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Synchronische Modellierung von Mehrsprachigkeit

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): Synchronische Modellierung von Mehrsprachigkeit. Lehre in den Digital Humanities. Version 8 (24.11.2017, 08:03). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=53396&v=8.

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Angesicht der Tatsache, dass die germanischen Superstrate im Gefolge militärischer Eroberungen in die Romania kamen, liegt es nahe, den gesellschaftlichen Status der Sprachen als möglichen Parameter des Kontakts zu berücksichtigen und das Konzept der Diglossie auf seine Brauchbarkeit zu befragen.

1. Diglossie (im Sinne von Charles A. Ferguson)

In einem außerordentlich stark rezipierten Aufsatz hat der amerikanische Linguistik Charles A. Ferguson eine sprachliche Konstellation von Gesellschaften skizziert, die er mit einem bereits älteren Ausdruck als Diglossie bezeichnet:  

Diglossia is a relatively stable language situation in which, in addition to the primary dialects of the language (which may include a standard or regional standards), there is a very divergent, highly codified (often grammatically more complex) superposed variety, the vehicle of a large and respected body of written literature, either of an earlier period or in another speech community, which is learned largely by formal education and is used for most written and formal spoken purposes but is not used by any section of the community for ordinary conversation. (Ferguson 1959, 334)

Die beiden Varietäten, die Ferguson hier einander gegenüberstellt, werden in der Literatur meistens abgekürzt als H[igh]- und L[ow]-variety bezeichnet. Ihres großen Erfolgs zum Trotz lassen sich – aus heutiger Sicht – mindestens drei grundsätzliche Unklarheiten dieser Definition nicht übersehen:

  • Wie lässt sich hohe sprachliche Abstand zwischen beiden Varietäten („very divergent“) operationalisieren?
  • Wie lassen sich „formal spoken purposes“ scharf abgrenzen?
  • Wie ist der Unterschied zwischen „standard“ und „highly codified superposed variety“ zu verstehen?

Außerdem ist auch damit zu rechnen, dass ein markanter gesellschaftlicher Statusunterschied der Varietäten nicht unbedingt durch den Funktionsunterschied, d.h. durch den Gebrauch  in „ordinary conversation“  auf der einen Seite und für „written and formal spoken purposes“ auf der anderen begründet sein muss, sondern schlicht weg durch die gesellschaftliche Macht ihrer Sprechergruppen. Aber im Kontext des romanisch-germanischen Kontakts ist Fergusons Konzept jedoch schon deshalb nicht brauchbar, da es ausschließlich auf das Verhältnis von Varietäten einer einzigen Sprache bezogen ist.

2. Diglossie (im Sinne von Joshua A. Fishman)

In zweifacher Hinsicht anders wurde der Begriff von Joshua A. Fishman gefasst:

  • Nicht nur die Relation von Varietäten ein und derselben Sprache, sondern auch von (Varietäten aus) unterschiedlichen Sprachen kann als ‚diglossisch‘ charakterisiert werden;
  • Die funktionale Trennung zwischen den in Diglossie stehen Sprachen/Varietäten kann unterschiedlich, genauer: funktional beliebig begründet sein:

[…] la diglossie existe non seulement dans les sociétés multilingues qui reconnaissent officiellement plusieurs langues, non seulement dans les sociétés qui utilisent à la fois des variétés dites vulgaires et d’autres classiques, mais aussi dans les sociétés qui emploient différents dialectes ou registres, diverses variétés linguistiques fonctionnellement différenciés pour l’un ou l’autre motif. (Fishman 1971, 88; Hervorhebung im Original)   

  • Der rein sprachbezogene Status wird mit der als ‚Bilinguismus‚ bezeichneten mehrsprachigen Kompetenz der Sprecher korreliert; aus der Kreuzklassifikation beider Kriterien ergeben sich vier Konstellationen:
Relations entre bilinguisme et diglossie
  Diglossie
Bilinguisme +
+ 1. Diglossie et bilinguisme 2. Bilinguisme sans diglossie
3. Diglossie sans bilinguisme 4. Ni diglossie ni bilinguisme
  (nach: Fishman 1971, 89)

In dieser weiten Definition ist eigentlich jede Sprachgemeinschaft mit funktional differenzierten Varietäten (z.B. mit Dialekten) als ‚diglossisch‘ zu verstehen; Relation 1 (Diglossie mit Bilinguismus) wird dadurch letztlich vollkommen trivial. Die Relation 3 (Diglossie ohne Bilinguismus), die z.B. klassische Kolonialgesellschaften kennzeichnet, hat angesichts der jüngsten Massenmigrationen eine neue Aktualität erfahren. Relation 4 ist unter den Bedingungen neuzeitlicher Staaten kaum mehr vorstellbar; man denkt allenfalls an sehr kleine Sprechergemeinschaften, wie sie womöglich im brasilianischen Amazonasgebiet noch existieren.

Relation 2 ist ebenfalls wenig wahrscheinlich; sie wird von Fishman als durchaus krisenhaft beschrieben:

„En quelles circonstances le fonctionnement des deux langues se présente-t-il sans bénéficier dd’un accord social unanime par rapport aux questions suivantes: quand utilise-t-on telle langue, avec quels locuteurs, pour discuter de quel sujet, ou dans quel but? Dans quelles circonstances les langues ou variétés en question n’ont-elles pas de fonctions séparées, parfaitement délimitées et protégées? En bref, de telles situations se rencontrent lorsque se produisent des changements sociaux rapides, une grande tension sociale ou lorsqu’une communauté a abandonné des normes généralment admises et ne les a pas encore remplacées par de nouvelles.“ (Fishman 1971, 97)

3. Diglossie (im Sinne von Heinz Kloss)

Ein weitere Differenzierung erfährt das Konzept der Diglossie durch Heinz Kloss, der als weitere Parameter die bei (Fishman 1971) erwähnte, aber nicht systematisch berücksichtige relative Sprecherzahl sowie den bei Ferguson in unklarer Weise vorausgesetzen  sprachlichen Abstand berücksichtigt.

Kloss differenziert genauer gesagt die folgenden fünf Kriterien:

Kürzel Kriterium Motivation
L „L-Sprachform der Gesamtbevölkerung“ (Kloss 1978, 324) soziologischer Status
H „H-Sprachform, von der großen Mehrheit der erwachsenen Sprecher von L als ihre Zweitsprache verwendet.“
h „H-Sprachform, jedoch nur von einer Minderheit der erwachsenen Sprecher von L als Zweitsprache verwendet.“
N „L und H (bzw. h) sind nahverwandt.“

systemischer Abstand

U „L und H (bzw. h) werden von den Sprechern als unverwandt empfunden, d.h. sind nicht nah verwandt.“
(Kürzel, Kriterien und Zitate aus Kloss 1978, 324; tabellarische Darstellung und Spalte ‚Motivation‘ von Th.K.)

Sprachrelationen, die als N gekennzeichnet werden können bezeichnet Kloss als Binnendiglossie (engl. in-diglossia), solche die U entsprechen als Außendiglossie (engl. out-diglossia).

Man beachte die epistemisch ganz unterschiedliche Fundierung der genannten Kriterien: Während die statusbezogenen Kriterien L, H und h durch deskriptive Beschreibung des Wissenschaftlers ‚von außen‘ festgestellt werden können, ist das abstandsbezogene Kriterium U explizit im Wissen der Sprecher verankert  – und nicht in einer sprachwissenschaftlichen Abstandsmessung, wie sie z.B. in der Dialektometrie entwickelt wurden. Die praktische Umsetzung dieses Kriteriums würde Perzeptionstests1Vgl. zur perzeptiven Linguistik die Einleitung zu Krefeld & Pustka 2014. erfordern, die für diesen Zweck bisher weder von Kloss, noch sonst in ernst zu nehmender Weise in Angriff genommen wurden. Indirekt wird aus der Definition von U deutlich, dass auch das alternative Abstandskriterium N letztlich im Sprecherwissen begründet ist.   

Aus der unterschiedlichen Kombination werden sodann sechs spezifizierte Diglossietypen entwickelt, wie die folgende Tabelle zeigt:

 Modell A L+H | N „Alemannische Schweiz […] im ursprünglichen Sinne Fergusons: Alle oder fast alle Mitglieder einer ethnischen Gruppe […] in einer relativ klaren und relativ stabilen Funktionsteilung“ (Kloss 1978, 324)
Modell B    L + h | N „Haiti, mit L = Créole und h = Französisch […] h eben nur von einer kleinen Minderheit […] gebraucht oder verstanden“ (Kloss 1978, 324)
Modell C    L + H | U „Paraguay mit L = Guarani und H = Spanisch, d.h. die Gesamtheit oder doch eine starke Mehrheit“ (Kloss 1978, 325)
Modell D    L + h | U „Deutschland um 1700, mit L = Deutsch und h = Französisch […] auf eine Minderheit […] beschränkt“ (Kloss 1978, 325)
  Modell E

 L ohne H, H ohne L | N

 

„Hier spricht im Rahmen des gleichen staatlichen Gemeinwesens der eine Teil der Bevölkerung (fast) nur L, der andere (fast) nur das mit L nahverwandte H. Ein gesichertes Beispiel hierfür ist mir nicht bekannt und es ist zweifelhaft, ob diese Möglichkeit der Funktionsteilung überhaupt über einen längeren Zeitraum hin bestehen könnte […] um 1850 auf Island“ (Kloss 1978, 325)
 Modell F  L ohne H, H ohne L | U  „[…] geschichtlich überaus häufig – er deutet eine klassische koloniale Situation an“ (Kloss 1978, 327)​
(aus Kloss 1978; modifizierte Notation von Spalte 2: Th.K.)

Man beachte, dass alle von Kloss formulierten herausgestellten Typen nicht  nur eine – wie von Fishman vorgeschlagen – beliebige Funktionsteilung zwischen den beiden Sprachen/Varietäten voraussetzen, sondern zudem – im Sinne des ursprünglichen Konzepts von Ferguson – ihre hierarchische Über-/Unterordnung.  Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Nachteile dieser Typik: Zunächst ist das Miteinander zweier gleichberechtigter H (mit oder ohne zugehörige L), also eine Art kollektiver Bilinguismus, der ja in gewisser Hinsicht den Idealtyp der Zweisprachigkeit repräsentiert, nicht beschreibbar; mittlerweile dürfte die Situation in Paraguay, die von Kloss im Jhre 1978 noch als Beispiel für Modell C gegeben wird, genau diesem Typ entsprechen, der folgendermaßen schematisiert werden müsste:

  • [L1 + H1] + [L2 + H2] | U

In sprachgeschichtlicher Perspektive muss festgehalten werden, das nicht verschriftete Sprachen von gesellschaftlichen Oberschichten in keinem der genannten Modelle einen Platz finden – gerade dieser Fall könnte sich jedoch als relevant für den frühmittelalterlichen romanisch-germanischen Kontakt erweisen.

4. Diglossie (im Sinne von Georges Lüdi)

Die Lehre aus der zwar differenzierten, aber – wie sich schnell erweist – keineswegs vollständigen Typik von Heinz Kloss könnte darin bestehen, ganz auf die Formulierung starrer ‚Modelle‘, wie das der Diglossie zu verzichten und konkrete sprach(geschicht)liche Konstellationen auf ein Netz unterschiedlicher, jeweils skalierbarer Parameter zu beziehen. Einen sehr nützlichen Vorschlag, in dem sich die Diglossie im Sinne Fergusons als eine unter vielen Konstellationen abbilden lässt,  hat Georges Lüdi gemacht; er entwirft das abstrakte und flexibel konkretisierbare Gerüst eines ‚variationellen Raums‘ auf der Basis von sechs Parametern, die im folgenden (in leicht modifiziertem Layout) wiedergegeben werden; ein Anspruch auf Vollständigkeit wird damit ausdrücklich nicht erhoben:   

L’espace variationnel de la diglossie/polyglossie

  1. distance linguistique
–          ←      approche étique  →          +
registre langue + dialecte langues apparentées romanes indoeuropéennes langues non apparentées
–         ←   approche émique →          +

2. types de communautés

–         ←   espace →          +
local régional national  supranational

 

 –         ←   intersection entre les locuteurs des deux variétés →          +
pas de bilinguisme minorité bilingue majorité bilingue bilinguisme généralisé

 

 –         ←   étendue de la diglossie →          +
individu famille groupe social ensemble de la communauté

3. complementarité fonctionelle

– ←     recouvrement des fonctions      → +

– ←     rigidité de la répartition fonctionelle     → +

– ←     stabilité de la répartition fonctionelle     → +

4. standardisation

–          ←  développement d’une écriture →          +
pas d’écriture variété écrite non dévelopée (p.ex. littéraire) variété écrite dévelopée littéraire et non littéraire

 

–          ← élaboration →          +
minimale   maximale

– ←      institution d’une norme prescriptive     → +                         

5. types d’acquisition

acquisition de la variété A

– ←   institutionelle   → +

– ←        naturelle        → +

acquisition de la variété B (C, D, etc.)

– ←   institutionelle   → +

– ←        naturelle        → +


6.  différence de prestige

– ←                           → +

 

(Lüdi 1990, 320)

 

Ferguson, Charles A. (1959): Diglossia, Word 15, 325-340.
Fishman, Joshua (1967): Bilingualism with and without diglossia; diglossia with and without bilingualism, Journal of Social Issues 32, 29-38.
Fishman, Joshua A. (1971): Sociolinguistique. Bruxelles and Paris: Labor and Nathan.
Kloss, Heinz (1978): Die Entwicklung neuer germanischer Sprachkulturen. Düsseldorf: Schwann.
Krefeld, Thomas & Pustka, Elissa (2014): Perzeptive Linguistik: Phonetik, Semantik, Varietäten. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
Lüdi, Georges (1990): Diglossie et polyglossie. In: Holtus, Günter & Metzeltin, Michael & Schmitt, Christian, Lexikon der Romanistischen Linguistik, 307-334. Tübingen: Niemeyer.
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3 Antworten

  1. Das Zitat von Fishman (1971:88(?)) enthält vermutlich folgende Fehler:
    – „la diglossie N’existe non seulement […]“ (richtig: la d. []existe non s. (kein n‘))
    – „fonctio[]nellement différencié[]s“ (richtig: fonctionnellement/différenciées)

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