< < Vorheriger Beitrag

Sprache und Raum in virtuellen Forschungsumgebungen – am Beispiel von VerbaAlpina

Version:

Zitation: Thomas Krefeld (2018): Sprache und Raum in virtuellen Forschungsumgebungen – am Beispiel von VerbaAlpina. Lehre in den Digital Humanities. Version 2 (02.02.2018, 17:23). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=89261&v=2.

Lizenzierung

1. Hintergrund: Die Sprachwissenschaft auf dem Weg in die digital humanities

Die zügige Durchsetzung interaktiver und kollaborativer Strukturen im Internet (social media) in Gestalt des sogenannten Web 2.0 hat einen starken Einfluss auf die Wahl einer bestimmten Sprache/Varietät in medialer Kommunikation; sie prägt so zunehmend die Räumlichkeit des Sprechens (vgl. ), denn die kommunikativen Routinen der Gesellschaft haben sich tiefgreifend verändert und  auch die darin eingebundenen Sprachen/Varietäten selbst zeigen Reflexe dieses Wandels (vgl. Jakob 2017). Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen der Wissenschaftskommunikation in geradezu revolutionärer Weise verändert, so dass auch zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen mitsamt der zugehörigen akademischen Lehre einen Prozess der Restrukturierung durchlaufen  (vgl. Krefeld 2017). In den Disziplinen, die sich mit kulturellen Techniken und ihrer geschichtlichen Entwicklung befassen, kann dieser Wandel mit dem Schlagwort der digital humanities identifiziert werden. Es ist nicht überraschend, dass die Wissenschaftler unterschiedlich auf diese Situation reagieren, nämlich teils mit

  • offensiver Ablehnung (Motto: „Das bedeutet den Ausverkauf der akademischen Fächer“),
  • nonchalanter Indifferenz (Motto: „Der kindische Unfug lässt mich kalt“),
  • konstruktiver Akzeptanz (Motto: „Endlich wird möglich, was ich immer schon wollte“).

Nicht im Sinn eines missionarischen Eifers, sondern aus rein forschungspraktischer Überzeugung kommt für datenorientierte Disziplinen wie die historische Sprachwissenschaft eigentlich nurmehr die dritte Haltung in Frage. Wenn man diese Herausforderung jedoch annimmt, ändert sich fast alles, wie am Beispiel des Projekts VerbaAlpina, das ich gemeinsam mit Stephan Lücke von der ITG leite, gezeigt werden soll. Es wird seit 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

2. Der alpine Sprachraum

Gegenstand des Projekts ist die Mehrsprachigkeit des Alpenraums, in dem sich die drei großen europäischen Sprachfamilien, Germanisch, Romanisch und Slawisch getroffen haben und seit ca. 1500 Jahren neben- und miteinander existieren (vgl. Karte).

Die Sprachverhältnisse sind jedoch erheblich komplizierter als die Rede von den drei ‚Familien‘ sowie deren kartographische Darstellung andeutet, denn dazu gehören im Romanischen eine ganze Reihe von Sprachen mit jeweils sehr verschiedenen Dialekten; im Germanischen und Slawischen gibt zwar jeweils nur eine Sprache (Deutsch und Slowenisch), die jedoch ebenfalls durch ganz unterschiedliche, lokale Dialekte vertreten sind.

Dialekt (unvollständig) Dialektgruppe Sprache Sprachfamilie
Valdostano / Valdôtain    Valdostano / Valdôtain  rom
Occitan    Okzitanisch
Francoprovençal    Frankoprovenzalisch
Piemontese   Italienisch
Lombardo  
Bregagliotto  
 Veneto  
Puter   Bündnerromanisch
Surmiran  
Sursilvan  
Sutsilvan  
Vallader  
Jauer  
Badiot   Dolomitenladinisch
Maréo  
Gherdëina  
Fascian  
Anpezan  
Fodom  
Furlan    Friaulisch
Alemannisch Alemannisch Deutsch ger
Walserisch
Vorarlbergerisch
Schwäbisch
Bairisch Bairisch
Allgäuerisch
Zimbrisch
Tirolerisch
Steirisch
Kärntnerisch
Salzburgisch
Oberösterreichisch
Dolenjsko   Slowenisch sla
Koroško  
Štajersko  
Gorenjsko  
Rovtarsko  
Slovenščina  
Rezijansko  

Im Wesentlichen haben sich in der sprachwissenschaftlichen Forschung zwei Gattungen herausgebildet, um Dialekte zu dokumentieren

  • Sprachatlanten;
  • Wörterbücher.

Beide Gattungen sind im Untersuchungsgebiet gut vertreten. Den Prototyp eines Sprachatlas verkörpert z.B. der Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS), den man als NavigAIS im Internet konsultieren kann. Nun gibt es aber nicht nur diesen, sondern eine ganze Reihe von Sprachtlanten im Alpenraum. Analog, ja noch komplexer ist die Erschließung durch Wörterbücher, die nicht exhaustiv erfasst werden können; Bedingung für die Aufnahme von Wörterbuchdaten ist, dass die dokumentierten Sprachdaten genau wie in Sprachatlanten georeferenziert werden können; manche Wörterbücher erlauben das grundsätzlich, da ihre Daten über ein Netz lokaler Informanten erhoben wurden, so – um nur ganz wenige zu nennen – die monumentalen Wörterbücher der schweizerischen Landessprachen (vgl. IdiotikonDicziunari rumantsch grischun [DRG], Glossaire des patois de la Suisse romande [GPSR], Vocabolario dei dialetti della Svizzera Italana [VSI]); andere verbinden  diese Erhebungsmethode in mehr oder weniger diffuser Weise mit der Auswertung geschriebener, oft literarischer Texte, die sich einer Georeferenzierung entziehen und daher nur selektiv verwandt werden können; das gilt z.B. für das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WbÖ). 

Angesichts der zahlreichen Quellen ist es schwer, einen detaillierten Überblick zu gewinnen; selbst in einer Bibliothek, wo alle vorhanden einschlägigen Quellen vorhanden sind, ist die Recherche extrem aufwändig. Gerade ein solcher Überblick vermittelt jedoch wichtige historische Einsichten, denn er führt uns die bemerkenswerte Situation vor Augen, dass etliche spezifisch alpine Wörter nicht auf eine der drei Sprachfamilien beschränkt sind, sondern über die Grenzen dieser Sprachfamilien hinaus Verbreitung gefunden haben. Gerade eine sprachgrenzüberschreitende Untersuchung ist  also erforderlich und als einzige dem Raum angemessen. Die folgende Graphik schematisiert die alpine Sprachgeschichte; konstitutiv sind die Romanisierung des gesamten Gebiets (seit 15 vor Chr.) und seine nachfolgende teilweise Germanisierung und Slawisierung. Damit ist zwar stets eine  Verdrängung der jeweils früheren Sprachen verbunden, insofern das Lateinisch-Romanische  die vorrömischen Sprachen verdrängt und seinerseits in manchen Gebieten durch das Germanische und Slawische verdrängt wird. Aber der Verdrängung geht eine mehr oder weniger lang andauernde lokale Zweisprachigkeit voraus (in der Graphik durch Kugeln symbolisiert), die sich in Entlehnungen aus den verdrängten in die verdrängenden Sprachen niederschlägt, so dass sich die erwähnten sprachgrenzüberschreitenden Verbreitungsgebiete ergeben.  In schematisierter Darstellung: 

Stratigraphisches Schema des alpinen Sprachraums

Es ist nun aber von vornherein klar, dass die Dokumentation eines so komplexen Sprachraum mit der skizzierten historischen Tiefe durch das Medium des gedruckten Buchs kaum, wenn überhaupt, zu leisten ist. Angemessene Möglichkeiten ergeben sich dagegen aus konsequenter Umsetzung von Webtechnologie, die der Konzeption und Durchführung von VerbaAlpina zu Grunde gelegt wurde.

3. Funktionsbereiche

Für die Einrichtung von Forschungsvorhaben (und womöglich angeschlossener universitärer Lehre) mit den Mitteln der Webtechnologie wurde eine neue, nützliche Bezeichnung geprägt; man spricht von einer virtuellen Lehr- und Forschungsumgebung.

Dieser Ausdruck wurde erforderlich, da Wissenschaftskommunikation unter den Bedingungen des Web 2.0, wie oben skizziert, nicht mehr den etablierten Gattungen der gedruckten Traditionen folgen kann, oder zumindestens nicht mehr unbedingt folgen muss; zu den bereits erwähnten, sprachwissenschaftlich relevante Gattungen gehören neben den bereits genannten Sprachatlanten und Wörterbücher etwa die Abhandlung und das Textkorpus. Jede Gattung erfüllt einen bestimmten Zweck, der auf keinen Fall aufgegeben werden sollte. Jedoch werden diese Zwecke aus ihrer Isolierung befreit und in untereinander verknüpfte Funktionen verwandelt, so dass es möglich ist ohne weiteres zwischen ihnen hin und her zu wechseln.

VerbaAlpina unterscheidet fünf Funktionsbereiche und mehrere Zugangsmöglichkeiten:

    • Dokumentation,
    • Kooperation,
    • Publikation,
    • Datenerhebung durch Crowdsourcing,
    • Forschungslaboratorium.

Diese Optionen sollen – von der letzten abgesehen – nun ausgehend von einem konkreten Beispiel vorgeführt werden. Einen unmittelbaren Zugang bieten die Reiter der Startseite. So eröffnet die ‚Interaktive Karte‘ eine kartographische Präsentation des dokumentierten Materials, die über mehrere Filter gesteuert wird. Der Filter KONZEPTE erschließt sämtliche Sachen und Vorgänge, deren Bezeichnungen erfasst sind , so zum Beispiel die BUTTER| (vgl. zur Notation). Die belegten Bezeichnungstypen können ebenfalls herausgefiltert werden, so dass ihre jeweiligen Bedeutungen auf der Karte erscheinen. Die Karte selbst ist interaktiv; jedes Symbol kann angeklickt werden, so dass sich ein Fenster öffnet, in dem die sprachliche Form und die Quelle mitgeteilt werden und weiterhin auf wichtige Referenzwörterbücher verlinkt wird. Außerdem ist es möglich von der  Karte aus den zugehörigen lexikologischen Kommentar abzurufen, so wie der lexikologische Kommentar in der entgegengesetzten Richtung zur kartographischen Präsentation führt – ‚Atlas‘ und ‚Wörterbuch‘ sind also systematisch verschränkt.

Übrigens handelt es sich keineswegs um ein uninteressantes Allerweltsbeispiel, denn sowohl die Sache als auch ihre Bezeichnungen haben einen ausgeprägten Bezug zum Alpenraum (vgl. Krefeld 2017). Die Nutzung des Milchfetts ist ja dort besonders nahe liegend, wo die wichtigste antike Quelle für Fett, der Olivenbaum, nicht gedeiht. Ab einer bestimmten Höhe konnten ausschließlich tierische Fette gewonnen werden, insbesondere SCHMALZ und BUTTER. Es ist daher nicht überraschend, sondern geradezu selbstverständlich, dass in einem Teil Graubündens, also in einer Gegend, wo BUTTER traditionell das Fett schlechthin darstellt, ihre Bezeichnung auf das lateinische pinguis ‚fett‘ zurück geht. (vgl. Karte|; vgl. surs. pieun/engad. painch u.a. im Pledari grond). Zwar war BUTTER grundsätzlich schon in der Antike bekannt, jedoch nicht als Nahrungsmittel, sondern als medizinische Salbe (vgl. Kommentar).

Auch die Herkunft anderer Formen ist bemerkenswert; rätoromanisch (surs.) pischada  ist durch die Herstellung motiviert, denn dieser Typ geht wahrscheinlich auf das lateinische Verb *pisiare ’stampfen‘ zurück (vgl. den Vocabolari sursilvan s.v. pischada). BUTTER ist sehr leicht verderblich; durch Auslassen kann die Haltbarkeit ein wenig gesteigert werden. daher ist es gut verständlich, dass in manchen Gegenden die BUTTER als Schmalz bezeichnet wird (von schmelzen im Sinne von ‚auslassen‘; vgl.  Karte|). Dieser Bezeichnungstyp ist aus dem Germanischen auch ins Romanische übernommen worden und hat dort zu Bezeichnungen von verwandten Konzepten geführt (vgl. Basistyp Schmalz). Er ist in geringerer Verbreitung sozusagen spiegelverkehrt zum Basistyp butyrum ‚Butter‘, der ja aus dem Rom. stammt und sich weit ins Germanische und auch Slowenische hinaus verbreitet hat; vgl. diese Karte  sowie das folgende Entlehnungsschema:

Entlehnungsschema Butter und Schmalz

Zur historischen Rahmung der dialektalen Verbreitungsgebiete ist es sinnvoll, sie mit anderen  georeferenzierbaren Informationen zu kombinieren. Im Hinblick auf die Romanisierung des Alpenraums im Gefolge der römischen Eroberung sind vor allem antike Quellen von Bedeutung.; aus diesem Grund wurden u.a. auch die gesicherten Inschriften und römerzeitlichen Ortsnamen aufgenommen (vgl. die Karte zu CIL und Tabula Peutingeriana); vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, dass sich oft alte Bedeutungen aus der Antike bis heute gerade da erhalten haben, wo auch bereits römische Inschriften und antike Ortsnamen bezeugt sind. So bezeichnet der Worttyp Keller < lat. cellarium im deutschsprachigen Alpenraum in der Regel keineswegs einen RAUM UNTER DEM ERDGESCHOSS, sondern – wie das Grundwort lat. cella – den VORRATS- bzw. LAGERRAUM.

Der Filter ‚Kartographische Darstellung → Informanten‘ zeigt, aus welchen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Quellen sich die Dokumentation speist. Bei den meisten davon handelt es sich um gedruckte Quellen (Atlanten und Wörterbücher), die in aufwändiger Weise retrodigitalisiert wurden, so dass ihre Belege zu einem Dialektmosaik des ganzen Alpenbogens zusammengefügt werden konnten. Manche, bereits digital vorliegende Projekte haben uns auch umfangreiche Datenbestände zur Verfügung gestellt, so dass ihre daten – selbstverständlich mit Quellenangabe – auch in der verbaAlpine Kartographie erfasst werden können. Hier ist zum Beispiel ganz im Sinn breiter Kooperation der dolomitenladinische Sprachatlas (ALD) von Hans Goebl zu nennen (vgl. ALD-Informanten in VA).

Es ist nun implizit bereits klar geworden, dass zu den elementaren Funktionen webbasierter Projekte grundsätzlich auch die Publikation gehört, und es bedarf nurmehr der Erinnerung, dass sich das Verständnis dieses Ausdrucks ebenfalls radikal geändert hat: Publiziert werden sprachliche Primärdaten, Metadaten, analytische Texte – die traditionell ausschließlich als ‚Publikationen‘ gelten –  aber selbstverständlich auch entwickelte Programmcode.

Zusätzlich zur Präsentation der Daten, die bereits durch andere (meist) gedruckte Quellen publiziert wurden, nutzt VerbaAlpina seine Projektseite auch zur Neuerhebung von Daten mit einem so genannten Crowdsourcing-Verfahren. Interessierte Nutzer können für alle politischen Gemeinden des Alpenraums (im Sinn der Alpenkonvention) Bezeichnungen der von uns vorgegebenen Konzepte eingeben oder darüber hinaus auch neue Konzepte hinzufügen. Bislang sind seit dem 10.2.2017 immerhin über 7 400 Bezeichnungen geliefert worden. Mit diesem einfachen Verfahren können Bezeichnungstypen zuverlässig erhoben werden – allerdings können zuverlässige phonetische Angaben nicht erwartet werden; die Phonetik tritt in VerbaAlpina daher zurück. Grundsätzlich wird jedoch erwogen, unter Umständen auch mit der Erhebung gesprochener Audiodaten zu beginnen; die technischen Probleme sind grundsätzlich gelöst.

4. Der alpine Wortschatz

Bei den eben genannten Beispielen Butter und Schmalz handelt es sich aktuell nicht um spezifisch alpine Ausdrücke, denn sie gelten ja auch in der deutschen Hochsprache und darüber hinaus (vgl. z.B. eng. butter, niederl. boter). Durchaus charakteristisch für das Alpengebiet ist jedoch die herausgestellte Verbreitung der Typen über die Grenzen der Sprachfamilien hinweg, und im Hinblick auf die lange Tradition der alpinen Milchverarbeitung ist es keineswegs abwegig, sondern sogar plausibel anzunehmen, die hochsprachliche Form Butter habe sich ausgehend von den Alpen überhaupt erst verbreitet. Es wäre demnach davon auszugehen, dass sie eben in dieser Region aus dem Lateinisch-Romanischen entlehnt wurde; es scheint sich – mit anderen Worten – um ein ehemaliges Alpenwort zu handeln..

Ein gutes sprachliches Argument für diese Vermutung ist die Tatsache, dass Butter im süddeutschen, d.h. im Bairischen und gelegentlich im Alemannischen, maskulines Genus besitzt (bair. der Butter im Unterschied zu hochdeutsch die Butter) und damit noch genau dem ebenfalls maskulinen rom. Typ butirro entspricht, von dem es entlehnt wurde (vgl. Krefeld 2017); die Karte  ist eindeutig, da der leere Bereich zwischen beiden Gebieten nur den fehlenden, besser: ungenauen Daten geschuldet ist, da das Genus oft nicht notiert wurde.

Wirklich konstitutiv für den alpinen Sprachraum sind jedoch die Ausdrücke, die spezifische Konzepte bezeichnen und den Dialekten außerhalb der Alpen unbekannt sind. Einige Beispiele aus dem Bereich ALMWESEN und speziell aus der MILCHVERARBEITUNG sollen Charakteristika dieser Alpenwörter illustrieren:

Alpenwörter gehen meistens auf die Zeit zurück bevor der Alpenraum teils germanisiert und slawisiert wurde; sie stammen dann aus dem Lateinischen oder aus den (so gut wie unbekannten) vorrömischen  Sprachen dieses Raums.

Vorrömisch sind:

  • Alm/Alp,
  • Senn, vgl. Niev vocabulari sursilvan online s.v. signun
  • Ziger,
  • Tomme, das charakterisch für die Westalpen ist; dieses Wort ist übrigens auch deshalb interessant, weil es im Mittelalter, nach der Reromanisierung Siziliens mit Siedlern aus Nordwestitalien nach Sizilien gebracht wurde (vgl. tuma, tumazzu unter ALS online). Diese Parallele wird durch einen anderen Typ bestätigt; das KÄSEN wird von 3 Informanten in den sizilianischen Madonie mit dem Typ fare il frutto bezeichnet (frutto in der Bedeutung ‚Käse‘; vgl. den morpho-lexikalischen Typ fari u fruttu unter ALS online). Auch dieser spezielle Ausdruck ist in den Alpen belegt, und zwar genau im mutmaßlichen Herkunftsgebiet zahlreicher galloitalischer Kolonisten (vgl. die Karte), die mit dem Adelsgeschlecht der Aleramici nach Sizilien kamen.

Die Zugehörigkeit des gesamten Gebiets zum Römischen Reich spiegelt sich exemplarisch in der Verbreitung des Typs lat. excocta  wider, wörtlich ‚Herausgekochtes‘, der sich sowohl im romanischen wie im deutschen und slowenischen Teil wiederfindet. Die zugehörigen Wörter (alem. Schotten, ita. scotta usw.) beziehen sich auf das Erhitzen der Molke, um die verbliebenen Feststoffe durch Zusatz von Säure als Gerinnungsmittel herauszufiltern; sie bezeichnen teils teils die Feststoffe, teils die Flüssigkeit.

Ein methodisches Lehrstück, jenseits der MILCHVERARBEITUNG ist die Bezeichnung der GÄMSE.

Jakob, Katharina (2017): Medienbedingte Variation am Beispiel italienischer WhatsApp-Chats. Korpus im Text. http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=3398&v=1.
Krefeld, Thomas (2017): Integration von Forschung und universitärem Unterricht im Portal DHLehre, Korpus im Text. http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=9435&v=1.
Krefeld, Thomas (2017): Alles in BUTTER im Alpenraum (aber nicht in der Wortgeschichte von Butter). In: Gerstenberg, Annette & Kittler, Judith & Lorenzetti, Luca & Schirru, Giancarlo, Romanice loqui. Festschrift für Gerald Bernhard zu seinem 60. Geburtstag, 155-160. Tübingen: Stauffenburg.
< < Vorheriger Beitrag

Schreibe einen Kommentar