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Räumlichkeit des SPRECHENS (i) – Varietätenselektion in der Kommunikation

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Zitation: Thomas Krefeld (2018): Räumlichkeit des SPRECHENS (i) – Varietätenselektion in der Kommunikation. Lehre in den Digital Humanities. Version 2 (02.02.2018, 18:34). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=87368&v=2.

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1. Formeller (‚high‘) und informeller (‚low‘) Sprachgebrauch

Die Diskussion des Standardbegriffs hat gezeigt, wie wichtig es ist das Sprecherwissen zu berücksichtigen, um die Verknüpfung von Varianten mit Markiertheitsdimensionen zu verstehen. Das Sprecherwissen ist aber auch für die Organisation seines Repertoires von großer Bedeutung. Hier sind ja – in idealtypischer Vereinfachung – zwei Fälle zu unterscheiden zu verstehen. 

  1. Auf der einen Seite gibt es Sprecher, die im Sinne eines Kontinuums zwischen mehr oder weniger dialektalen Formen unterscheiden, ohne jedoch einen kategorischen Unterschied zu machen. Dieser Fall gilt als charakteristisch für die Toskana und Rom mit Umgebung; Gaetano Berruto (1995, 248) hat dafür den Ausdruck ‚bidialettismo‘ vorgeschlagen. 
  2. Auf der anderen Seite gibt es Sprecher, die in ihrem zwischen Sprachwissen zwischen grundsätzlich getrennten Systemen (Varietäten) unterscheiden, zwischen denen gezielt gewechselt (’switching‘) werden kann, die aber auch unwillkürlich interferieren – wie eben zwei vollkommen verschiedene Sprachen. Solche Sprecher mit solider Stand- und Dialektkompetenz müssen hinsichtlich ihres Repertoires und ihres Sprachverhaltens als zweisprachig (bilingual) angesehen werden; die Repräsentation beider Varietäten in ihrem Sprachwissen lässt sich nicht als Kontinuum modellieren.

Es erhebt sich nun vor allem im Hinblick auf den Fall 2 die Frage, von welchen Regularitäten die Wahl der einen oder anderen Varietät in der realen Kommunikation abhängt; es geht, mit anderen Worten, darum, wie der SPRECHER seine eigene kommunikative Räumlichkeit im SPRECHEN1SPRECHEN ist hier im Sinne einer Kurzform als SPRACHGEBRAUCH zu verstehen und schließt das SCHREIBEN ein – so wie der Ausdruck SPRECHER sowohl die weiblichen wie die männlichen Sprachverwender meint. realisiert, oder: konstruiert.  Dazu wurden in der Sprachwissenschaft vor allem gesellschaftliche (soziale) Konventionen verantwortlich gemacht. Am bekanntesten ist die als Diglossie bezeichnete Konstellation, in der Varietät A (‚high‘ oder akrolektal) in formeller und Varietät B (‚low‘ oder basilektal) in informeller Kommunikation gebraucht wird; diese Konstellation mit ihrer scharfen und exklusiven Funktionsteilung ist der aktuellen sprachlichen Realität kaum angemessen (vgl. Dal Negro 2010). So lässt sich in Italien seit geraumer Zeit beobachten, dass vor allem in informellen Situationen zunehmend auch der Standard benutzt wird, so dass auch die Primärsozialisation in beiden Varietäten erfolgt; wiederum Gaetano Berruto (1987) hat dafür die Bezeichnung ‚dilalia‘ geprägt. Komplementär dazu ist die doppelte Besetzung der formellen Ebene; dafür wurde von Vittorio Dell’Aquila und Gabriele Iannaccaro (2004, 171) die Bezeichnung ‚diacrolettìa‘ eingeführt, da es gewissermaßen zwei ‚Akrolekte‘ gibt. Dieser Ausdruck ist in Bezug auf die Standard-Dialekt-Konstellation (im Unterschied zu Konstellationen aus zwei koexistierenden Standardsprachen) insofern problematisch, als die konventionelle Verwendung im formellen Bereich unter den Bedingungen moderner Staaten mit großer Wahrscheinlichkeit Standardisierungstendenzen  mit sich bringt, so dass der Dialekt-Status nicht mehr gegeben ist. Die Kategorie des ‚Bilinguismus‘ wurde in der folgenden schematischen Übersicht nicht berücksichtigt, da sie sich unabhängig von der Existenz gesellschaftlicher Konventionen nur auf die individuelle Kompetenz der Sprecher bezieht.  

formell: Standard Standard Standard | Dialekt Standard Dialekt
informell: Dialekt Dialekt | Standard Dialekt
  ‚Diglossie‘ ‚Dilalie‘  ‚Diakrolektie‘ ‚Bidialektismus‘

Selbstverständlich ist der individuelle Sprecher grundsätzlich frei in seiner Selektion; die Existenz konventionalisierter Verwendungsbereiche und damit verbundener sozialer Zwänge ist dennoch evident. Im Nebeneinander von Dilalie und Diakrolektie manifestieren sich nun gegenläufige Tendenzen; im Fall der Dilalie wird diatopische Variation reduziert; es handelt sich um eine zunehmende Verbreitung  des Standards im informellen Bereich und daher um ein Form von Standardisierung, verstanden als räumlich–soziale Diffusion standardnaher Sprache (und nicht als Festsetzung eines Standards) in Verbindung mit der Verdrängung standardferner Dialekte. Im Fall der Akrolektie beobachtet man im Gegensatz dazu die Vermehrung diatopischer Variation im formellen Bereich.

Der Gegensatz von formeller und informeller Ebene wird nicht selten mit geschriebener und gesprochener Sprache identifiziert; das ist zwar stark vereinfacht, denn es gibt ja durchaus stark entwickelte formelle Mündlichkeit; das SCHREIBEN (gewissermaßen mediales SPRECHEN) gehört aber in jedem Fall zum Kernbereich des formellen Sprachgebrauchs. Dennoch ist unübersehbar, dass sich mit der flächendeckenden Durchsetzung der Neuen Medien das Verhältnis von formeller/informeller Kommunikation und Schrift deutlich und grundsätzlich verkompliziert hat; mittlerweile schreibt auch die breite Masse der Sprecher  täglich in sehr informeller Weise in unterschiedlichen Messaging-Diensten (z.B. über WhatsApp); das SCHREIBEN ist zum unverzichtbaren Instrument der ganz elementaren Alltagskommunikation geworden und die lange Zeit ausgeprägte Affinität der Schrift zur elaborierten Sprachverwendung (‚Distanzsprache‘) hat sich dadurch sehr stark relativiert. Weiterhin lässt sich gerade in den Neuen Medien auch  die diakrolektale Tendenz beobachten, denn traditionell vornehmlich mündlich und informell gebrauchte Dialekte und Kleinsprachen finden verstärkt Eingang in formelle Schriftlichkeit. Es erweist sich hier als notwendig, die Geschichte des kommunikativen Raums um eine explizit mediengeschichtliche Perspektive zu erweitern.

2. Die Geschichte des italienischen Kommunikationsraums – und ihre Prägung durch die Mediengeschichte 

Die Mediengeschichte hat vor allem über den Begriff des sprachlichen Ausbaus Eingang in die Sprachgeschichtsschreibung gefunden. Seine wirklich grundlegende Bedeutung zeigt sich darin, dass er eine Periodisierung der gesamten italienischen Sprachgeschichte2… wie im übrigen auch der Geschichte der anderen großen europäischen Sprachen. gestattet. Denn die Entstehung und Entwicklung der ‚zweistöckigen‘ Architektur des Italienischen lässt sich als eine Jahrhunderte währende Verschränkung von Ausbau- und Überdachungsprozessen (vgl. ) modellieren. Dabei können im Einzelnen Phasen unterschieden werden, die stärker (wenngleich niemals ausschließlich) im Zeichen des Ausbaus oder aber der Überdachung, d.h. der  territorialen Verbreitung der ausgebauten Varietät stehen (vgl. ). Der Ausbau bezieht sich im romanischen Kontext auf die zunehmende Verwendung romanischer Sprachen in der Schriftlichkeit bei gleichzeitiger Verdrängung der aus der Antike überlieferten lateinischen Schreibtradition

Da die ersten, ganz vereinzelten Zeugnisse romanischer Schriftlichkeit keineswegs den Beginn fester und kontinuierlicher Ausbautraditionen markieren, ist es sinnvoll als erste Epoche eine ‚Vorausbauphase‘ anzusetzen. Die folgende Periode erster stabiler Ausbautraditionen ist einerseits durch einen starken regionalen Pluralismus gekennzeichnet und lässt andererseits noch keine Überdachungstendenzen erkennen; sie ist daher auf der arealen Ebene der lokalen Idiome (= EBENE 1 in der folgenden Abb.) anzusiedeln. Mit der zunehmenden Überdachung durch das Toskanische beginnt eine lange monozentrische Periode, die zunächst ausschließlich die Schriftlichkeit und schließlich, erst 300 Jahre später, nämlich nach der unità (1861), d.h. nach der Insitutionalisierung eines nationalstaatlichen Territoriums auch die Mündlichkeit erfasst (= EBENE 2).

Um die historische Verankerung, insbesondere den Beginn der jeweiligen Perioden zu verstehen, ist es wichtig, die Mediengeschichte explizit einzubeziehen. Es zeigt sich, dass die beiden medialen Revolutionen, die unsere europäische Kulturgeschichte seit dem Mittelalter geprägt haben – der Buchdruck und in in jüngster Zeit die Neuen Medien –   sich hier eindeutig abbilden lassen; in sprachgeschichtlicher Hinsicht ist die Durchsetzung des Drucks und die damit rasch in Bewegung gesetzte Standardisierung, die zur gedruckten und großräumigen Präsenz standardisierter gedruckter Schriftlichkeit führte, wichtiger als der rein schriftliche Gebrauch als solcher.   

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Ausbau, Überdachung, Medien – und die Periodisierung der italienischen Sprachgeschichte

Wie es scheint, haben die beiden medialen Revolutionen völlig gegenläufige Auswirkungen. Der Buchdruck hat die monozentrische Überdachung sowie die damit einhergehende Standardisierung ganz massiv begünstigt und beschleunigt (wenn nicht gar überhaupt ermöglicht) und mittelbar zu einer starken Erosion der arealen Dialekte geführt; er ist also ursächlich für die charakteristische Dilalie des aktuellen italienischen Sprachraums. Die Neuen Medien scheinen nun eine Periode der Destandardisierung, die mit einem initialen plurizentrischen Ausbau der lokalen Idiome ohne Überdachungsanspruch einhergeht, eingeläutet zu haben; sie sind daher für die aktuellen diakrolektalen Tendenzen verantwortlich.

3. Dilalie

Die als Dilalie bezeichnete Zweiprachigkeit auf informeller Ebene ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen (vgl. ). Insbesondere ist sie Gegenstand regelmäßig durchgeführter Erhebungen des Istituto nazionale di statistica (ISTAT).

Die aktuellen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

„Nel 2015 si stima che il 45,9% della popolazione di sei anni e più (circa 26 milioni e 300mila individui) si esprima prevalentemente in italiano in famiglia e il 32,2% sia in italiano sia in dialetto. Soltanto il 14% (8 milioni 69mila persone) usa, invece, prevalentemente il dialetto. Ricorre a un’altra lingua il 6,9% (all’incirca 4 milioni di individui, nel 2006 erano circa 2 milioni 800mila individui).

La diffusione di lingue diverse dall’italiano e dal dialetto in ambito familiare registra un aumento significativo, in particolar modo tra i 25-34enni (dal 3,7% del 2000, all’8,4% del 2006, al 12,1% del 2015).

Per tutte le fasce di età diminuisce l’uso esclusivo del dialetto, anche tra i più anziani, tra i quali rimane comunque una consuetudine molto diffusa: nel 2015 il 32% degli over 75 parla in modo esclusivo o prevalente il dialetto in famiglia (erano il 37,1% nel 2006).

L’uso prevalente del dialetto in famiglia e con gli amici riguarda maggiormente chi ha un basso titolo di studio, anche a parità di età. Il 24,8% di coloro che possiedono la licenza media (o titoli inferiori) usa quasi esclusivamente il dialetto in famiglia e il 33,7% con gli amici (contro rispettivamente il 3,1% e il 2,7% di chi ha la laurea o un titolo superiore).“ (Quelle)

Bei der Interpretation der Daten darf nicht vergessen werden, dass sie nicht realen sondern vermeintlichen Sprachgebrauch abbilden: Die Probanden geben an, wie sich in der Selbsteinschätzung zu verhalten glauben; es handelt sich also nicht um Produktions- und auch nichts um Perzeptions-, sondern um Repräsentationsdaten im Sinne von . Nichtsdestoweniger sind vor allem die regionalen Unterschiede aus kommunikationsräumlicher Hinsicht bemerkenswert. Es bildet sich einerseits der erwartbare Unterschied zwischen Norden und Süden ab, aber andererseits auch die sehr ausgeprägten Unterschiede zwischen dem Nordwesten (Piemonte, Lombardei, Ligurien) und dem Nordosten (Trento, Veneto, Friuli-Venezia Giulia). Sehr klar zeigt sich auch die ganz unterschiedliche Vitaliät der ‚großen‘ Minderheitensprachen, nämlich des Französischen/Frankoprovenzalischen im Aostatal und des Deutschen/Bairischen in der Provinz Bozen. Auch der Stadt-Land-Unterschied kommt sehr klar zum Ausdruck; allerdings wäre eine genauere Untersuchung der einzelnen Metropolen interessant (etwa im Hinblick auf Neapel).

Tavola 4. Persone occupate di 15 anni e più secondo il linguaggio abitualmente usato sul luogo di lavoro per regione, ripartizione geografica e tipo di comune. Anno 2015 
(per 100 persone occupate di 15 anni e più della stessa zona)
REGIONE, RIPARTIZIONE GEOGRAFICA, TIPO DI COMUNE Sul luogo di lavoro
Solo o prevalentemente italiano Solo o prevalentemente dialetto Sia italiano che dialetto Altra lingua Altro 
Piemonte                     88,2 1,0 8,6 1,0 0,3
Valle d’Aosta/Vallée d’Aoste                78,1 0,9 15,8 3,7 1,0
Liguria                      88,4 0,9 7,5 2,1 0,2
Lombardia                    85,6 1,1 9,8 2,2 0,5
Trentino-Alto Adige          48,6 18,9 20,2 11,9 0,2
Bolzano/Bozen 29,7 30,7 18,3 21,3
Trento 67,9 6,8 22,2 2,4 0,5
Veneto                       57,4 9,1 30,6 1,9 0,4
Friuli-Venezia Giulia        65,7 2,9 24,0 6,2
Emilia-Romagna               88,2 0,5 8,1 1,8 0,8
Toscana                      89,6 0,6 5,0 3,4 0,5
Umbria                       76,1 3,9 17,2 1,6 0,8
Marche                       70,0 5,3 22,1 0,8 0,5
Lazio                        87,3 0,5 9,3 2,0
Abruzzo                      77,9 2,6 17,8 1,0 0,5
Molise                       78,8 3,0 16,9 0,7
Campania                     62,7 8,8 25,5 1,4 0,6
Puglia                       70,6 4,5 23,5 0,6 0,3
Basilicata                   73,4 3,5 21,1 1,6 0,5
Calabria                     67,6 5,3 24,8 1,0
Sicilia                      67,3 5,7 25,6 0,6 0,2
Sardegna                     73,2 19,2 7,3
Italia                                 77,5 3,4 15,8 2,2 0,4
Nord-ovest 86,5 1,1 9,3 1,9 0,4
Nord-est 69,1 6,2 20,4 3,3 0,5
Centro 84,9 1,4 10,2 2,3 0,3
Sud 68,2 6,0 23,6 1,1 0,4
Isole 68,9 4,1 23,8 2,5 0,1
Italia 77,5 3,4 15,8 2,2 0,4
Comune centro dell’area metropolitana  86,0 1,6 10,0 1,6 0,2
Periferia dell’area metropolitana      86,0 1,7 9,8 1,5 0,2
Fino a 2.000 abitanti                   68,5 5,3 21,1 3,5 0,4
Da 2.001 a 10.000 abitanti              71,9 5,4 19,7 2,3 0,3
Da 10.001 a 50.000 abitanti            73,2 4,0 19,1 2,6 0,5
50.001 abitanti e più                 81,3 2,2 12,9 1,9 0,5
Italia                                 77,5 3,4 15,8 2,2 0,4
Fonte: Indagine „I cittadini e il tempo libero“ – Anno 2015, →Tavole → Tav. 4 (farbliche Hervorhebung Th.K.)

4. Code-Switching

Wie bei bilingualen Sprechern üblich manifestiert sich die Standard/Dialekt-Dilalie darin, dass beim Sprechen in ganz selbstverständlicher Weise zwischen beiden Varietäten gewechselt wird:

„La commutazione di codice, o code switching, è uno dei fenomeni più notevoli e sorprendenti per non bilingui nel parlato di bilingui (mentre per quest’ultimi esso sembra essere perfettamente naturale e spesso viene eseguito in modo inconsapevole).“ (Moretti & Antonini 2000, 107)

In der Kommunikation zwischen Mehrsprachigen erlaubt das Switchen den Kommunikationspartnern, sich nicht auf eine ihrer Sprachen/Varietäten festzulegen. In Situationen, in denen diese Varietäten fest mit unterschiedlichen Lebenswelten3Der außerordentlich unscharfe Ausdruck ‚Kultur‘ soll hier bewusst vermieden werden; während mit Nationen in oft vollkommen unreflektierter, aber quasi automatischer Weise spezifische Nationalkulturen identifizierte werden, ist das bei Sprechern aus ein und derselben Region, die jedoch ihr Leben in einer Metropole einerseits und andererseits nur wenige Kilometer entfernt auf dem tiefsten Land verbringen, nicht üblich. Die Unterschiede sind womöglich viel gravierender als die zwischen zwei metropolitanen Sprechern aus ganz verschiedenen Nationen. assoziiert sind,  transportiert das Switchen daher die Verbundenheit des Sprechers mit beiden Lebenswelten:

„Dunque, ad un livello ampio, sociale, la commutazione stessa rappresenta per il bilingue uno strumento per conciliare le due identità culturali connesse alle due lingue (cfr. Heller 1988). Essa permette cioè al parlante di non dover scegliere e di regolare continuamente la negoziazione dell’identità nello sviluppo dell’interazione. L’uso della commutazione di codice, a questo livello, dipende quindi dalla volontà del parlante di presentarsi come collegato ad entrambe le identità.“ (Moretti & Antonini 2000, 109)

Moretti & Antonini weisen nun zu Recht daraufhin, dass schematische Interpretationsversuche, die nicht auf den ganz spezifischen historischen Kontext der jeweils relevanten Daten Bezug nehmen, grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind.  Das gilt zum Beispiel für die Ansicht von Gumperz die beiden im Code-Switching interagierenden Sprachen/Varietäten seien grundsätzlich als Ausdruck des Gegensatzes zwischem einem gruppenspezifischen we-code und einem gruppenfremden  they-code zu verstehen:

„va spesso riaggiustata in situazioni in cui la commutazione di codice abbia assunto un carattere di ‚comportamento di norma‘. In verità in queste situazioni il vero we-code si rivela spesso il modo di parlare mediante commutazione di codice.“ (Moretti & Antonini 2000, 109_Anm.121)   

In der Tat ist es Aufgabe der Linguistik eine womöglich gruppenspezifische, oder gar gruppeneigene Diskursgestaltung aus den Daten abzuleiten und nicht auf der Grundlage von Vorannahmen davon auszugehen, eine (und nur eine) der verwandten Varietäten sei als gruppenspezifisch anzusehen. Im Hinblick darauf, dass gerade mehrere Sprachen/Varietäten involviert sein können, sollte man in diesen Fällen deshalb den missverständlichen, weil ein einziges System suggerierenden Ausdruck we–code besser vermeiden und einen anderen Terminus einführen (z.B. we–talk). Im Übrigen besteht die eigentliche linguistische Herausforderung darin zu untersuchen, ob jenseits der Sprachwissenschaft (z.B. durch den kulturheoretischen Genderbegriff oder die Immigration) etablierte Gruppen sich überhaupt durch sprachliche Besonderheiten auszeichnen; andernfalls sind sie linguistisch irrelevant.    

Häufiges Code-Switching muss jedenfalls kein Ausdruck schlechter Kompetenz in einer der beiden Varietäten sein, obwohl das natürlich der Fall sein kann. Es wäre auch falsch, daraus zu schließen, die Sprecher seien nicht in der Lage zwischen beiden Varietäten scharf zu unterscheiden, wie es in einer sehr frühen Phase bilingualen Spracherwerbs der Fall ist. Schließlich ist es im Lichte der sprachlichen Daten nicht einleuchtend, einer der beiden bei einem switching implizierten Sprachen kategorisch den Status eine Matrix-Sprache zuzusprechen, die einen strukturellen Rahmen setzt, in den mehr oder weniger lange Passagen einer grundsätzlich markierten anderen Sprache als ‚Inseln‘ inseriert werden; diese Auffassung liegt dem sogenannten matrix language-frame model von Carol Myers-Scotton zu Grunde.

Erforderlich sind weniger Arbeiten, die theoretische Modelle zu bestätigen suchen, also empirisch gut abgesicherte Untersuchungen aus denen heraus die Modelle zu adaptieren sind. Eine vorbildlich fundierte Arbeit zu Sizilien hat Giovanna Alfonzetti vorgelegt. Sie identifiziert hinter dem code-switching die folgenden Funktion, die jeweils durch zahlreiche Beispiele illustriert werden (und die hier nicht wiedergegeben werden können):

1 Competenza linguistica  
1.1 Limiti nella competenza del dialetto  
1.2 Limiti nella competenza dell’italiano  
2 Espressivita  
2.1 Funzione ludica
  • Mf18: Carusi, si vede che sono stata a mare?
  • Af20: [No!
  • Dm19: [NO:::! Sì gghianca! (’sei bianca‘ (S. 87)
2.2 Modulazione rafforzativa
  • Mf: Per esempio c’è la mia collega la mia nuova collega che c’ha oltre ai gioielli tutti questi anelli un po‘ particolari, no?
  • Of: Pari na scecca parata! (’sie sieht aus wie eine aufgebrezelte Eselin‘) (S. 99)
2.2.1 Ripetizione enfatica  
3 Selezione e cambiamento del destinatario  
4 Citazione  
4.1 Citazione e espressività  
4.2 Intento mimico  
4.3 Casi indecidibili  
5 Organizzazione e strutturazione della conversazione  
5.1 Cambiamento di argomento  
5.2 Seguenze marginali e pre-chiusure  
5.3 Raccontare storie (nach Alfonzetti 2012, 12)  
Alfonzetti, Giovanna (2012): I giovani e il code switching in Sicilia. Palermo: Centro di Studi Filologici e Linguistici Siciliani.
Berruto, Gaetano (1987): Lingua, dialetto, diglossia, dilalìa. In: Holtus, Günter & Kramer, Johannes, Romania et Slavia adriatica. Festschrift für Zarko Muljačić, 57-81. Hamburg: Buske.
Berruto, Gaetano (1995): Fondamenti di sociolinguistica. Roma and Bari: Laterza.
Cerruti, Massimo & Regis, Riccardo (2005): Code switching'e teoria linguistica: la situazione italoromanza, Italian Journal of Linguistics 17, 179-208. http://www.italian-journal-linguistics.com/wp-content/uploads/08.Cerruti-Regis_01.De_.pdf.
Dal Negro, Silvia (2010): bilinguismo e diglossia. In: , Enciclopedia dell'Italiano. online: Trecani. http://www.treccani.it/enciclopedia/bilinguismo-e-diglossia_(Enciclopedia-dell'Italiano)/.
Dell’Aquila, Vittorio & Iannaccaro, Gabriele (2004): La pianificazione linguistica. Lingue, società e istituzioni. Roma: Carocci.
Gumperz, John J (1982): Discourse strategies. Cambridge (Mass.): Cambridge University Press.
Heller, Monica (1988): Codeswitching: Anthropological and sociolinguistic perspectives. Berlin: Gruyter.
Moretti, Bruno & Antonini, Francesca (2000): Famiglie bilingui. Dinamiche di mantenimento e perdita di lingua in famiglia. Locarno: Osservatorio linguistico della Svizzera italiana.
Myers-Scotton, Carol (1993): Duelling languages: grammatical structure in codeswitching. Oxford: Clarendon.
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