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‚Exposition‘ – Ereignisse und Handlungen

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): ‚Exposition‘ – Ereignisse und Handlungen. Lehre in den Digital Humanities. Version 5 (31.01.2017, 15:49). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=45291&v=5.

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0.1. Karl Bühler als Pionier der kognitiven Syntax

Der Versuch von Simon Dik 1989 den sprachlichen Ausdruck von Sachverhalten zu typisieren, hat gezeigt, dass die syntaktischen Organisation der Sprachen, genauer: die Verknüpfung von Prädikatoren und Argumenten eng mit der Semantik verschränkt ist. Darüber hinaus interagiert die Semantik aber auch mit morphologischen Kategorien, wie Karl Bühler (vgl. 1965, § 25, 366-385) in einem Kapitel seiner Sprachtheorie gezeigt hat, das grundlegende Einsichten einer kognitiven Syntax vorwegnimmt.

Bühler geht hier von einer noch elementareren Ebene als derjenigen der Prädikation aus, denn die Prädikation setzt bereits eine – keineswegs selbstverständliche –  „Erlösung der Sprachäußerungen aus den Umständen der Sprachsituation“ (XXXIV). Die Sprachsituation wird nach Bühler durch zwei semiotische Felder bestimmt, das „Zeigfeld und die Zeigwörter“ (79-82) einerseits und das „Symbolfeld und die Nennwörter“ (149-154) andererseits (vgl. Raum als Wahrnehmungsraum). Das Zeigfeld entsteht unmittelbar beim Sprechen  und ausgehend vom Sprecher, der daher stets auch den Mittelpunkt seines Zeigfeldes bildet: 

Zwei Striche auf dem Papier, die sich senkrecht schneiden, sollen uns ein Koordinatensystem andeuten, O die Origo, den Koordinatenausgangspunkt: Ich behaupte, daß die drei Zeigwörter an die Stelle von O gesetzt werden müssen, wenn dies Schema  das Zeigfeld der menschlichen Sprache repräsentieren soll, nämlich die Zeigwörter hier, jetzt und ich. (Bühler 1965, 102)

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/01/1484231480 Origo

graphische Darstellung der Origo in Bühler 1965, 102

Die besondere semiotische Leistung der sprachlichen Kommunikation besteht nun in der Möglichkeit, die ausgedrückte Information vollständig von der konkreten Situation des Sprechers zu entbinden. Das kann auf zweifachem Wege geschehen:

  • durch mediale Materialisierung: dazu reicht es z.B. ich, hier, jetzt auf einen Zettel zu schreiben, oder eine entsprechende lautliche Äußerung auf einem Tonträger zu speichern1Die mediale Entbindbarkeit zeigt übrigens die Sonderstellung der spontanen mündlichen Face-to-face-Kommunikation und die Notwendigkeit eines adäquaten Medienbegriffs, der 'Medium' und 'Materialisierung' strikt trennt. Lautlich, genauer gesagt: artikulatorisch (und nicht durch digitale Sprachsynthese) produzierte und auditiv perzipierte Sprache impliziert kein Medium. In der bekannten Modellierung der 'Nähe-' und 'Distanzsprache' durch Peter Koch und Wulf Oesterreicher (bis in die 2. Auflage von Gesprochene Sprache in der Romania, 2011) wird dieser wichtige Punkt verwischt, da beide die spontane Mündlichkeit als 'konzeptionelle' und eben 'mediale' Nähe bezeichnen; vgl. Krefeld 2015.
  • durch sprachliche Mittel selbst; das ist z.B. der Fall bei Prädikationen der Art: [la neve][è bianca]

Um die semiotischen Voraussetzung der Entbindung zu verstehen, muss man sich darüber Klarheit verschaffen, wie die drei deiktischen Dimensionen (PERSON, ZEIT, ORT) sprachlich ausgedrückt werden: immerhin zwei (PERSON, ZEIT) sind in obligatorischen morphologischen Kategorien der Verbalmorphologie, nämlich: TEMPUS und PERSON, verankert; denn beide sind in jeder flektierten Verbform unweigerlich markiert. Entscheidend ist jedoch die Person, genauer gesagt die sogenannte 3. Person, die ja gerade nicht auf eine an der Kommunikation beteiligte PERSON verweist, sondern auf irgendetwas anderes. Im Unterschied zur 1. und 2. Person, die immer und ausschließlich zeigen, kann die 3. Person zwar auch auf abwesende (oder nicht kommunikationsberechtigte) Personen zeigen („er ist nicht da“), aber die 3. Person kann eben auch etwas Beliebige bezeichnen (das Wetter, die Lawine, la luna, la libertà usw.), das es womöglich gar nicht gibt (il liocorno è verde ‚das Einhorn ist grün‘); Emile Benveniste (1947) sprach daher expliziert von der „non personne“).  Mit ich und  du ist das ganz und gar unmöglich. Beide Personen verweisen selbst dann noch deiktisch auf die kommunizierenden Personen, wenn sie mit Verben in anderen Tempora als dem Präsens gebraucht werden (ieri ero a Roma/domani sarò a Roma). Vergangs- und Futurformen sind also für die Entbindung von der Origo nicht hinreichend: Allein die 3. Person gestattet also die völlige Situationsenthebung (wenngleich natürlich nicht automatisch und eineindeutig).

Bühler nennt die Entbindung sprachlicher Äußerungen in der 3. Person von der Origo auch als ‚Exposition‘, d.h. wörtlich ‚Heraussetzung‘  und zwar aus der Sprechsituation. Er unterscheidet zwei semantische Konstellationen, die sich als alternative Grundformen der Sachverhaltsdarstellung umschreiben lassen. 

0.1.1. 1. Exposition als Ereignis

Dieser spezielle Typ wird durch den bekanten Spezialfall der Witterungsverben gebildet. Die kleine Gruppe hat kein referentielles Subjejt, sondern allenfalls in machen Sprachen ein grammatisches Scheinsubjekt (‚dummy subject‘), wie deu. es oder eng. it. Bühler stellt daher zu Recht fest, dass Ausdrücke des Typ deu. es schneit oder it. nevica zwar grammatisch in der 3. Person stehen, aber dennoch auf die aktuelle Sprechsituation, genauer: auf den Ort der aktuellen Sprechsituation, also auf den Kontext der Origo verweisen:: 

Die Wetter-Vokabeln der indogermanischen Sprachen sind nur maskierte, keine vollwertigen indogermanischen Verba; sie sind Ereigniswörter, die ein anderes Symbolfeld um sich verlangen und eröffnen wie unsere Verba. Denn nicht die Frage wer? sondern die Frage wo? und wann? zielen bei einem ‚es regnet‘ auf die Ergänzung ab, die aus empraktischem Gebrauch entbindet und zu einem selbständigen Satze erhebt, der alles mit sich führt, was zu seiner Sinnerfüllung gehört. Wo in einer Sprache an Stelle unserer Verba dominierend solche Ereigniswörter vorkommen, trifft die Expositionsformel des Satzes den Nagel auf den Kopf; denn das wahre S[ubjekt; ThK] dieser Sätze nennt in der Tat die Situation, in welcher das Ereignis stattfindet; das wahre S eines situationsenthobenen Regensatzes liegt in der Bestimmung am Bodensee. Fehlt diese Bestimmung, dann ist und bleibt die Rede es regnet eine situationsverhaftete Rede. (Bühler 1965, 376)

Notwendige Bedingung für die Situationsentbindung – so kann man Bühler erläutern – ist die 3. Person; hinreichend ist diese Person jedoch nur in Verbindung mit einer Lokal- oder  wohl auch einer Temporalangabe (ita. d’inverno nevica, deu. im Herbst stürmt es). Auch wenn es sich nicht um ein Subjekt oder Objekt handelt, kommt diesen Angaben daher eine Art Argumentstatus („das wahre S“) zu. Die kognitive Formel des Ereignismodells lautet also: ‚Etwas passiert an einem Ort/zu einer Zeit‘. 

0.1.2. 2. Exposition als Handlung

Den anderen Expositionstyp diskutiert Bühler ausgehend von den Beispielsätzen mit eindeutigen Argumenten:

  • Typ a): Caius necat leonem  ‚Caius tötet den Löwen‘ mit morphologischer Kennzeichnung der Argumente durch Kasusendung (Subjekt im Nominativ  auf –us, Objekt im Akkusativ auf  –em) und der Subjekt-Verb-Kongruenz durch –at;
  • Typ b): gentlemen prefer blonds mit syntaktischer Kennzeichnung der Argument und des Prädikators durch die feste Abfolge Subjekt-Verb-Objekt.

Die Expositionsformel ist adäquat, wo immer im Satze eine Versetzungs-Erlösung der geschilderten Art [‚Ereignis‘; Th.K.] erreicht wird; sie ist aber nicht genügend und inadäquat, wo andere Symbolfelder im Satze aufgebaut und andere Befreiungssschritte durch sie ermöglicht werden. Bevorzugt ist im Indogermanischen das Denkschema der Aktion und der wichtigste Enthebungsschritt ist und bleibt im Rahmen dieses Denkschemas die merkwürdige Rollenübertragung an die sogenannte dritte Person: Caius handelt nicht nur, wenn er den Löwen tötet, er handelt auch, wenn er sieht und hört. Ja er handelt in einem weitesten Wortsinn vielleicht sogar dann noch, wenn er sitzt oder lebt. Doch lassen wir diese letzte Frage offen. Es könnte sein, daß das Symbolfeld ein wenig modifiziert ist, wenn Caius sitzt oder “lebt“: er lebt in Rom. Caius wird behandelt, wenn ihn die Sonne wärmt, wenn ihn ein Freund liebt, ein Feind haßt, wenn ihn die Wähler zum Konsul machen. (Bühler 1965, 375)

Bühler bringt das Symbolfeld der genannten Beispielsätze auf den allgemeinen Nenner des „HandlungsKlischee“, das er als das „grundlegende und übergreifende Schema der indogermanischen Sprachen“ (Bühler 1965, 240) identifiziert. Damit wird die Vielfalt der sprachlich dargestellten Sachverhalte nicht von vornherein als ein Mosaik modelliert Bühler, sondern ausgehend von der grundlegenden Alternative eines marginalen Ereignis- und eines ganz dominanten Handlungsmodells, das sprachtypologisch verwurzelt ist.

Wo immer ein Verbum die Komplexion regiert, dort und nur dort sind Leerstellen, in welche primär Caius und der Löwe eingesetzt werden können als Kasus der sogenannten inneren Determination.  […] die indogermanische Lösung der Darstellungsaufgabe im Löwentod-Exempel: Caius necat leonem. Warum provoziert das Verbum die Fragen wer und wen? Weil es der Ausdruck einer bestimmten Weltauffassung im ursprünglichen Wortsinn ist; einer Auffassung, die Sachverhalte unter dem Aspekt des (tierischen und) menschlichen Verhaltens begreift und zur Darstellung bringt. (Bühler 1965, 249)

Die semantisch fundierte Redeweise von ‚Schema‘ und ‚Klischee‘ lässt – in aktueller Terminologie  –  eine prototypische Auffassung der zweistelligen, ‚transitiven‘ Verben erkennen, die man auf die Formel ‚Jemand, des Bezeichnung morphologisch im Nominativ kodiert ist, macht etwas, dessen Bezeichnung morphologisch im Akkusativ oder Dativ kodiert ist‘:

Das Wichtigste ist für den Sprachtheoretiker, zu erkennen, dass die Aktion (die tierische und menschliche) das Denkmodell ist, unter das man einen darzustellenden  Sachverhalt bringen muß, um das Kasuspaar, vom dem wir sprechen, zu begreifen. Habe ich ein Nennwort, welches dieses Denkschema impliziert, z.B. ein Verbum, dann connotiert es zwei Leerstellen. An ihnen ist der Nominativus und Akkusativus (oder Dativus) angebracht. Die Nominativ- und Akkusativmarken sind also nichts anderes als die Platzmarken eines bestimmten Symbolfeldes, das wir damit beschrieben haben.  (Bühler 1965, 251)

Benveniste, Emile (1947): Structure des relations de personne dans le verbe. Paris: Klincksieck.
Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie: Die Darstellungsfuktion der Sprache [1934]. Stuttgart: Gustav Fischer.
Dik, Simon C (1989): The Theory of Functional Grammar, Part 1: The Structure of the Cause. Dordrecht: Foris.
Koch, Peter & Oesterreicher, Wulf (2011): Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch. Berlin/New York: Walter de Gruyter.
Krefeld, Thomas (2015): L'immédiat, la proximité et la distance communicative. In: Polzin-Haumann, Claudia & Schweickard, Wolfgang, Manuel de linguistique française, 262-274. Berlin: de Gruyter.
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