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Materialien zum Konzept ‚Ausbau‘

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Materialien zum Konzept ‚Ausbau‘. Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (26.02.2019, 14:51). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=38092&v=1.

Die Sprachsoziologie von Heinz Kloss hat zwei Kriterien herausgearbeitet, mit denen der Sprachstatus eines Idioms gerechtfertigt werden kann: den so genannten Abstand und den so genannten Ausbau.

1. Definitionen von Kloss

„Die Bezeichnung „Ausbausprachen“ könnte umschrieben werden als „Sprachen, die als solche gelten aufgrund ihres Ausbaus, ihres „Ausgebautseins“ zu Werkzeugen für qualifizierte Anwendungszwecke und -bereiche“. Sprachen, die in diese Kategorie gehören, sind als solche anerkannt, weil sie aus- oder umgestaltet wurden, damit sie als standardisierte Werkzeuge literarischer Betätigung dienen können. Eine Bezeichnung wie „Ausbau“ stellt auf gezielte Sprachpolitik ab und hilft uns, ein Mißverständnis zu vermeiden, zu dem der geläufigere und daher an sich näherliegende Ausdruck „Entwicklung“ leicht verführen könnte: daß nämlich ‘Ausbau’ statt durch systematische Sprachpflege und -planung ebensogut zustandekommen könne durch jenen langsamen, fast unmerklichen und völlig ungelenkten Sprachwandel, den wir als einen „natürlichen“ Prozeß zu bezeichnen pflegen.“ (Kloss 1978, 25)

„Die Bezeichnung „Abstandsprachen“ will zum Ausdruck bringen, daß das betreffende Idiom als Sprache aufgrund seines Abstandes anerkannt wird, wobei natürlich nicht an räumlich-geographischen, sondern an sprachimmanenten, sprachkörperlichen Abstand gedacht ist.“ (Kloss 1978, 25)

„Abstandsprachen werden auf Grund ihres linguistischen Abstandes von allen anderen lebenden Sprachen gleichsam ‘automatisch’, d.h. selbst wenn in ihnen keinerlei gedrucktes Schrifttum vorliegt, als ‘Sprachen’ anerkannt, weshalb ich in einer sehr frühen Veröffentlichung geradezu von „automatischen Sprachen“ gesprochen hatte. Die Ausbausprachen hingegen würden nicht als Sprachen, sondern nur als Dialekte behandelt werden, wären sie nicht das Ausdruckmittel einer vielseitigen, besonders auch eine beträchtliche Menge von Sachprosa umfassenden Literatur geworden.“ (Kloss 1978, 25)

Kloss Überlegungen fußen auf der dichotomischen Vorstellung, ein Idiom sei entweder eine ‚Sprache‘ oder ein ‚Dialekt‘.  Terminologisch aber wohl auch konzeptionell unglücklich ist die Ableitung des ganz spezifischen Status der Sprache aus dem Ausbau auf der einen Seite und die Etablierung einer ganzen Reihe von Zwischenformen zwischen Dialekt und Sprache auf der anderen Seite:

  • „Ausbaudialekt“,
  • „voll dialektisierte“ Abstandssprache,
  • „dialektisierbare und tatsächlich auch scheindialektisierte Abstandssprache“,
  • „dialektisierbare Abstandssprache“.

Diese, in der folgenden Abbildung durch Anführungszeichen gekennzeichneten Ausprägungen  lassen sich einer zweidimensionalen Abstand-Ausbau-Feld in Bezug zu den Basiskategorien „Ausbausprache“, „Normaldialekt“ und „Abstandsprache“ setzen:

2. Ausbautaxonomie

2.1. nach Kloss

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478248943 Sprachsoziologische Taxonomie Im Sinne Von Kloss

Sprachsoziologische Taxonomie Im Sinne Von Kloss 21978, 79 ff.

  • ‚Abstand‘ ist im Sinne einer quantifizierbaren und objektivierbaren, hinreichenden Verschiedenheit für die Zuschreibung des Status ‚Sprache‘ in der Romania continua irrelevant; die Annahme eindeutiger, quantifizierbarer Abstandschwellen, als ob der Status der Sprache sich aus einer hinreichenden Menge von unterscheidenden Merkmalen automatisch ergeben könnte, widerspricht dem räumlichen Kontinuum.
  • ‚Abstand‘ und ‚Ausbau‘ sind asymmetrische Parameter; ‚Ausbau‘ setzt Abstand außer Kraft, vor allem dann, wenn im Zuge des Ausbaus eine Standardisierung und territoriale Institutionalisierung (‚Implementierung‘) erfolgt. Dann wird der Sprachstatus auch durch minimalen Abstand nicht in Frage gestellt; ‚Ausbau‘ sanktioniert ‚Abstand‘ durch Standardfestlegung (z.B. allein in der Orthographie); dieser festgeschriebene Abstand ist trennscharf, auch wenn er nur minimal ist,
  • Lokale Idiome können zu Varietäten einer historischen Sprache werden, müssen aber nicht.
  • Unter Umständen entstehen ‚dachlose‘ Varietäten, d.h. eigentlich Varietäten unter dem Dach einer nicht nahe verwandten oder ganz unverwandten Sprache.

2.2. Revision

Ein revidiertes Modell könnte also wie folgt aussehen:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478428595 Sprachsoziologische Taxonomie

Revidierte sprachsoziologische Taxonomie

Einbezug der Sprecherperzeption und –repräsentation
(‚Sprachbewusstsein‘)

Kloss ist skeptisch:

„Weinrichs drittes Merkmal [für die Klassifikation eines Idioms als ‚Sprache‘], also die Einstufung durch die Sprecher der Sprache, scheint mir entbehrlich, ja bedenklich zu sein, Wie schon dargelegt, hörten Okzitanisch und Niedersächsissch, als ihre Sprecher begannen, sie als Dialekt zu empfinden und zu bezeichnen, nicht auf, Sprachen zu sein. Umgekehrt wird eine Sprachform, die die Linguisten eindeutig als Dialekt auffassen, nicht dadurch zur Sprache, dass ihre Sprecher stattdessen der Meinung sind, es handle sich um eine ‚Sprache‘, sondern erst (und bloß) dadurch, dass sie daraus die praktische Folgerung ziehen, aus ihrem Dialekt eine Ausbausprache zu machen“ (Kloss 1978, 27)

Es muss aber berücksichtigt werden, dass Ausbau in den Neuen Medien durch die Sprecher massenhaft (‚crowd‘) in Gang gesetzt werden (was Sprachbewusstsein voraussetzt).

2.3. Ausbauprozesse

  • Kloss typisiert die Phasen des Ausbaus nach Diskurskonstellationen („Entfaltungssphären“/ „Entfaltungsstufen“) und Diskursgegenständen („Anwendungsbereichen“)
/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478249378 Ausbauprozesse Nach Kloss

Ausbauprozesse Nach Kloss

„1. die gruppenbezogenen oder besser, «eigenbezogenen» Themen aus dem eigenen Lebensbereich der betreffenden Sprachgemeinschaft: vor allem ihre Sprache, Literatur und Volkskunde, aber auch ihre Geschichte und Heimatkunde, einschließlich der Landwirtschaft, ihrer einheimischen Gewerbezweige, der heimatlichen Fauna, Flora usw.; [= E]

2. alle übrigen kulturkundlichen Fächer (humanities, «Geisteswissenschaften»), einschließlich (u.a.) Rechtswissenschaft, Philosophie, Theologie; [= K]

3. Naturwissenschaften und Technologie. [= N]

[…] Es sei betont, dass diese Dreiteilung der Entfaltungsstufen vorerst weniger zwingend ist als die der Anwendungsbereiche und dass sie durch andere Aufteilungen ersetzt werden könnte.“ (Kloss 1978, 47)

Ausbautypik und Ausbauschwelle Nach Kloss 1978, 48

Problematische Kategorien:

  • Was heißt E? Sprecher- oder Sprechergruppenbezogenheit? ? U.U. konstituiert sich doch  die Gruppe erst mit dem Ausbau.
  • In historischer Anwendung schwierig sind  K vs E und G vs V.
  • Die Trennung von F, G, V ist in den Neuen Medien schwierig.
  • Es gibt auch einen Ausbau in der Mündlichkeit; er ist zwar sicherlich weniger wichtig für Sprachgeschichtsschreibung; aber die öffentliche politische, juristische und religiöse Rhetorik wird gewiss unterschätzt.
  • Zwischen Ausbau – Überdachung – Standardisierung besteht offenkundig ein historischer Zusammenhang; er ist aber nicht unbedingt aber notwendig.

 

Kloss, Heinz (1978): Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800. (1952), Düsseldorf.
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