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Grundbegriffe

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Grundbegriffe. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (25.10.2019, 16:19). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=2563&v=3.

1. Was heißt ‚Italienisch‘?

Der Sprachname ‘Italienisch’ ist wie die meisten Namen der europäischen Staatssprachen doppeldeutig; er bezeichnet einerseits die institutionell implementierte Standardvarietät, die auch im Schulunterricht vermittelt wird und andererseits zahlreiche Dialekte, deren Sprechergemeinschaften die Staatssprache als exemplarische Bezugsvarietät akzeptieren. Der Standard und die Dialekte bilden die konstitutiven Varietäten der italienischen Sprache. Der italienische Sprachraum besteht also gegenwärtig gewissermaßen  aus zwei Etagen: aus der historisch grundlegenden Ebene der noch weithin gesprochenen, lokalen Dialekte einerseits und der darüber liegenden, allumfassenden Dachsprache einschließlich der Standardvarietät andererseits (vgl. D’Agostino 2012, 129 f.).

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/10/1444567484 2 Etagen Architektur.jpg

Die zweistöckige Architektur des italienischen Sprachraums

Diese Dachsprache gilt auf dem gesamten Territorium des italienischen Staats sowie des schweizerischen Kantons Tessin und dreier Südtäler des Kantons Graubünden (des Misox [it. Mesolcina] mit dem Calancatal, des Bergell [it. Bregaglia] und des Puschlav [it. Poschiavo]). In sprachgeschichtlicher Perspektive geht es nun darum, die Dynamik dieser Architektur, ihre Entstehung und ihren Wandel im historischen Kontext zu situieren. Von vorneherein kann man feststellen, dass die beiden genannten Ebenen Perspektiven mit ganz unterschiedlicher Zeittiefe eröffnen. Während Die Dialekte führen direkt zum Lateinischen zurück; sie sind das Produkt der räumlichen Variation, die diese Sprache in der kontinuierlichen mündlichen Überlieferung ihrer Sprecher erfahren hat. Die Herausbildung der Standardvarietät und ihre Verbreitung als Dachsprache (vgl. grundlegend Bruni 1994), die eng mit der geschriebenen Sprache verbunden sind, lassen sich dagegen nicht als kontinuierlich fortschreitende Prozesse beschreiben; vielmehr wurden sie durch die erste mediale Revolution, den Buchdruck, gewaltig beschleunigt: Die Standardisierung durch Pietro Bembo (Prose della volgar lingua, 1525) betraf im wesentlichen die Schriftsprache, und ihre Grundlage waren literarische Texte des 14 Jhs. in ihrer ebenfalls von Bembo um die Jahrhundertwende speziell für den Druck vorbeiteten vereinheitlichten Textgestalt. Der Zeitraum, den diese Vorlesung thematisiert, greift also  weit in die Zeit vor Standardisierung zurück, somit in die Zeit, als die lokalen Varietäten zwar schon seit Jahrhunderten existierten, aber im Bewusstsein ihrer Sprecher noch nicht auf eine als vorbildlich (oder: ‚exemplarisch‘) angesehene Schreibvarietät bezogen waren. Es wäre daher auch nicht richtig, den Vorläufern der heutigen Dialekte im Blick auf die Zeit vor dem 16. Jahrhundert schon den sprachsoziologischen Status eines ‚Dialekts‘ zu zu sprechen. Aus demselben Grund ist es rein linguistisch auch nicht gerechtfertigt, sie unter der Bezeichnung ‚italienisch‘ (vgl. zur Bedeutungsgeschichte von italiano Tomasin 2011) zusammenzufassen; in diesem Sinn verstehen sich die distanzierenden Anführungszeichen. Vieles spricht dafür, dass heutige Dialekte früher als selbständige Sprachen wahrgenommen wurden, wie z.B. das Venezianische und wohl auch das Genuesische, die ja beide durch Staaten, nämlich die Seerepubliken Genua und Venedig getragen wurden. In den jeweiligen Territorien haben sowohl das Genuesische (in Korsika und teilweise in Sardinien) als auch das Venezianisch (vor allem in Istrien und Dalmatien) auch Überdachungstendenzen entwickelt und andere Formen des Romanischen verdrängt. Der in der Moderne meist klare sprachziologische Statusunterschied zwischen einer autonomen ‚Sprache‘ und einem nicht autonomen, immer in Bezug auf eine übergeordnete ‚Sprache‘ wahrgenommenen ‚Dialekt‘ ist deshalb in früheren Zeiten durchaus unklar. Der im Blick auf den Status neutrale Ausdruck ‚Idiom‘ bietet sich an, wenn eine alternative Festlegung auf den einen oder anderen Status (‚Sprache‘ vs. ‚Dialekt‘) vermieden werden soll.

'Idiom' - ein nützlicher Oberbegriff

‚Idiom‘ – ein nützlicher Oberbegriff

  Nur kleinräumige oder lokal gebrauchte Idiome werden auch als Vernakularsprachen (it. vernacoli) bezeichnet. Allerdings lässt sich die zusammenfassende Bezeichnung ‚Italienisch‘ auch in früheren Zeiten insofern vertreten, als  diese romanischen Idiome keineswegs isoliert nebeneinander stehen, sondern im Kontakt untereinander einen gemeinsamen kommunikativen Raum bilden, in dessen Zentrum die Apenninenhalbinsel, das heutige Italien liegt.

2. Der mediterrane Kommunikationsraum

Zuächst verdient der aus dem Lateinischen stammende italienische Name mediterraneo eine Bemerkung; er setzt sich aus lat. medium  ‚Mitte‘ und terra ‚Land‘ zusammen, im Sinne von ‚mitten im Land, fern vom Wasser‘ ; ursprünglich hat sich dieser Ausdruck daher ausschließlich auf Land- und nicht auf Wasserflächen bezogen zu haben (Georges 1913, 845 f.). Letztlich ist die, erst bei Isidor von Sevilla (560-636 n. Chr.) belegte Übertragung der Bezeichnung auf das Meer (mare mediterraneum) ein wenig merkwürdig; Italien ist zwar keine Insel, aber in topographischer ist die italienische Halbinsel weitestgehend vom Meer umschlossen, es ist mit einem lateinischen Kunstwort ausgedrückt, gewissermaßen eine ‚terra medimarittima‘. Nun ist der Name für das Italien umgebende Meer jedoch  aus italienischer Sicht gerade nicht durch diese Konstellation motiviert (MEER umschließt LAND), sondern durch die topographische Tatsache, dass dieses Meer wiederum eine ländliche Umgebung hat; es ist der mare mediterraneo, d.h. das Meer in mitten des Landes (oder in älterer deutscher Übersetzung das mittelländische Meer). Der topographische Bezug zu Italien wird also in der Bezeichnung ausgeblendet. In Italien bezeichnet man das Meer aus der topographischen Perspektive der überseeischen Gebiete und nicht im Hinblick auf die eigene, topographisch zentrale Position in diesem Meer: Mittelmeer das Italien umgibt, ist explizit das Meer in der Mitte des Landes (und hat wiederum Italien implizit in seiner Mitte).t

in_mezzo_alla_terra

in_mezzo_alla_terra

Ganz anders, nämlich konsequent aus der eigenen topographischen Perspektive ist dagegen die bereits auf die Antike zurückgehende, vorderasiatische Bezeichnungsmotivation, der das Mittelmeer als ‚weißes Meer‘ bezeichnet wird (vgl. arab. ‏البحر الأبيض‎/al-baḥr al-abyaḍ  und türk. Akdeniz), d.h. ‚Meer im Westen von uns‘, denn das Farbwort ‚weiß‘ bedeutet auch ‚Westen‘. Analog ist das Schwarze Meer das Meer im Norden, denn die Wörter für ’schwarz‘ bedeuten auch ‚Norden‘ (türkisch Karadeniz), und das Rote Meer dasjenige im Süden, denn ‚rot‘ bedeutet auch ‚Süden‘ (türkisch Kızıldeniz). Natürlich darf man diese eher anekdotische Bemerkung zur Etymologie von mediterraneo nicht allzu wichtig nehmen, aber sie zeigt doch exemplarisch die Bedeutung des Mittelmeers für das räumliche Selbstverständnis ‚der‘ Italiener. Was jedoch unter ‚Raum‘ in diesem Zusammenhang verstanden werden kann, muss präzisiert werden. Der alltagssprachliche Ausdruck ist nur scheinbar selbstverständlich, denn er hat in den letzten Jahren in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften eine gewaltige Konjunktur erfahren, die von vielfältiger Theoriebildung beflügelt wurde; der gesamte Komplex wird meistens mit dem Schlagwort des spatial turn identifiziert .

3. Von der Varietätenlinguistik zur Linguistik der Variation im kommunikativen Raum

In der Tat greift auch die varietätenlinguistische Modellierung der Architektur des einzelsprachlichen Raums (wie in Abb. 1) zu kurz; sie operiert mit zwar dynamisch konzipierten, aber doch stets ausgebildeten und in sich funktionsfähigen sprachlichen Systemen, eben mit ‚Sprachen‘ in Gestalt von ‚Varietäten‘. Dieser Ansatz ist für den Umgang mit empirischen Daten grundsätzlich problematisch und bei einer schwachen Datenlage geradezu abwegig. Denn er kann der Tatsache, dass konkrete sprachliche Daten (‚Äußerungen‘) stets und unweigerlich auf individuelle SprecherInnen zurückgehen, nicht gerecht werden; der Sprecher ist die letzte Instanz sprachwissenschaftlicher Untersuchungen.

3.1. Instanzen des kommunikativen Raums

Es ist daher sinnvoll, den Raum, in dem konkrete sprachliche Kommunikation passiert ausgehend von der Quelle, d.h. vom Sprecher zu entwerfen, um die sprachlichen Daten so präzise wie möglich zu kontextualisieren. In sprachgeschichtlicher Hinsicht sind ‚Sprecher‘ natürlich vor der Erfindung technischer Tonaufnahmen (Ende des 19 Jahrhunderts) grundsätzlich ‚Schreiber‘; auch die Rekonstruktion älterer gesprochener Sprache beruht auf der Auswertung von Textzeugnissen. Sprecher kommunizieren in Zonen unterschiedlicher Reichweite (vgl. Schütz/Luckmann 1979, 63-68), die oft mit der Verwendung spezifischer Varietäten und Sprachen verknüpft sind und nicht selten eine mehrsprachige Kompetenz erfordern. Unter den Lebensbedingungen der Moderne lässt sich der kommunikative Raum etwa in einen Nah- und Fernbereich gliedern, wobei es weiterhin sinnvoll ist, innerhalb des Fernbereichs nach nicht institutionalisierter und institutionalisierter Kommunikation (mit/in Behörden, Schulen usw.) zu differenzieren.

Sprecherzentrierte Zonierung des kommunikativen Raums

Sprecherzentrierte Zonierung des kommunikativen Raums

Mit diesem sehr einfachen und robusten Model lassen sich sehr zahlreiche, auch ganz unterschiedliche Konstellationen erfassen; trivial ist der Fall eines monolingualen einheimischen Sprechers, dessen alle Zonen allesamt durch mehr oder weniger dieselbe Sprache/Varietät, heute meist die Standardvarietät, geprägt sind. Auch die bekannten Idealtypen der Mehrsprachigkeit, etwa die Diglossie (vgl. Lüdi 1990), lassen sich durch Verknüpfungen mit entsprechende Sprachen/Varietäten gut abbilden. Ein besonders komplexer, aber keineswegs sehr seltener Fall wäre der eines nicht einheimischen Sprechers (z.B. eines Migranten), der sich in einem dialektal geprägten Areal in mehrsprachigen Netzwerken dominant ebenfalls nicht einheimischer Sprecher bewegt, also z.B. ein Ivorer, der seinen Lebensunterhalt als Händler auf einem der großen Märkte im sizilianische Palermo bestreitet. Die sprachwissenschaftliche Analyse und Beurteilung von Varianten, die im mündlichen/schriftlichen Sprachgebrauch eines Sprechers auffallen, setzen eine entsprechende Kontextualisierung voraus; nur S-Varianten, die durch den Sprachgebrauch von N und/oder A bestätigt werden, erlauben es unter Umständen, die Existenz ganzer Varietäten in Erwägung zu ziehen. Falls nicht, muss man individuelle, sprecherbedingte Variation aus stilistischer Absicht oder eingeschränkter Kompetenz  annehmen. Es versteht sich von nun von selbst, dass die Kontextualisierung historischer Daten eine besondere Herausforderung darstellen, da alle Instanzen des kommunikativen Raums mehr oder weniger unbekannt sein können und von Grund auf rekonstruktionsbedürftig sind.  In methodologischer Hinsicht exemplarisch und in Hinblick auf ihre historische Komplexität faszinierend ist nun gerade die Rolle des ‚Italienischen‘ im mediterranen Zusammenhang, um die es in dieser Vorlesung geht.

3.2. Die Adaptation der Instanzen für die historische Rekonstruktion des mediterranen Kommunikationsraums

Vorab sollen hier nur einige Rahmenbedingungen festgehalten werden, die im Detail zu präzisieren sind: Der mediterrane Raum lässt sich nicht scharf abgrenzen; er entspricht keinem staatlichen Territorium (Instanz T), impliziert jedoch eine Vielfalt von Territorien, die sich teils im relevanten Zeitraum überhaupt entwickeln, teils erheblich verändern. Teils handelt es sich um stark expandierende Flächenstaaten wie z.B. das Königreich Spanien oder das Osmanische Reich, teils Seerepubliken mit einem verzweigten Netz von Niederlassungen oder gar Kolonien; diese so genannten repubbliche marinare werden ausführlich zur Sprache kommen. In keinem dieser staatlichen Territorien ist jedoch eine bestimmte Sprache institutionell vorgeschrieben; es ist also davon auszugehen, dass durch die zugehörigen Institutionen kein starker sprachlicher Homogenisierungsdruck ausgeübt wurde.  Im Blick auf die Instanz des Sprechers (S) ist zudem in vielen sozialen Kontexten, etwa in den Bereichen des Militärs und des Handels,  mit hoher und im Blick auf den Handel auch mit über Generationen tradierter Mobilität zu rechnen.

3.3. Verkehrssprache

Vor diesem Hintergrund ist die Kategorie der Verkehrssprache oder Vehikularsprache von besonderer Bedeutung; mit diesem Ausdruck, der im Gegensatz zu Vernakularsprache (s.o.) steht, Damit sind Sprachen oder Varietäten gemeint, die weithin in der Kommunikation zwischen Personen mit unterschiedlichen L1 gebraucht werden; das können durchaus auch Sprachen sein, die natürlich als L1 erworben werden. ‚Verkehrssprachen‘ sind dann diejenigen L1 , die in der Kommunikation mit Personen anderer L1 mit hoher Wahrscheinlichkeit bevorzugt werden. So kann heutzutage ein Sprecher mit Englisch als L1 weithin darauf zählen, dass diese Sprache auch im Umgang mit Personen mit einer anderer L1 beinahe automatisch als gemeinsame Sprache verwandt werden kann. Verkehrssprachen sind obligatorisch, wenn die unterschiedlichen L1 der kommunikationswilligen Personen unterschiedlichen Sprachfamilien angehören (romanisch, slawisch,  germanisch, semitisch, türkisch, ugrisch usw.). Verkehrssprachen können aber auch zwischen Idiomen ein- und derselben Sprachfamilie  notwendig werden (z.B. einem Piemontesen und einem Kalabresen, denen nur ihre jeweiliger Dialekt als L1 zur Verfügung steht). Oft ist aber zwischen Sprecher nah verwandter Idiome (aus einer Sprachfamilie) mit so genannter  rezeptiver Mehrsprachigkeit (vgl. Schwägerl-Melchior 2014) zu rechnen; etwa Spanisch und Standard- bzw. Süditalienisch sind bis zu einem gewissen Grad gegenseitig verständlich.

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Verkehrssprache

Der Ausdruck ‚Verkehrssprache‘ wird oft im Zusammenhang mit ‚Handelssprache‚ oder  ‚Hilfssprache‘ und ‚lingua franca‘ verwandt. Hier bestehen sicherlich Überschneidungen; allerdings sollten die drei Ausdrücke nicht synonym verstanden werden, denn der Handel ist ein wichtiger, aber keineswegs der einzige Verwendungskontext einer ‚Verkehrssprache‘. Ambig ist vor allem ‚Lingua franca‘, denn damit wird nicht nur die kommunikationsräumliche Funktion ‚gemeinsame Sprache in der Kommunikation von Personen mit unterschiedlichen L1‘ bezeichnet, sondern ein ganz spezifisches, grammatisch extrem reduziertes Pidgin des Mittelmeergebiets, der ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Ein Pidgin ist eigentlich gar keine ‚Sprache‘ im Sinnes eines in sich selbständigen und vollständigen Verständnissystems (vgl. Abb. 2), da es per definitionem nicht L1 einer Person sein kann.  

3.3.1. Merke:

Die italienische Sprachgeschichte muss

  • auf varietätenlinguistischer Grundlage
  • vor dem Hintergrund der  Mediengeschichte
  • in einer über Italien hinausreichenden, kommunikationsräumlichen Perspektive,

geschrieben werden. 

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