< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

USA: ‚Little Italies‘ (19.01.2018)

1. USA: ‚Little Italies‘

1.1. 1) Demographische Verteilung der Italo-Amerikaner ab dem Jahr 2000

Bevölkerungsverteilung nach Herkunftsland (alle United States Census Bureau 2002, 2-3)

Die zuletzt in dieser Form im Jahr 2000 durchgeführte Volkszählung in den USA zählte rund 16 Millionen Einwohner der Vereinigten Staaten, die angaben, zur italoamerikanischen Volksgruppe zu gehören. Auf die Gesamtbevölkerung der USA gerechnet sind dies 5,6%, was die comunità italoamericana zur sechstgrößten ethnischen Gruppe in den Vereinigten Staaten macht. Zur comunità italoamericana gehören

  1. In Italien geborene und in die USA emigrierte Personen (erste Generation)
  2. In den USA geborene und dort lebende Kinder ausgewanderter Italiener (zweite Generation)
  3. Nachkommen der ersten und zweiten Generation (dritten und nachfolgende Generationen)

Die aktuellsten Daten zur demographischen Verteilung stammen aus dem Jahr 2013. Dort ergab eine Hochrechnung etwa 17.235.000 italienischstämige Bürger

Der Census 2000 zeigte, wie aus obenstehender Karte zu entnehmen ist, dass sich die italienstämmige Bevölkerung hauptsächlich an der Ostküste befindet. Das Zentrum hierbei ist die Stadt New York City und die suburbs, die Vorstädte dieser Stadt. Dort befindet sich auch das bekannteste ‚Little Italy‘ in der Mulberry Street. Weitere italoamerikanische Stadtteile in New York befinden sich in Manhattan (East Harlem, das früher auch Italian Harlem hieß), in der Bronx (Little Italy of the Bronx mit Morris Park und Pelham Bay), in Brooklyn (Bensonhurst, Bay Ridge, Dyker Heights, Bath Beach, South Brooklyn), in Queens (Howard Beach, Ozone Park, Middle Village) sowie in Staten Island. 

Ein weiteres bekanntes Stadtviertel mit diesem Namen befindet sich in Chicago. Im Census 2000 befanden sich dort allerdings bereits nicht mehr ausreichend Personen mit italienischer Herkunft, um als Stadt mit sehr hohem Anteil an Bürgern italienischer Herkunft werten zu können. Während in den 1990er Jahren in Little Italy Chicago ca. 1280 Italiener und Italo-Amerikaner lebten, waren es zum Zeitpunkt der Volkszählung 2000 nur noch 1018 Bürger. Insgesamt leben in Chicago rund 2,7 Millionen Menschen.

1.2. 2) Phasen des Kontakts und Migrationswellen

1.2.1. a) Kontakt und Migration zur Kolonialzeit (1500-1783)

Die erste Phase, in der es zu vermehrtem Kontakt zwischen der „neuen Welt“ und italienischen Auswanderern kam, bezieht sich unmittelbar auf die Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch den Italiener Christopher Kolumbus im Jahr 1492 und die beginnende Kolonialisierung. Das Ende dieser Epoche markiert die Unabhängigkeit der 13 Kolonien, die sich unter dem Begriff „New England “ bis heute zusammenfassen lassen. Es umfasst die heutigen Bundesstaaten  Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Die Auswanderung in dieser Zeitperiode ist allerdings aus heutiger Sicht sehr gering: so sind von 1493-1519 61 ligurische Auswanderer dokumentiert, hauptsächlich Händler und Seemänner, in den Folgejahren stieg die Zahl um 143 weitere. (vgl. Franzina 1995, 49-50) Die Berufe der Auswanderer blieben jedoch hauptsächlich bei Seefahrern, Händlern und Bankiers. In den späteren Jahren um 1600 begann das Missionieren bei den amerikanischen Ureinwohnern, weshalb etwa 450 Missionare aus verschiedenen Mönchsorden nach Amerika kamen. (vgl. Franzina 1995, 59)

Die ersten Aspekte  italienischen Handwerks kamen 1621 nach Jamestown, Virginia, als eine Gruppe venezianischer Glasbläser dort eine Glasmanufaktur einrichten sollte. Weitere Einwanderer in dieser Zeit waren Bauern und Landwirte, Wanderarbeiter sowie ungebildete Hilfskräfte für niedere Arbeiten. Sie zogen alle mit ihren Familien nach Amerika, meistens aus dem Süden Italiens. (vgl. Prifti 2014, 95)

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wanderten nun mehrere hundert Italiener aus, viele davon auch aus der Toskana und dem Piemont. Diese waren Fischer, Bauern, Soldaten und Politiker mit hohem Integrationswillen. (vgl. Franzina 1995, 71)

1.2.2. b) Kontakt und Migration im Zeitraum von 1783-ca. 1880

Zu dieser Zeit waren italienische Einwanderer bereits keine Seltenheit mehr. Dennoch nahm der Strom nicht ab und viele Emigrationen waren durch die Ereignisse vor der italienischen Einheit motiviert. Diese fortwährende Zunahme der Neuankömmlinge vergrößerte die Verbreitung der Italiener in Nordamerika noch weiter. 

In Boston, Filadelfia, Washington, Chicago, Cincinnati, St. Louis, Louisville, Memphis e più di tutto alla Nuova Orleans udite con vero piacere in ogni via, o luogo di pubblico convegno echeggiare all’orecchio la bella lingua ove il sì suona. Non c’è forse città […] o villaggio negli Stati Uniti ove non s’incontrino Italiani. (Durante 2001, 430) #scheint ein älteres Zitat zu sein, von wem?#

Mit wachsender Zahl der Einwanderer nahm die Zahl der Bauern unter ihnen immer weiter ab. Die vertretenen Berufe wurden zahlreicher, die Zugehörigkeit zu den sozialen Schichten war nicht mehr rein herkunftsabhängig und auch die Gründe für die Auswanderung aus dem Heimatland wurden unterschiedlicher, förderte aber auch soziale Spannungen unter den italienischen Einwanderern. (vgl. Prifti 2014, 97-100)

1.2.3. c) Die Große Auswanderung (1880-ca. 1927)

In diesem Zeitraum wanderten ca. 14% der Gesamtbevölkerung Italiens aus, also etwa 4,5 Millionen Italiener. Eine genaue Zahl lässt sich aber aufgrund der illegalen Einwanderung und Wieder-Einwanderern nicht festlegen. Die Zensus aus dem Jahr 1920 erfasst darüber hinaus etwas mehr als 3,3 Millionen Italoamerikaner in der zweiten Generation. (vgl. Menarini 1947, 174)

Um die mit wenigen Ausnahmen jährlichen Zahl1 von über 100.000 italienischen Einwanderern zu beschränken, führt die amerikanische Regierung im Jahr 1917 den sogenannten Literacy Test ein, der die jährliche Zuwanderung nun auf 2000 Personen im Jahr 1919 beschränkt. Dennoch erhöhte sich diese Menge in der Konsequenz der Jahre nach dem Krieg  wieder drastisch, weshalb die Regierung weitere Einwanderungsbeschränkungsgesetze und -vorschriften einführte. 1921 folge der Emergency Quota Act, 1924 der Immigration Quota Act. In den Jahren 1925-1927 konnte die Zahl der Immigranten so auf 7000 bis 8000 beschränkt werden. (vgl. Prifti 2014, 101-102) Insgesamt stammten trotz der hohen Zahlen an Auswanderern ca. 80% von ihnen aus dem südlichen Teil Italiens, insbesondere aus den Abruzzen, aus der Campania, aus Kalabrien und aus Sizilien. (vgl. , 152)

Das bereits existierende Netzwerk aus Italo-Amerikanern hatte eine stark anziehende und katalysierende Funktion für Neueinwanderer. Sie integrierten sich sowohl auf sprachlicher als auch auf sozialer Ebene fast ausschließlich in die italienischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten. Dies führte zur Bildung von vor allem von Italienern bewohnten Stadtteilen, sogenannten enclavi locali und später zur Ghettoisierung
Auch die Verteilung der Italo-Amerikaner lässt sich anhand ihrer Sprache relativ gut rekonstruieren: die Varietäten aus dem Süden Italiens sind vor allem im nordöstlichen Teil der USA viel vertreten, die nördlichen Varietäten finden sich im Südwesten wieder. Dabei konzentriert sich die Herausbildung der italienischen Gemeinden und Gemeinschaften in beiden Regionen auf das städtische Umfeld. Über die Zeit hinweg verschwimmen diese statisch scheinenden Aufteilungen jedoch, die Tendenz zum Niederlassen in italianisierten Gegenden bleibt aber bestehen. (vgl. Prifti 2014, 102-103)

Die ‚Little Italies‘, die infolge dieser Prozesse entstehen, haben natürlich kein festes Gründungsdatum. Vielmehr sind sie das Resulatat der enclavi locali, die sich durch vermehrten Zuzug von italienischen Auswanderern Schritt für Schritt langsam zu italo-amerikanischen Vierteln gewandelt haben. Zunehmend bildeten sich als geographischer Rahmen die Städte im Nordosten der USA heraus, wo infolge der industriellen Revolution mehr Bedarf insbesondere für ungelernte Arbeitskräfte bestand, die meist auch des Lesens nicht mächtig waren – ein Umstand der sich nach der Einführung des Literacy Test im Jahr 1917 grundlegend änderte. Der Umstand, dass die L1 der meisten Italo-Amerikaner die Varietät der Herkunftsregion bzw. der Eltern war, änderte sich jedoch nicht. Das Standarditalienische wurde zwar meist zu großen Teilen verstanden, wurde aber kaum gesprochen. (vgl. Prifti 2014, 105-106)

1.2.4. d) Die Immigration nach 1927

Bis zum Jahr 1954 reduzierte sich der Strom an Auswanderern aus Italien stetig. Das ist zum großen Teil dem Immigration Quota Act von 1924 geschuldet, der Einwanderungsländer mit strengen Obergrenzen belegte. Für Italien lag diese bei jährlich 4000 Personen. Neben dieser Limitation versuchte auch Benito Mussolini die Auswanderung aus Italien möglichst gering zu halten und erschwerte die Auswanderungsreglementierungen und -anforderungen. Die Wirtschaftskrise im Jahr 1929 hatte außerdem viele Rückkehrer nach Italien zur Folge, die als Folge des verwaschenen oder seltener verlernten Dialekts mit Ablehnung in der Heimat kämpfen mussten und aufgrund der in Amerika verbrachten Jahre unter besonderer Beobachtung des politischen Regimes standen. 

In den Jahren des zweiten Weltkrieges liegen die Zahlen für italienische Einwanderer in die USA bei ca. 50-450 pro Jahr. In den letzten Kriegsjahren erhöhen sich diese Zahlen allerdings wieder, während die Italo-Amerikaner der zweiten Generation den Prozess der Amerikanisierung forcieren. Dennoch erreichten die Zuwanderungszahlen nicht mehr die Dimension der Jahre vor 1921 bzw. 1917, was zur zunehmenden Öffnung der italienischen Ghettos und zu stärkerem Vermischen mit der amerikanischen Kultur führte. 

Bis zum Jahr 1980 folgen insgesamt 300.000 weitere italienische Einwanderer in die USA. Obwohl die amerikanische Regierung die Einwanderungsgesetze im Jahr 1965 ändert und die Quote abschafft, steigt die Zahl der Einwanderer nicht mehr so stark wie einst. Dies hängt mit der veränderten politischen Landschaft in Europa zusammen, dem wirtschaftlichen Boom der 1950er-Jahre in Italien sowie der Präferenz anderer Auswanderungsziele, vor allem Nordeuropa, Deutschland, Australien, Argentinien, Frankreich und die Schweiz waren hierbei die Hauptziele. (vgl. Prifti 2014, 118-120)

Seit 1980 folgten ca. 80.000 italienische Einwanderer, diese emigrierten meist aber als Expats und aus anderen modernen Emigrationsgründen. (vgl. Prifti 2014, 123-127)

1.3. 3) Die Situation in den ‚Little Italies‘ vor dem zweiten Weltkrieg

Die Amerikaner begegneten den italienischen Einwanderern zunächst mit großer Verachtung. Sie rückten in den Mittelpunkt rassistischer Denkweisen und die Stereotypen, mit denen die Italiener gekennzeichnet wurden, spielen bis heute eine Rolle. Sie umfassen Kriminalität, insbesondere eine gewisse Verwicklung und Nähe zur organisierten Kriminalität und zu Mafien, ihnen wurde Handeln aus Rachegelüsten und übermäßiger Hingabe vorgeworfen und – ähnlich wie in der Ideologie des Dritten Reichs in Deutschland – galten einige physische Merkmale als charakteristisch für italienischstämmige Personen, am weitesten verbreitet war hierbei die tiefe Stirn. (vgl. Alba 1985, 139)
Insbesondere in der Produktion amerikanischer Filme und Serien leben diese Vorurteile weiter:

These prejudices show no sign of fading in the mass media – perhaps, thy are even reviving, aided in part by the programming freedom and cultural-niche innovations of cable television. A number of recent and popular television shows, ranging from ‚high-culture‘ drama The Sopranos, to reality television, Jersey Shore, Mob Wives, The Real Housewieves of New Jersey […] trade in Italian and Jewish stereotypes, whose common denominator is working-class boorishness and/or vulgar striving. (Alba 2014, 782)

Diese Stereotypen waren in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg mindestens so gängig wie heute. Hinzu kommt aber noch, dass auch die Denkweise in Rassen und Hautfarben allgemein akzeptiert war, für richtig befunden wurde und so – aus heutiger Sicht abscheulich – Aussagen über die Qualität von Charakteren und Menschen im Allgemeinen getroffen wurden. Für die Italiener bedeutete dies neben Herkunftsproblematiken etc. noch ein ganz anderes Problem: sie galten weder als „weiß“ noch als „schwarz“, hatten aber einen dunkleren Hauttyp als diejenigen, die als „weiß“ galten. Dies machte ihre Position umso problematischer. Das wird aus der alltäglichen Bezeichnung deutlich, die für die Italiener gefunden wurde: ‚guinea‘, ein Terminus, der ursprünglich Sklaven von der Westküste Afrikas bezeichnete. (vgl. Craigie & Hulbert 1940, 1192-1193) (vgl. Mencken 1963, 373)

Die Reaktionen der Italo-Amerikaner lassen sich grob in zwei Pole aufteilen: auf der einen Seite steht das sogenannte americanisation fever, das besonders von den Generationen ab der zweiten Generation aufgegriffen wurde. (vgl. Prifti 2014, 106) Dies umfasst auch das Loslösen von der elterlichen Obrigkeit und Dominanz in den italienischen Ghettos, aufgrund der höheren Akzeptanz für Kinder, die sich der amerikanischen Lebensweise stark anpassten. So wurden die sogenannten „Mezzogiorno family norms“ (Alba 1985, 140) aufgebrochen, die unter anderem das Umgangsverbot unverheirateter italienischer Mädchen mit Männern vorschrieben und einen Konflikt zwischen Familie und Schulbesuch auslösten. Darüber hinaus wurden zahlreiche arrangierte Ehen beendet sowie interreligiöse bzw. interethnische und interreligiöse Ehen geschlossen. So waren die immigrierten Familien oft gegen den Schulbesuch der Kinder in der Adoleszenz, weil diese in ihrem Heimatland bereits als Erwachsene galten und Geld für die Familie verdienen sollten, in den USA jedoch eigentlich in der schulischen Ausbildung sein sollten. Verstärkt wurde dieser Konflikt zunehmend durch die Anwesenheitspflicht im Unterricht und durch die schulischen Freizeitangebote, die in den Immigranten-Familien als moralisches und körperliches Risiko galten. (vgl. Alba 1985, 140)

Das Resultat dieses Konflikts ist eine hohe Zahl an Fehlstunden und Schwänzen sowie das frühest legal mögliche Ende der schulischen Bildung. Es wird geschätzt, dass zur Hochphase der Immigration ganze 10% aller Kinder von Immigranten keine Schule in New York City besuchten. (vgl. Kessner 1977, 96) Selbst im Jahr 1930 schlossen nur 11% der italo-amerikanischen Schüler in New York, die eine High School besuchten, diese auch ab. Zur gleichen Zeit blieben über 40% aller Schüler bis zum Abschluss an der High School. (vgl. Covello 1972, 285) Die offensichtliche Konsequenz hieraus war eine sehr niedrige Bildung für die meisten Italo-Amerikaner der zweiten Generation und daraus resultierend sehr schlecht bezahlte, niedere Jobs ohne Aussicht auf Verbesserung der eigenen Lebenssituation und weiterer sozialer Ausschluss. 

Der andere Reaktions-Pol ist die kulturelle Isolation, die vor allem bei Italo-Amerikanern der ersten Generation auftrat. Diese Isolation basierte auf der der lokalen oder regionalen Identität in der italienischen Heimat, einzig in New York gelang es, die sich zwischen den Italienern selbst und den Italienern und den Amerikanern herrschenden Spannungen aufzubrechen, wenn auch nur in geringem Umfang. (vgl. Prifti 2014, 106-107) Die italienische Gemeinschaft teilte sich in Folge dessen in die ‚college boys‘, die versuchten, in anderen amerikanischen Gemeinschaften Fuß zu fassen, und die ‚corner boys‚. die ihren Peer-Gruppen loyal gegenüber auftraten und folglich in ihrem Ghetto blieben, auf. (vgl. Whyte 1993, 7-90) (vgl. Alba 1985, 140)

Die Italo-Amerikaner waren somit in zwei Welten gefangen: die Italiener sahen sie als unloyale Möchtegern-Amerikaner, die Amerikaner als die verachteten Italiener. Identifizierten sie sich nun mit der italienischen Gruppe, riskierten sie vollständige Ablehnung durch die Amerikaner und den Verlust jeglicher Aussicht auf Mobilität innerhalb der sozialen und gesellschaftlichen Strukturen. Identifizierten sie sich aber mit den Amerikanern – und versuchten so eine gelungene Integration in deren Gesellschaft – riskierten sie eine doppelte Ablehnung. Einerseits von den Italienern aufgrund vermeintlicher mangelnder Loyalität zur Familie, andererseits von den Amerikanern als Ergebnis der Vorurteile. (vgl. Alba 1985, 140-141) 

1.4. 4) Die Situation in den ‚Little Italies‘ nach dem zweiten Weltkrieg

Bereits im Jahr 1929 überschritt die Zahl der Italo-Amerikaner der zweiten Generation die der Italo-Amerikaner der ersten Generation. Nach dem Krieg forcierte die mittlerweile größere Gruppe die Amerikanisierung und Eingliederung der Italo-Amerikaner in die amerikanische Gesamtgesellschaft. In Folge dieser Bemühungen erhöhte sich auch – wie im gesamten Rest der USA – der Bildungsgrad drastisch. (vgl. Prifti 2014, 118-119) (vgl. Alba 1985, 142)

Der zweite Weltkrieg wirkte als Katalysator für eine verbesserte Situation in den ‚Little Italies‘. So half der Krieg dabei, die USA aus der wirtschaftlichen Depression zu befreien und eröffnete eine Zeit des Wohlstandes und der stetig wachsenden Gehälter, erhöhte allgemein den Bildungsgrad, vor allem durch die G.I. Bill, und veränderte die Wahrnehmung der Amerikaner von Nationalität und Herkunft. Die Italo-Amerikaner als eine Gruppe mit potentieller Loyalität zu den Achsenmächten des zweiten Weltkriegs wurden nicht als eine solche wahrgenommen, da sie zum größten Teil aus in den USA geborenen Menschen bestand. Dabei halfen auch die Kriegsberichterstattungen und Filme, die den Geist der Zusammengehörigkeit unter amerikanischen Soldaten aus verschiedenen Herkünften einzufangen versuchten. Für viele Ethnien wirkte diese plötzliche Akzeptanz beflügelnd. So ist eine große Menge an Einschreibungen zum Militärdienst unter Angehörigen verschiedener Ethnien dokumentiert und viele Ausländer beantragten die amerikanische Staatsbürgerschaft. Auch die Presse und Radiostationen in ausländischer Sprache reduzierten sich drastisch. (vgl. Alba 1985, 142-144)

In dieser Zeit liegt auch der Ursprung vieler Feste, die die Beiträge von verschiedenen Immigrantengruppen zur amerikanischen Kultur würdigen sollten. (vgl. Polenberg 1980, 54) Die Festa di San Gennaro findet bis heute jährlich im New Yorker ‚Little Italy‘ statt, bei der eine Reliquie feierlich durch die Straßen getragen wird und die Mulberry Street für die Dauer des Festes von zehn Tagen in Via San Gennaro umbenannt wird. 

1.5. 5) Sprachliche Entwicklung

Durch den nicht klar abgegrenzten Kontakt zwischen dem Italienischen und der regionalen Varietät, dem Kontakt regionaler italienischer Varietäten untereinander sowie dem Kontakt italienischer Varietäten mit dem Englischen und amerikanischen Varietäten lässt sich linguistische Entwicklung nur schwerlich generalisieren. Elton Prifti hat sich dennoch an einem Überblick über die Relation von Italienisch, italienischer Varietät und Englisch in einem Interview mit insgesamt 51 Informanten versucht. Dabei ließ sich folgendes feststellen:

  1. Die Italo-Amerikaner späterer Generationen verlieren zunehmend die Fähigkeit, in einer italienischen Varietät fehlerfrei sprechen zu können
  2. Sie besitzen aber dafür eine sehr hohe Kompetenz im Berich des Amerikanischen Englischs sowie oft wenigstens einer seiner Varietäten
  3. Das Standarditalienische ist bei teilweise mit sehr hoher Kompetenz vertreten, teilweise mit niedriger Kompetenz, aber nur selten nicht
  4. Die Kompetenz in der italienischen Varietät der Vorfahren ist bei Sprechern heutiger Generationen mit wenigen Ausnahmen kaum bis gar nicht existent
  5. Eine Synthese aus den verschiedenen Varietäten ist bei einigen Sprechern vorhanden
  6. Teilweise eigene Formen eines „Italo-Amerikano“ in den ‚Little Italies‘ mit archaisierenden Formen und Eigenkonstruktionen [aber: stark zurückgehend, kaum Schriftzeugnisse. Für ein Beispiel siehe unten: „Beispiel für die Synthese/’Italo-Americano‘: Ein Kochrezept (etwa um 1960“)]
(vgl. Prifti 2014, 350-367)

 

Sprache Funktionssprache   Erste Generation  
      Interferenzlevel  
    phonetisch/phonologisch morphosyntaktisch lexikalisch
Englisch AE+
nicht fehlerhaft
     
  AE-
fehlerhaft
+ -/+ +/-
Italienisch I–
fälschlich erlernt und fehlerhaft
     
  I-
fehlerhaft
-/+ -/+
Dialekt D–
in jedem Sinne fehlerhaft
-/+ -/+
       Zweite Generation
      Interferenzlevel  
    phonetisch/phonologisch morphosyntaktisch lexikalisch
Englisch AE+
nicht fehlerhaft
-/+ +/-
  AE-
fehlerhaft
     
Italienisch I–
fälschlich erlernt und fehlerhaft
+ + +
  I-
fehlerhaft
     
Dialekt D–
in jedem Sinne fehlerhaft
     
                                          Dritte und nachfolgende Generationen
      Interferenzlevel  
    phonetisch/phonologisch morphosyntaktisch lexikalisch
Englisch AE+
nicht fehlerhaft
-/+
  AE-
fehlerhaft
     
Italienisch I–
fälschlich erlernt und fehlerhaft
+ + +
  I-
fehlerhaft
     
Dialekt D–
in jedem Sinne fehlerhaft
     

Legende:
– kein oder unerhebliches Interferenzlevel
-/+ eher niedriges Level
+/- eher hohes Level
+ hohes Level

(Prifti 2014, 348) bearbeitet durch T.Köhler

Beispiel für die Synthese/“Italo-Americano“: Ein Kochrezept (etwa um 1960)

Italiano ulteriormente difettivo (I–) Amercian English (AE++) Italiano standard (I++)

CIOCCOLI CIPPI

1 coppa barro, lasciarlo un po fuori

3/4 coppa zucchero
1 ti spun vanella
3/4 coppa ban zucchero

2 uova
2 1/4 coppa farina
1 ti spun bechen soda

1/2 tispun salti
2 coppi (12 onzi pacchetto)
cioccolicippi seme suit
1 coppi nozzi noce se ci lai

CHOCOLATE CHIPS

1 cup of butter, put it shortly outside

3/4 cup sugar
1 teaspoon of vanilla
3/4 cup of brown sugar

2 eggs
2 1/4 cups of flower
1 teaspoon baking soda

1/2 teaspoon of salt
2 cups (12 ounce pack) of chocolate chips semi-sweet
1 cup of nuts if they have them

DOLCETTI AL CIOCCOLATO IN SCAGLIE
1 tazza di burro, lasciarlo un po‘ fuori (dal frigorifero)
3/4 tazza di zucchero
1 cucchiaino di zucchero
3/4 di tazza di zucchero di canna

2 uova
2 1/4 tazza di farina
1 cucchiaino di livieto in polvere

1/2 cucchiaino di sale
2 tazze  (pacchetto da 340 grammi) di cioccolato semi-dolce in scaglie
1 tazza di noci se ce le hai

(Prifti 2014, 325)

Im vorliegenden Beispiel ist die Synthese aus dem Italienischen bzw. Varietäten des Italienischen und dem amerikanischen Englisch erkennbar. Aufgrund der Anonymisierung lässt sich leider weder erkennen, woher der Informant stammt noch woher der Schreiber des Kochrezeptes kommt. Sehr wahrscheinlich ist aber die Herkunft aus dem Süden Italiens, was sich beispielsweise an dem Plural von „coppa“ erkennen lässt. So lautet er hier „coppi“ und trägt die für das süditalienische charakteristische Pluralendung, obwohl der korrekte standarditalienische Plural coppe lauten müsste. Auch auf morphologischer bzw. phonetischer Ebene scheinen sich die Sprachen und Varietäten zu vermischen. Der Ersteller des Kochrezepts übernimmt schon in der Überschrift zwar die Struktur der englischen Bezeichnung „chocolate chips, scheint diese aber aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit einfach wortwörtlich ins Italienische zu übertragen. Noch deutlicher wird dieses Phänomen der phonetischen Orientierung am Englischen bei der Mengenangabe für das Backpulver. So gibt das Rezept einfach die hörbaren Laute des Englischen „teaspoon baking soda“ und kreiert „ti spun bechen soda“ bei dem Versuch, diese Laute schriftlich wiederzugeben. 

In der letzten Zeile des Rezepts scheint sich der Ersteller allerdings wieder an ein nahezu korrektes Italienisch zu erinnern. So streicht er das offenbar nach dem oben beschriebenen Prinzip entstandene Wort „nozzi“ durch und versucht, das italienische Wort zu verwenden, wenn auch mit falschem Pluralmorphem.

Einen Sonderfall bildet auch das Wort „barro“ zu Beginn des Rezeptes. Hier synthetisiert scheinbar die italienische Schreibweise burro mit der englischen Aussprache /’bʌtɚ/. Auch hier soll wohl die Aussprache im Text gekennzeichnet werden, das Ergebnis ist die Mischform „barro“.

Obwohl der Schreiber offensichtlich versucht, das Rezept auf Italienisch zu verfassen, verwendet er Mengenangaben doch im amerikanischen Format. Statt der italienischen bzw. europäischen Mengenangabe in Gramm oder Kilogramm soll ein Päckchen mit dem Gewicht von 12 Unzen („12 onzi pacchetto“) verwendet werden. Dies geschieht vermutlich vor dem praktischen Hintergrund, dass die Mengenangaben in Geschäften ebenfalls in Unzen erfolgen und höchstwahrscheinlich ‚Ounzes‘ und ‚Pounds‘ dem dem Schreiber vertrauten System entsprechen. Dennoch ist es auch auf semantischer Ebene ein Beispiel für das Italo-Amerikanische.

Alba, Richard D. (1985): The Twilight of Ethnicity among Americans of European Ancestry: The case of Italians, Ethnic and racial studies 8, 134-158.
Alba, Richard D. (2014): The twilight of ethnicity: what relevance for today?, Ethnic and Racial Studies 37, 781-785.
Covello, Leonard H. (1972): The Social Background of the Italo-American School Child: A Study of the Southern Italian Family Mores and Their Effect on the School Situation in Italy and America. Leiden: Brill Archive.
Craigie, Sir William Alexander & Hulbert, James Root (1940): A Dictionary of American English on Historical Principles. Chicago, Il: University of Chicago Press.
Durante, Francesco (2001): Italoamericana: Storia e Letteratura degli Italiani negli Stati Uniti, 1776-1880. Milano: Mondadori.
Franzina, Emilio (1995): Gli Italiani al Nuovo Mondo: l'Emigrazione Italiana in America 1492-1942. Milano: Mondadori.
Gastaldo, Piero (1987): Gli Americani di Origine Italiana: chi sono, quanti sono, dove sono, AA. VV.: La popolazione di origine italiana negli Stati Uniti, Torino: Fondazione Giovanni Agnelli, 149-199.
Kessner, Thomas (1977): The Golden Door: Italian and Jewish Immigrant Mobility in New York City. Oxford: Oxford University Press.
Menarini, Alberto (1947): Ai Margini della Lingua. Firenze: Sansoni.
Mencken, Henry Louis (1963): The American Language. The Fourth Edition and the Two Supplements. Abridged, with Annotations and New Material, by Raven I. McDavid, with the Assistance of David W. Maurer. London: Routledge.
Polenberg, Richard (1980): One Nation Divisible: Class, Race, and Ethnicity in the United States since 1938. New York, NY: Penguin books.
Prifti, Elton (2014): Italoamericano: Italiano e Inglese in Contatto negli USA. Analisi Diacronica Variazionale e Migrazionale. Berlin, New York: Walter de Gruyter.
United States Census Bureau (2002): Census 2000 Profile. Washington, D.C.: U.S. Department of Commerce, Economics and Statistics Administration.
Whyte, William Foote (1993): Street Corner Society - The Social Structure of an Italian Slum. Berlin, New York: Walter de Gruyter.
< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

2 Antworten

  1. einige Korr. und Bem. in blau finden sich im Text; außerdem:
    – die soziologische Pionierarbeit von William Foote Whyte (1943), Street Corner Society: The Social Structure of an Italian Slum, Chicago: University of Chicago Press, fehlt
    – das Kochrezeptbeispiel könnte genauer interpretiert werden; coppa gibt es ja im Ita. , Plural coppi auf -i typisch südlita. usw.
    – bibliogr. Angaben unvollständig (Orte fehlen)

    • Sehr geehrter Herr Krefeld,
      vielen Dank für die Anmerkungen. Die Korrekturen und Bemerkungen habe ich ausgebessert bzw. versucht, unklare Passagen verständlicher zu formulieren. Die Pionierarbeit von Whyte habe ich in dem Absatz mit den college boys und corner boys eingefügt. Dafür habe ich aber eine aktuellere Version aus dem Jahr 1993 (3. Auflage, das wird leider in den Literaturangaben nicht angezeigt) verwendet. Soll ich lieber die Erstauflage verwenden?
      Zu dem Durante-Zitat werde ich noch nachforschen, muss aber leider auf das Buch warten, um zu sehen, ob bzw. woraus Durante dort zitiert hat.
      Auch zu dem Rezept habe ich noch eine Interpretation erstellt. Außerdem sind die bibliographischen Angaben jetzt vollständig.
      Vielen Dank und beste Grüße
      T. Köhler

Schreibe einen Kommentar