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Räumlichkeit des SPRECHENS (ii) – Diakrolektie

Version:

Zitation: Thomas Krefeld (2019): Räumlichkeit des SPRECHENS (ii) – Diakrolektie. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (17.01.2019, 08:05). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=88709&v=3.

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1. Initialer Plurizentrismus durch die Neuen Medien: dialektale Wikipedien

Der Umgang der Wikipedia mit den Sprachen und Dialekten ist schwer zu beurteilen und durch gegenläufige Tendenzen geprägt; einerseits wird völliger Individualismus propagiert, der die Freiheit des Einzelnen und ein – gewissermaßen – anarchisches Kooperationsprinzip zur grundlegenden Maxime erhoben hat:

„L’enciclopedia libera e collaborativa. […] Wikipedia è un’enciclopedia online, collaborativa e gratuita.“ (http://it.wikipedia.org/wiki/Pagina_principale)

Andererseits wird eine recht umfangreiche, aber doch begrenzte Zahl von Versionen in unterschiedlichen ‚Sprachen‘ angeboten:

„Disponibile in oltre 280 lingue, […] Wikipedia è liberamente modificabile: chiunque può contribuire alle voci esistenti o crearne di nuove.“ (it..wikipedia)

Was jedoch in diesem enzyklopädischen Informationsdienst unter ‚Sprachen‘ verstanden wird, ist nicht sehr klar. Selbstverständlich sind die seit langem etablierten und staatlich implementierten Standardsprachen, wie zum Beispiel Italienisch. Es werden aber auch sozusagen virtuelle Sprachzonen bestimmt, die teils transnational sind, wie im Fall des Korsischen, aber auch des Arpitanischen (= Frankoprovenzalischen), Okzitanischen, Bairischen und Alemannischen. Ein Blick auf die Karte der für Italien (und Europa) relevanten anderen Sprachversionen (interaktiv unter pms.wiki) zeigt manche Merkwürdigkeiten. Hier zunächst die ‚Zonierung‘ des Raums:

Quelle: https://pms.wikipedia.org/wiki/Figura:AmisEur%C3%B2pa.png

(1) Die in den Territorien Italiens und der Schweiz markierten ‚Sprachen‘1Die Unterscheidung von ‚Sprache‘ und ‚Dialekt‘ fehlt. entsprechen nur teilweise den sprachenrechtlich, d.h. staatlich anerkannten  Klein- oder Minderheitensprachen; im sehr fortschrittlichen italienischen Sprachgesetz  von 1999 (Legge 482) werden folgende Idiome genannt:

1. In attuazione dell’articolo 6 della Costituzione e in armonia con i princípi generali stabiliti dagli organismi europei e internazionali, la Repubblica tutela la lingua e la cultura delle popolazioni albanesi, catalane, germaniche, greche, slovene e croate e di quelle parlanti il francese, il franco-provenzale, il friulano, il ladino, l’occitano e il sardo.

Keine Wikipedia–Versionen existieren für das Ladinische, Molise-Kroatische, das Italo- Albanische (= Arbëresh) und das Italo-Griechische; für manche der ‚großen‘, traditionell schon lange etablierten  Minderheitssprachen, das Valdostanische, das Sardische und das Friaulische, existieren nur sehr unbedeutende Wikipedien.

(2) Im Fall der ebenfalls unbedeutenden bündnerromanischen Wikipeda besteht ein offenkundiges Missverhältnis zwischen sehr guten staatlichen (kantonalen) Rahmenbedingung (vgl. Sprachengesetz des Kantons Graubünden [SpG]) und dem schwach ausgeprägten Sprecherinteresse am Textausbau. 

(3) Die Größe und Aktivität der  Wikipedien korreliert nicht eng mit den Sprecherzahlen, die durch jährlichen ISTAT–Erhebungen geliefert werden; dort präsentiert sich das Veneto als die am stärksten dialektophon geprägte Region – und nicht das Piemont, obwohl die Wikipedia für das Piemontesische mit Abstand am besten entwickelt wurde.

(4) Ein geolinguistischer Hintergrund der Wikipedia-Sprachen ist jedoch unverkennbar, wie das Gebiet des Korsischen zeigt, zu dem – dialektologisch korrekt – auch der Norden Sardiniens, die sogenannte Gallura gerechnet wird. Aufschlussreich für das Selbstverständnis ist die Darstellung der ’napoletanischen‘ Wikipedia, in  denen ’napulitanu‘ als Sprachname für eine ganze Dialektgruppe gesetzt wird, als ob die in der Wikipedia benutzte Varietät hier als ‚Dachsprache‘ gelten würde; eine vergleichbare Sprachregelung in der Dialektologie, in der napoletano als Oberbegriff für die betroffenen Dialekte gebraucht würde, gibt es nicht. Ähnlich verhält es sich bei sicilianu. Zwar sagt uns die Dialektologie, dass im Süden Kalabriens und im Süden Apuliens (dem sogenannten Salento) Dialekte gesprochen werden, die sich klar von den im Norden der beiden genannten Gegenden gesprochenen Dialekte unterscheiden. Weiterhin gibt es durchaus gemeinsame Dialektmerkmale, die den äußersten Süden von Kalabrien und Apulien mit Sizilien verbindet. Aber kein Dialektologe und schon gar kein Sprecher würde sein Südkalabrisch oder Salentinisch jemals als ‚Sizilianisch‘ bezeichnen.

(5) Gemessen am Vergleich der aktuellen Daten mit denjenigen von 2014 präsentiert sich die Entwicklung der Wikipedia-Schriftlichkeit ebenfalls unterschiedlich; stark Zunahme (wenngleich auf niederem Niveau) im Falle des Emilianisch-Romagnolischen steht neben leichtem Rückgang im Fall des Frankoprovenzalischen (‚Arpetan‘) oder sogar des Sardischen.

Hier ein Überblick:

  Artikel (Stand vom 18.1.2018) Sept. 2014 offizieller Status (L.  482 | SpG) 
Arpetan 2862 2331 +
Piemontèis  64287 63350  
Rumantsch 3476 3503 +
Lumbard 36629 29617  
Vèneto 11072 10323  
Furlan 3203 3111  
Ligurin 3341 3191  
Emiliân-Rumagnol 9473 2916  
Corsu 5485 6696  
Sardu 5619 3452 +
Napulitanu 14493 14113  
Tarandine (‚tarantino‘) 9228 9187  
Sicilianu 25836 23910  

1.1. Ein Vitalitätsindikator

Nun ist nicht sehr klar, wie ernst man diese neue Form von Dialektschriftlichkeit nehmen darf, oder: soll. In jedem Fall liefert sie gewissermaßen einen Indikator für die Vitalität eines Dialekts, den man bei entsprechenden Vitalitätsfeststellungen, wie sie z.B. durch die UNESCO und durch Ethnologue durchgeführt werden, berücksichtigen könnte. Der Ethnologue, der den Unterschied zwischen ‚Sprache‘ und ‚Dialekt‘ ebenfalls vernachlässigt, gibt auch einen Überblick der italienischen SituationIn den dort aufgestellten Hierarchien ist wenig transparent, warum einer bestimmten Sprache/einem Dialekt ein bestimmter Status zugewiesen wird; das gilt speziell für die als ‚developing‘ bezeichnete Stufe 5, die in der 10stufigen Scala insofern einen wichtigen Übergang markiert, als sie die unterste Stufe bildet, die auch über Verwendung in der Schrift definiert ist:

5 Developing  The language is in vigorous use, with literature in a standardized form being used by some though this is not yet widespread or sustainable. (Ethnologue)

Diese Stufe ist in Italien durch besonders viele Sprachen besetzt (vgl. das statistische Profil). Inwieweit die Verwendung der Dialekte in der Wikipedia eine „standardized form“ erkennen lassen oder ob womöglich mehrere Standardvorschläge konkurrieren, wäre im einzelnen ebenso zu untersuchen wie die Authentizität des schriftlich gebrauchten Dialekts. Es ist im Übrigen auch damit zu rechnen, dass ein Dienst wie die Wikipedia einen nicht zu unterschätzenden Beitrag bei der faktischen Durchsetzung eines Standards leisten könnte. Die sehr theoretischen und politischen Standardisierungsdiskussionen, speziell in Sardinien, sind ideologisch außerordentlich stark besetzt und könnten durch massenhafte praktische Verwendung überholt und entschärft werden.  

Simons, Gary F. & Charles D. Fennig (2017): Ethnologue: Languages of the World, Twentieth edition. http://www.ethnologue.com.
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