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Venedig: Historische Rahmenbedingungen

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): Venedig: Historische Rahmenbedingungen. Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (15.02.2017, 13:08). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=7561&v=1.

 

0.1. Der Staat

Venedig ist keine römische Gründung; vielmehr ist die Stadtgründung (unabhängig vom legendären Gründungsdatum 421 n.Chr.) im Zusammenhang mit dem byzantinischen Besitz in Oberitalien, dem so genannten Exarchat von Ravenna. Es entwickelte sich innerhalb des Byzantinischen Reichs bald (nach einer historisch umstrittenen ersten Dogenwahl im Jahre 697) zu einem quasi autonomen Staat, der drei große Verwaltungseinheiten umfasste:

  • den Dogado ‚ducato‘ mit der Stadt Venedig selbst als Kern;
  • den Stato da Màr mit allen Kolonialgebieten in adriatischen Raum, im östlichen Mittelmeerraum und im Gebiet des Schwarzen Meeres (bis ;
  • den  Stato da Tera (bis 1797 erhalten) mit den Besitztümern auf der oberitalienischen terra ferma.

Die weite maritime Expansion nach Süden und Osten wäre ohne das byzantinische Protektorat und die sich damit ergebenden Handelsprivilegien kaum möglich gewesen. Gleichzeitig hat der Aufstieg der venezianischen Seerepublik zweifellos zur Auflösung dieses Imperiums beigetragen.  

“Venedig konnte nur wachsen, indem es von den Märkten, den Willfährigkeiten und Schwächen des Oströmischen Reichs nährte und ihm seine Leistungen aufzwang. Es zerfraß das Riesengebäude von innen, so wie Termiten ein Gebälk aushöhlen.” (Braudel 1987, 161)

Die politische Führung ging dabei sogar so weit, den 4. Kreuzzug, der ja eigentlich vollkommen andere Ziele hatte (‚Befreiung Jerusalems‘) für eigene Zwecke zu instrumentalisieren und nach Zara (kroat: Zadar) sowie anschließend vor allem nach Konstantinopel umzuleiten:

“Der Doge Enrico Dandolo (1192-1205) erorberte als Führer des vierten Kreuzzugs Konstantinopel und brachte von dort eine große Anzahl von Siegestrophäen nach Venedig, darunter die vier bronzenen Pferde, die an der Fassade des Markusdoms angebracht wurden.” (Benevolo 1983, 380)

Venedig wurde im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Staates zum Prototyp der großen Wirtschaftsmetropolen.

“Als eine Art Welt-Vorratslager nimmt die Lagunenstadt in kleinerem Stil bereits die spätere Rolle Amsterdams vorweg.” (Braudel 1990, 132)

Die Niedergang ergab sich dann mit der Verlagerung vom mediterranen zum transatlantischen Handel; daraus resultierte Reihe anderer, nachfolgender Metropolen, nämlich Antwerpen, Amsterdam, London und schließlich – jenseits des Atlantiks –  New York.

“Jeder zusammenhängende Wirtschaftsraum läuft in einer zentralen Stadt zusammen, so wie eine Pyramide in ihrer Spitze. Venedig war zwischen 1381 und 1498 diese einzigartige Metropole, vielleicht schon vor seinem Sieg über Genua (1376-1381), vielleicht auch noch ein paar Jahre über die triumphale Rückkunft Vasco da Gamas nach Lissabon (1498) hinaus.” (Braudel 1987, 161)

Allerdings versteht es die Republik ab dem 16. Jahrhundert während einer gewissen Zeit durchaus, ihre ihre wirtschaftliche Basis vom Handel auf landwirtschaftliche Produktion umzustellen.   

“Mit der Eroberung seiner Terra Ferma mausert sich Venedig zu einer großen Agrarmacht […] Nach dem 16. Jahrhundert und v.a. nach der Krise des 17. Jahrhunderts aber steigen die Patrizier aus dem Handel aus und werfen sich mit ihrem ganzen Gewicht und ihrem ganzen Reichtum auf die Landwirtschaft.” (Braudel 1990 b 307)

Illustrativ ist Braudels Beispiel des Landguts der Patrizier-Familie Tron bei Anguillara (bei Rovigo an der Etsch). Dort herrschte eine Art “[…] eine Art fabrikmäßig betriebener Landwirtschaft […]“:

„Die Vorarbeiter lassen die Tagelöhner keinen Moment lang aus den Augen. Mit der orologio alla mano wachen sie darüber, daß sie die Ihnen pro Tag zustehende einstündige Ruhepause nicht überziehen. Es herrscht strengste Disziplin, alles ist methodisch geregelt: der Unterhalt der Gräben, der Taubenschläge, die Pflege der Maulbeerbaumplatagen, die Destillation des Obstes, die Fischzucht, der sehr früh (1765) eingeführte Kartoffelanbau, die Wartung der Deiche […] Revision unserer Sicht der venezianischen Geschichte erforderlich […] Ganz offenkundig investieren die Patrizier, nachdem sie Ende des 16. Jahrhunderts den Handel als zu riskant und vom Zufall abhängig erfahren hatten, ihr Vermögen nicht mangels besserer Möglichkeiten in Maulbeerbaumplantagen, Reis-, Weizen- und Hanffeldern. Die Terra Ferma ist für sie keineswegs nur eine Verlegenheitslösung […]” (Braudel 1990 b 308)

Der zugehörige Traktat ist von Vincenzo Tanara (31651 [1644]): L’economia del cittadino in villa, Venedig.

0.2. Die Stadt: ein Exempel europäischer Stadtgeschichte

“Ihre endgültige Form erhielt die Stadt bereits am Ende des 11. Jahrhunderts. Diese blieb auch über die folgenden Jahrhunderte hinweg fast gänzlich unverändert, wie man auf dem ältesten Plan Venedigs – keine der im Mittelalter allgemein üblichen stilisierten Ansichten, sondern ein genauer Lageplan [hier: Abb 2; Th.K] – und auf modernen Karten […] sehen kann.” (Benevolo 1983, 375)

“Anfang des 13. Jahrhunderts war die »großartige funktionale Maschine«, wie Le Corbusier dieses auf einer präzisen Ausgewogenheit zwischen Wasser und Land basierende städtische Gebilde nannte, bereits vollendet. Erst danach kamen »die Künstler«, aber da war im Zusammenwirken aller das Bild der Stadt im Wesentlichen bereits festgelegt und in die Umgebung eingepaßt.” (Benevolo 1983, 381 f.)

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1449130945 Plan Von Venedig Aus Dem Jahre 1348

Plan von Venedig aus dem Jahre 1348 (in Benevolo 1983, 376)

“Um die Lagunenlandschaft, von der das Leben der Stadt abhing, vor der Zerstörung zu bewahren, hatten die Baumeister der Republik inzwischen eine Reihe von Maßnahmen getroffen: Flüsse, die in die Lagune mündeten, wurden umgleitet, um die Verschlammung der Lagune zu verhindern; Kanäle wurden gegraben, damit das Wasser in den sumpfigen, malariagefährdeten Gebieten in Bewegung blieb und um den großen Schiffen die Durchfahrt zu erleichtern, die sandige, zwischen der Lagune und dem Meer gelegenen  schmalen Landstriche, die Lidos, wurden durch Uferbefestigung gegen das Meer hin geschützt.

Dieser einzigartige, leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende und doch dauerhafte Organismus beruhte auf einem aus dem Orient stammenden, in sich geschlossenen Bauplan und besaß ursprünglich eine größere Ähnlichkeit mit den antiken, den byzantinischen und den arabischen Städten als mit den anderen europäischen Städten des Mittelalters.” (Benevolo 1983, 395)

0.3. Gesellschaftsstruktur

Politisch gesehen bildete die so genannte repubblica eine streng stratifizierte und geschlossene (Stadt-)Gesellschaft; Ferdinand Braudel nennt sie  “die letzte Polis des Abendlands” (Braudel 1990 c, 5679). In diesem Sinne sind unterschiedlich Stände zu unterscheiden, da bestimmte Ämter bestimmten Personengruppen vorbehalten waren. So gab es eine in sich geschlossene adelige Führungsschicht (die patrizi oder nobili):

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1448973849 Patrizio boerio

Patrizio aus Boerio 31867 (1829), 482

Rösch macht darauf aufmerksam, dass es sich dabei jedoch um  eine Art Oligarchie handelte, die aus dem wirtschaftlichen Erfolg im Handel hervorging und dem Feudaladel anderer europäischer Staaten kaum zu vergleichen war.

“Etwa fünf Prozent der venezianischen Bevölkerung gehörten zum Adel, der für sich alle politischen Rechte reklamierte. Diese selbsternannte Adelsschicht pflegte aber einen anderen Lebensstil, als man sich im übrigen Europa für einen Adligen vorstellte. Neben den besoldeten Staatsämtern war es der Handel, der die wirtschaftliche Grundlage abgab. Bereits im 13. Jahrhundert wurden die vornehmsten Geschlechter als adlig bezeichnet, obwohl sich die Oberschicht rechtlich nicht vom Rest der Bürger unterschied. Erst seit dem 14. Jahrhundert bildeten die führenden Familien dann einen eigenen Rechtsstand, der auf dem Zugang zum Großen Rat begründet wurde. Zwischen 1293 und 1379 hat man 244 Adelsfamilien in Venedig gezählt, doch starben eine ganze Reihe von Geschlechtern aus. Nach dem Frieden von Turin [1381; Th.K.] hat man dann noch einmal 30 Familien neu in die Nobilität aufgenommen, dabei blieb es.” (Rösch 2000, 134)

Daneben gab es ein Bürgertum popolani, das keineswegs von allen Ämtern ausgeschlossen war; vielmehr zählten bestimmte privilegierte cittadini dazu, die man als  „eine staatstragende zweite Aristokratie” (Rösch 2000 135) mit etlichen Vorrechten ansehen darf; so hatten sie beispielsweise Anspruch auf “die Würde des Großkanzlers der Republik und zahlreiche Notarsposten waren ihnen vorbehalten” (Rösch 2000, 134). Die wesentlichen Informationen zum wichtigen lebenslangen Amt des Cancellier grando (Amt seit 1268) gibt der Artikel aus dem Dizionario del dialetto veneziano von Boerio (31867 [erstmals 1829]; vgl. zu diesem wichtigen Wörterbuch das Kapitel ‚Ausbau‘); 

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1449133906 Cancelier Boerio0

Anfang des Artikels Cancelièr in Boerio

0.3.0.1. Exemplarisch für die Rechts- und Verwaltungssprache: der Cancelliere und seine Cognaten (deu. Kanzler usw.) 

Wie oft stellt sich die Frage nach der Wortgeschichte dieses wichtigen Rechts- und Verwaltungsausdrucks, der sich in vielen europäischen Sprachen findet; für das Deutsche vergleiche man den Artikel im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm.

„Kanzler Sm std. (10. Jh.), mhd. kanzelære, kanzler, ahd. kanzellāri, kanzilāri. Entlehnt aus spl.  cancellārius ‚Vorsteher einer Behörde‘ (→ Kanzlei). Ursprünglich ein spätrömischer Amtstitel, bezeugt seit dem 4. Jh. Er bezeichnet den Amtsdiener, der den Verkehr zwischen den durhc Schranken (l. cancelli) von der Öffentlichkeit abgetrennten Magistraten und dem Publikum regelt. Dann Gerichtsschreiber und Urkundenbeamter und schließlich Vorsteher einer Behörde, dann sogar der Regierung. Sein Arbeitsplatz und dann seine Behörde ist die Kanzlei (heute veraltet).

Ebenso mndl. kanselier, ne. chancellor, nfrz. chancelier, nschw. kansler, nnorw. kansler, nisl. kanslari → Kanzel […]“ (Kluge 471)

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1449042579 Cancellarius FEW 1

[…]

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1449042590 Cancellarius FEW 2

Cancellarius FEW 2, 173

Die ursprüngliche Herkunft der gesamten Wortfamilie aus lat. cancellarius ist  unproblematisch; komplex ist jedoch womöglich die historische Verbreitung. Der FEW nennt zwei frühmittelalterliche Gesetzestexte als Quellen; die eine (Lex Ripuaria) weist nach Frankreich. Im fränkischen Reich wurde erstmals 759 ein Erzkanzler als Leiter der königlichen Kanzlei ernannt. Die andere Quelle (Lex Langobadorum) stammt jedoch aus Oberitalien; das deutsche und venezianische Wort könnten also durchaus unabhängig voneinander aus der spätlateinischen Verwaltungs- und Rechtssprache entlehnt worden sein; eine Entlehnung des Deutschen und Venezianischen aus dem Französischen kann man dagegen aus lautlichen Gründen (wegen palatalisierten Anlauts ch-) wohl ausschließen. 

0.3.1. Gestuftes Bürgerrecht

Das venezianische Bürgerrecht konnte unabhängig von der Herkunft erworben; dabei sind ein eingeschränkter Status, das Bürgerrecht de intus nach 15 Jahren Aufenthalt, und vollgültiger Status zu unterscheiden, das Bürgerrecht de intus et extra, das nach 25 Jahren Aufenthalt verliehen wurde. Allerdings wurde durch eine Senatsverfügung von 1386 auch die Rechte von Neubürgern mit vollem Bürgerrecht beschnitten, insofern es ihnen nicht gestattet war, direkt mit deutschen Händlern Geschäfte zu machen, auch nicht im Fondaco

Informationen über den sozialen Status der Bürger liefern die Ergebnisse einer Vermögensschätzung von 1379:

“[…] auch Handwerker konnten es zu erstaunlichem Reichtum bringen. Der reichste Venezianer war Federico Cornaro, ein Zuckerbaron aus Zypern […]. Der Steuerkataster von 1379 zeigt deutlich an, wie sich rechtlicher Stand und wirtschaftliche Lage bereits nicht mehr decken.” (Rösch 2000, 136)

Darüber hinaus weiß man von “[… ] etliche[n] sehr wohlhabende[n] Geschäftsleute, Metzger, Schuhmacher, Maurer, Seifensieder, Goldschmiede und, an erste Stelle, Spezereihändler” (Braudel 1990 a, 136)

0.3.2. Heterogenität der Stadtbevölkerung

Die Einwohnerschaft der Stadt war seit je vielfältig zusammengesetzt; das gilt einerseits im Blick auf die Herkunft und Erstsprache, wie die gut bezeugte, kontinuierliche Anwesenheit mehr oder weniger großer Gruppen von  Dalmatinern, Kroaten, Albanern, Türken, Armeniern und  Arabern zeigt. Es gab aber auch regelrechte Immigrationswellen; nach dem Fall von Konstantinopel (1453) wurde Venedig wegen der Einwanderer zum  “Zentrum der Rezeption griechischer Kultur im Abenland” [Rösch 2000, 139]).

Heterogen war die Bevölkerung aber nicht im Hinblick auf die Erstsprache, sondern auch in religiöser Hinsicht. Bekannt ist vor allem die jüdische Gemeinde, denn aus der Zuweisung eines spezifischen Stadtviertels auf der Insel Gheto Novo (1516) im Sestriere Cannaregio entstand die Bezeichnung ghetto ‚jüdisches Wohnviertel‘, die in zahlreiche andere Sprachen entlehnt wurde. In sprachlicher Hinsicht war die jüdische Gemeinde keineswegs einheitlich, denn es gab deutsche Juden (Aschkenasim), spanischsprachige Juden (Sephardim; 1492 aus Spanien vertrieben), die wiederum in ‚Ponentiner‘ von der Iberischen Halbinsel und ‚Levantiner‘  aus dem Osmanischen Reiche unterteilt wurden. Hinzu kamen zahlreiche portugiesischsprachige Juden, die unter Zwang oder starkem Druck in Portugal zwangschristianisiert worden waren (judeoconversos oder Marranen). Allerdings ist die Vorstellung einer klaren Gegenüberstellung von ’spanisch-‚ und ‚portugiesisch’sprachigen Gruppen ein wenig anachronistisch, da sich die iberromanischen Varietäten, die als L1 angenommen werden müssen, nicht unbedingt eindeutig der einen oder anderen ‚Sprachen‘ zuordnen ließen.

„Die Ponentiner hatten die venezianische Inquisition zu fürchten, doch insgesamt übertraf das Interesse der Venezianer am Levantehandel mögliche Bedenken hinsichtlich der Treue zur katholischen Orthodoxie. Der Pragmatismus der Venezianer zeigte sich auch in der Bereitschaft der Stadtregierung, den Bau einer griechisch-orthodoxen Kirche, San Giorgio dei Greci, zu genehmigen, denn alle übrigen griechischen Kirchen in Italien gehörten bis dahin den Uniaten, die die päpstliche Autorität anerkannten.“ (Abulafia 2013, 587)          

Neben den Patriziern sind die Juden eine wichtige Säule der venezianischen Händlerschaft gewesen; auch dieses Segment der venezianischen Gesellschaft wurde von Shakespeare zum Anlass einer berühmte Literarisierung (The Merchant of Venice, 1596-1598) .  

Spezifische Wohnquartiere, die sogenannten fonteghi (ital. fondaco) wurden schon lange vor den Juden auch den fremden Kaufleuten zugewiesen. Bekannt sind u.a. der fontego dei Tedeschi oder (sehr viel später) der fontego dei Turchi (1621).

0.3.3. Freie und Sklaven 

Jenseits des Adels sind ferner “zwei Arbeitswelten” (Braudel 1990 a, 141) zu unterscheiden; an erster Stelle sind die freien und in Zünften (arti) organisierten Handwerker zu nennen, wie z.B. das Ledergewerbe auf Giudecca, die Glasfabrikation auf Murano, die Schiffbauer, die arte della seta, die arte della lana, aber auch z.B.

“die aquaroli, die mit ihren Kähnen Süßwasser aus der Brenta herbeiführen, die peatori oder Lastkahnführer, die umherziehenden Kesselflicker und sogar die pestrineri, die die Milch ins Haus liefern`“ (Braudel 1990 a, 141).

Abgesehen von der wichtigen Funktion des Kanzlers hatten die Handwerker jedoch – im Gegensatz zu Florenz – keinen Zugang zu Regierungsämtern (vgl. Braudel 1990 a, 142). Daneben gabe es ungelernte, nicht organisierte und ungesicherte Arbeitskräfte, zu denen speziell das ‘Seeproletariat’ (F.C. Lane) gehörte, also die Schauerleute, Matrosen und Ruderer, aber auch die Gondolieri. Vor dem Dogenpalast gab es einen Arbeitsmarkt für Seeleute.

Neben den Freien stützte sich das Wirtschaftsleben aber auch auf eine große Sklaven von Sklaven:

“Bereits in ihren Anfängen waren die Venezianer ein Volk von Sklavenhändlern, und dies hat sich während des Mittelalters nie geändert. Zunächst hat man in Westeuropa und auf dem Balkan den Nachschub für die Sklavenmärkte des Mittelmeerraums besorgt, doch als die Kirche rigoros gegen den Handel mit Christen einschritt, musste man das ‘Material’ von weiter her holen. Vor allem die Küsten des Schwarzen Meers waren die Basis dieses schmutzigen Geschäfts, das italienischen Kaufleuten und Mongolen eine einträgliche Partnerschaft ermöglichte. Als dann die Osmanen mit der Eroberung von Konstantinopel diese Handelsroute unterbrachen, begann man, sich die menschliche Ware in Afrika zu besorgen.” (Rösch 2000, 138)

Einen Bericht  über die schwarzen Sklaven als Statussymbol, speziell als Ruderer der Gondeln, gibt schon Marin Sanudo am Ende des 15. Jhs. (vgl. aber auch Shakespeares literarisch idealisiertes Gegenbild im The Tragœdy of Othello, the Moor of Venice [1603/4])

0.3.4. Der Staatsapparat

Die Organe der Republik lassen ungeachtet der skizzierten ständischen Verfassung bereits Ansätze zu einer Art Gewaltenteilung erkennen

“Die konstitutionelle Ordnung der Republik Venedig wurde zwischen 1207 und 1220 erarbeitet und im Jahre 1297 mit den als Serrata del Maggior Consiglio bezeichneten Gesetzen endgültig festgelegt.” (Benevolo 1983, 380)

dann:

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N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1448972327 Consegio Boerio 2

Während der mazor consegio und der consegio de pregai eine Art Exekutive bilden, kamen dem consegio de quaranta, dem consegio de diese (‚consiglio dei dieci‘) und dem terzo consegio eher judikative Aufagebn zu.:  

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2015/12/1448972335 Consegio Boerio 3

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Consegio aus Boerio 31867 (1829), 189

 

 Chronologie einiger wichtiger historischer Daten
  • 421 legendäre Gründung
  •  (umstritten)
  • 812 Karl der Große erkennt VE als Bestandteil des Byz. Reichs an
  • 828/829 Überführung der Reliquie des Heiligen Markus von Alexandria; Dogendynastien (Partecipazio, Candiano)
  • 1000/1001 Doge (Pietro II Orseolo) wird Dux Dalmaticorum
  • 1082-1085 mit Alexios Komnenos I (Kaiser von Byzanz) gegen südital. Normannen: à Handelsprivilegien
  • 1099-1100 I. Kreuzzug (Gebeine de Hlg. Nikolaus von Myra nach VE)
  • 1104 I. Erwähnung des Arsenals
  • 1143 comune Venetiarum (Einführung eines Rats)
  • 1172 (Kleiner und Großer Rat)
  • 1177 Friede von Venedig: Papst Alexander III und Kaiser Friedrich Barbarossa
  • Stato da Tera (bis 1797 erhalten)
  • 1188-1191 III. Kreuzzug (Akkon)
  • 1202-1204 IV. Kreuzzug (Zara erobert, Triest und Muggia unterwerfen sich)
  • 13.4.1204 Plünderung Konstantinopels
  • 1205 Kreta
  • seit 1205 andere Herrschaften in der Ägäis
  • 1240 Ferrara; Schiffahrtsrechte auf dem Po
  • 1242 Zivilstatuten
  • 1255 Seestatuten
  • 1298 Niederlage gegen Genua bei Curzola
  • 1310 Rat der Zehn
  • 1317 Beginn der Galeerenfahrten nach Flandern
  • 1339 Treviso
  • 1376-1381 Chioggia-Krieg (gegen Genua, Carrara aus Padova und den König von Ungarn)
  • 1386 Korfu
  • 1420 Cattaro, Belluno, Feltre, Friaul, Aquileia
  • 1423 Thessaloniki
  • 1428 Bergamo
  • 1453 Mohammend II erobert Konstantinopel
  • 1527 Errichtung des Ghettos
  • 1669 Verlust von Kreta
  • 1715-1716 Frieden von Passarowitz; Venedig verliert die meisten auswärtigen Besitzungen
  • 1797 Untergang
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