< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

Räumlichkeit des SPRECHERS (ii) – Der Platz des Standards

Version:

Zitation: Thomas Krefeld (2019): Räumlichkeit des SPRECHERS (ii) – Der Platz des Standards. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (16.01.2019, 08:13). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=84024&v=3.

Lizenzierung

1. Standard als Referenzvarietät

1Dieses Kapitel greift teilweise Überlegungen und Formulierungen aus Krefeld 2011 auf.Es steht außer Frage, dass auch die so genannte Standardsprache, die alltagssprachlich oft schlicht als lingua bezeichnet wird, als eine Varietät der italienischen Sprache angesehen werden muss.  Allerdings handelt es sich um eine ganz besonders wichtige Varietät, die in diachronischer Hinsicht die Zusammengehörigkeit der arealen Varietäten im Rahmen der historischen Einzelsprache Italienisch überhaupt erst stiftet und die auch in synchroner Hinsicht als gemeinsame Dach- und Referenzvarietät fungiert, über die sich die Sprecher sprachlich identifizieren.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr merkwürdig, dass sich die etablierte Varietätenlinguistik im Umgang  mit dem Standard sehr schwer tut. Zwei diametral entgegengesetzte Auffassungen stehen sich gegenüber.

1.1. Der Standard als multidimensional markierte Varietät 

Im deutschsprachigen Kontext (und auch ein wenig darüber hinaus) am bekanntesten ist die Modellierung des einzelsprachlichen Varietätenraums durch Peter Koch und Wulf Oesterreicher2Der wissenschaftgeschichtliche und methodologische Hintergrund dieser Konzeption kann hier nicht dargestellt werden; vgl. immerhin Völker 2009.; die folgende, ins Jahr 1990 zurückreichende schematische Darstellung hat außerordentliche Verbreitung gefunden:   

Abb. aus Koch & Oesterreicher 2011 [1990], 17

Obwohl der Standard sachlich-historisch und auch logisch als Vergleichsmaßstab der Markiertheit vorausgesetzt wird, kommt er explizit im Schema nicht vor. Auch im Text wird der Ausdruck nur beiläufig gebraucht, aber das Konzept wird unter der synonymen Bezeichnung der ‘präskriptiven Norm’ an prominenter Stelle thematisiert und auf das zitierte Schema projiziert:

Bei allen Detailunterschieden von Sprache zu Sprache [….] ist die präskriptive Norm auf jeden Fall im rechten Bereich des Schemas zu lokalisieren. (Koch/Oesterreicher 2011, 17f.)

Damit erhält der Standard (bzw. die präskriptive Norm) zwar den Status einer Varietät, gleichzeitig wird er jedoch einer genauer Positionierung im Varietätenraum entzogen, da er im Unterschied zu den anderen Varietäten nicht in einer einzigen Dimension angesiedelt ist, sondern ausdrücklich mit allen Dimensionen in Verbindung gebracht wird. Andere Handbücher teilen diese Auffassung der multidimensionalen Markierung des Standards “im rechten Bereich”, so etwa der Manualetto von  Maurizio Dardano:

Lingua standard è detta di una varietà linguistica che è particolarmente apprezzata nella scala dei valori sociali. Si fonda spesso sul parlato delle persone colte provenienti da un centro culturalmente e/o politicamente rilevante. In una comunità linguistica tale varietà di prestigio è presa di solito a modello per il parlato formale e per la lingua scritta. (Dardano 2005, 295)

Diese Position reflektiert zweifellos die sprachgeschichtlichen Bedingungen, unter denen die Standardisierung erfolgt ist; in der Tat sind dafür ja im 16. Jahrhundert durch den hochgebildeteten Pietro Bembo ausschließlich die prestigeträchtigsten literarischen Texte des trecento selektiert worden. Aus aktueller varietätenlinguistischer Sicht wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass der Standard weithin, d.h. für sehr viele Sprecher einen Markierungsverlust erlitten hat, der grundsätzlich alle Dimensionen betrifft, obwohl er in der Diatopik, d.h. im Blick auf seinen florentinischen Ursprung besonders augenfällig wird. Der Versuch, den Standard im Varietätenraum unterzubringen, wie er von Koch/Oesterreicher konzipiert wurde, führt also in einen fundamentalen Widerspruch: Wir haben es aus Sicht des Linguisten zweifellos mit einer Varietät zu tun und zwar gerade mit der am besten bekannten und am zuverlässigsten abzugrenzenden Varietät überhaupt, denn sie wird ja mindestens in der Schriftlichkeit vom Kriterium der ‘Korrektheit’ gesichert. Aber gleichzeitig steht sie außerhalb der Dimensionen, mit denen der Varietätenraum im zitierten Modell konstruiert wird, und kann als Varietät eigentlich nicht erfasst werden. Standardhaftigkeit ist kein Parameter der Variation.   

1.2. Der Standard als unmarkierte Varietät

Nun erscheint es in Zeiten allgemeiner Alphabetisierung  problematisch, genauer: anachronistisch, eine grundsätzliche Affinität von Standard und ‘hoher’ sozialer bzw. stilistischer Markiertheit zu behaupten. Denn die große Masse der Italiener spricht mit schlichter Selbstverständlichkeit, sozusagen by default, Standarditalienisch oder zumindestens ein sehr standardnahes Italienisch in ganz unterschiedlichen formalen und informellen Situation. Der Standard ist daher – für sehr viele Sprecher – neutral in Bezug auf die Dimensionen der Markiertheit. In diesem Sinn hat Mari D’Agostino den Begriff definiert: 

La nozione di standard (opposta a quella di ‘non standard’) viene utilizzata in primo luogo per indicare una varietà di lingua non marcata su nessuno degli assi della variazione; essa si caratterizza sostanzialmente per quello che non ha piuttosto che per ciò che ha.“ (D’Agostino 2007, 121)

Auch diese Definition stützt sich auf den Begriff der Markiertheit, und es erhebt sich die Frage,  was Markiertheit im Sinne der Varietätenlinguistik überhaupt sei. Unumstritten ist, dass solche sprachliche Varianten als ‘markiert’ bezeichnet werden, die nicht nur mit spezifischen Bedeutungen und Funktionen verknüpft sind, sondern die darüber hinaus im Sprachwissen des Sprechers sekundäre Assoziationen regionaler, sozialer, stilistischer, medial-konzeptioneller und anderer Art abrufen und die deshalb entsprechenden ‘Dimensionen der Variation’  zugeordnet werden können. Die kognitive Basis von Markiertheit ist – mit  anderen Worten – Auffälligkeit oder: Salienz. Dementsprechend sind unmarkierte Standardvarianten unauffällig. Es stehen sich also nicht Varianten/Formen  gegenüber, die alternativ als Standard bzw.  als (eine spezifische Ausprägung von) Nonstandard markiert wären, sondern die Nonstandardformen sind markiert, weil sie als spezifische Abweichung vom Standard wahrgenommen werden, der seinerseits unauffällig bleibt und daher gar nicht bewusst wahrgenommen wird. Über die Problematik der Standards hinaus erweist sich in dieser Perspektive die Notwendigkeit, die gesamte Variations- und Varietätenlinguistik um einen perzeptive Bereich zu erweitern. Der Variationsraum wäre also ausgehend von einem zentralen, unmarkierten Standardbereich zu modellieren, wie die folgende Graphik veranschaulicht; das Dreieck soll andeuten, dass mit zunehmender Entfernung vom Zentrum in Richtung Spitzen die Salienz zunimmt und die Markierung gleichzeitig eindeutiger wird :

Markierung als zunehmende Abweichung vom neutralen Standard

Hier kommt nun das italiano regionale ins Spiel, denn es bildete bei vielen Sprechern, in der regionalen Selbstwahrnehmung (oder: Autoperzeption), eben diese selbstverständliche, neutrale Vergleichsbasis, an der  sich die Zuweisung von Markierungen an abweichende Varianten/formen ausrichtet:

il locutore ritiene di parlare in lingua (Pellegrini , 6)

In der Fremdwahrnehmung (oder: Heteroperzeption) tritt die regionale oder kombinierte diatopisch-diastratische Markiertheit des italiano regionale deutlich hervor. Ein und dasselbe Element x kann also in der Autoperzeption durchaus neutral und in der Heteroperzeption mehr oder weniger eindeutig markiert sein, wie die folgende Graphik illustriert:

X – unmarkiert in der Autoperzeption und (uneindeutig) markiert in der Heteroperzeption

Aus der Tatsache, dass „tutte le varietà di lingua effettivamente utilizzate nella pratica comunicativa sono connotate socialmente o diafasicamente o diatopicamente“ (D’Agostino 2007, 121) muss man allerdings nicht notwendigerweise den Schluss ziehen, dass es im Italienischen gar keinen Standard gäbe, wie Mari D’Agostino an der eben zitierten Stelle mit Bezug auf Tullio Telmon vorschlägt. Näher liegt es, komplementäre regional Standards anzunehmen. Um diese auf dem Miteinander neutraler Auto- und markierter Heteroperzeption beruhende Annahme empirisch abzusichern sind allerdings großräumige Untersuchung zur Auto-und Heteroperzeption regionalitalienischer Variation erforderlich. 

Bembo, Pietro (1989 [1525]): Prose della volgar lingua, a cura di Carlo Dionisotti. Torino: UTET. http://www.classicitaliani.it/index390_Bembo.htm.
Dardano, Maurizio (2005): Nuovo Manualetto di linguistica italiana. Bologna: Zanichelli.
D’Agostino, Mari (2007): Sociolinguistica dell’Italia contemporanea. Bologna: Il Mulino.
Koch, Peter & Oesterreicher, Wulf (2011 [1990]): Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch. Berlin/New York: De Gruyter.
Krefeld, Thomas (2011): Sag mir, wo der Standard ist, wo ist er (in der Varietätenlinguistik) geblieben?. In: Dessì Schmidt, Sarah u.a., Rahmen des Sprechens. Beiträge zu Valenztheorie, Varietätenlinguistik, Kreolistik, Kognitiver und Historischer Semantik. Peter Koch zum 60. Geburtstag, 101-110. Tübingen: Narr.
Pellegrini, Giovan Battista: Tra italiano regionale e coinè dialettale. In: Cortelazzo, Manlio & Mioni, Alberto A., L’Italiano regionale, 5-26. Roma: Bulzoni.
Völker, Harald (2009): La linguistique variationnelle et la perspective intralinguistique, Revue de linguistique romane 73, 27-76.
< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

Schreibe einen Kommentar