sicilia gibt es scheinbar noch kein Digitalisierungsprojekt, habe lediglich ein pdf des professore Ruffino gefunden…
    http://www.treccani.it/export/sites/default/lingua_italiana/speciali/dialetto/pdf/Ruffino.pdf
    Vielleicht ein wenig zu rudimentär und wenig wissenschaftlich, ein Link zur Geschichte der dialettologia italiana:
    http://www.treccani.it/enciclopedia/dialettologia-italiana_%28Enciclopedia-dell'Italiano%29/
    Nicht direkt zur Vorlesung passend, aber als weiterführende Information, könnte man möglicherweise die Seite Centro di studi filologici e linguistici siciliani velinken:
    http://www.csfls.it/
    Herzliche Grüße und bis später,
    Laura Umlauf

  2. Guten Tag Herr Professor Krefeld,

    Folgenden Link finde ich ganz anschaulich, weil hier der Prozess zu einer „mehrsprachigen europäischen Union“, in der die Grenzen zwischen Individualsprachen mehr und mehr verschwimmen, gut und interaktiv aufgezeigt wird:

    http://neon.niederlandistik.fu-berlin.de/static/dylan/schaubild/index.html

    Eventuell könnte man ihn am Ende des oberen Ansatzes einbauen, in dem es um die Sinnhaftigkeit kategorischer Trennungen in der Ethnolonguistik geht?

    • Liebe Frau Fassbender,

      vielen Dank! ja, es ist sehr anschaulich, aber ich bin nicht so ganz einverstanden, weil der Eindruck erweckt wird, dialektale Kontinua seien nach dem Mittelalter und mit der Herausbildung der Nationalstaaten verschwunden – davon kann ja nicht die Rede.

      Herzliche Gruesse
      Thomas Krefeld

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