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Räumlichkeit des SPRECHERS (v) – Mobilität

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Räumlichkeit des SPRECHERS (v) – Mobilität. Lehre in den Digital Humanities. Version 4 (24.01.2019, 09:57). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=85369&v=4.

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1. Mobile Sprecher

Die Diskussion um das Regionalitalienische hat gezeigt, wie grundlegend das Sprecherwissen und das damit verbundene Repertoire für die Bestimmung von Markierungen sind. Die Instanz des Sprechers rückt damit ins Zentrum der (Re)Konstruktion kommunikativer Räume. Gleichzeitig wecken diejenigen Konstellationen ein zunehmendes Forschungsinteresse, in denen sein Repertoire und Wissen starken Veränderungen unterworfen ist; geradezu prototypisch sind Migrations- oder auch ausgeprägte Mobilitätserfahrungen (z.B. im Fall  langjähriger Berufspendler).

In Europa gehört Italien, zusammen mit Norwegen, Irland, Polen und anderen, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den Ländern, deren demographische Entwicklung stark durch starke Emigrationswellen geprägt wurde (vgl. Bade 2000). Allein zwischen 1876 und 1915 haben ca. 14 Millionen das Land verlassen; insgesamt werden für das 19. und 20. Jahrhundert insgesamt werden ca. 30 Millionen Personen angesetzt (🔗). Die sprachwissenschaftlich kaum untersuchte interne, nationale Migration kommt hinzu. Einen Eindruck der Zielländer gibt die folgende Karte (mit Daten bis 2008):

 

Emigrazione italiana (http://www.treccani.it/enciclopedia/italiano-dell-emigrazione_%28Enciclopedia-dell%27Italiano%29/#gallery-in-text)

Die skizzierte, sozusagen globale Migration von Italienern bietet vielfältige und zum großen Teil bislang wenig beachtete Ansatzpunkte für sprachwissenschaftliche Untersuchungen (vgl. Vedovelli 2016), die von Giuliano Bernini folgendermaßen resümiert werden:

La natura dell’italiano dell’emigrazione è riconducibile a tre dimensioni principali relative alle dinamiche che si sono sviluppate rispetto a:
(a) le varietà di italiano della madrepatria;
(b) le altre varietà del repertorio dell’emigrazione, con particolare riguardo verso i dialetti importati dall’Italia e le lingue dei paesi ospiti;
(c) la trasmissione dell’italiano verso le generazioni successive a quella dell’espatrio.“ (Bernini 2010, s.p.)

2. Triangulation der Daten: vom SPRECHEN zur SPRACHE – über den SPRECHER

Wesentliche migrationslinguistische Forschungsaufgaben lassen sich in den drei soeben genannten Bereichen lokalisieren. Schon bei ihrer Konzeption zeigt sich jedoch sofort sehr deutlich die Notwendigkeit, die einschlägigen Sprachdaten zwischen SPRECHER, SPRACHE und SPRECHEN zu triangulieren, so wie es im Modell des kommunikativen Raums vorgesehen ist (vgl. Krefeld 2004).  

      SPRACHE      
           
      konstruiert      
      Sprachwissenschaft      
    selektiert   evaluiert    
         
SPRECHEN           SPRECHER
Triangulation sprachlicher Daten in der Sprachwissenschaft

Speziell das SPRECHEN1Die in Großbuchstaben geschriebene Instanz steht für die gesamte Sprachproduktion  und umfasst auch das Schreiben. in migratorischen Kontexten zeichnet sich ja durch Varianten aus, die aus der etischen Sicht anderer Sprecher, gerade auch solcher aus den ursprünglichen Herkunftsgebieten, sehr auffällig sind. Denn nicht selten stammen diese Varianten aus den arealen bzw. territorialen Kontaktsprachen der jeweiligen Wohngebiete. Die Problematik soll am Beispiel eines Blog skizziert werden; Autorin ist eine kurzfristig in Deutschland lebende Italienerin:

Marty, mirandolese, Erasmus a Berlino. Un blog per tutti voi, per non sentirci cosí distanti. (http://ilmartyblog.blogspot.de/2007_05_01_archive.html)

In diesem Blog findet sich die folgende charakteristische Stelle:

In generale io e le mie amiche italiane, quando parliamo in italiano, usiamo spesso parole in tedesco, oppure ‹deutschizzate› come per esempio: ‹Per la gita in Polonia bisognava ammeldarsi??› oppure ‹Non so se riusciamo, ma versuchiamo!› (proviamo) (http://ilmartyblog.blogspot.de/2007/05/ultimamente-mi-capitato-pi-spesso-di.html)

Die methodologisch entscheidende Frage gilt nun dem Status der drei rot hervorgehobenen Elemente:  Handelt es sich um idiosynkratische Besonderheiten der Schreiberin, also um parole im Sinne von Ferdinand de Saussure, oder darf man womöglich auf eine konventionalisierte italienische Migrationsvarietät in Deutschland, also auf langue im Sinne von Ferdinand de Saussure schließen? Dass eine entsprechende Varietät tatsächlich existieren könnte, wird durch die Existenz der (allerdings nicht sehr klaren) Ausdrücke italiesco/germanese (🔗bestätigt. Außerdem handelt es sich ja offensichtlich um deutsche Lexeme mit italienischer Morphologie. Eine genauere Untersuchung zeigt allerdings, dass die deutschen Elemente der zitierten Äußerung keineswegs denselben Status haben. Das erste und dritte sind ganz offensichtlich stilistische, genauer spielerische Effekte des SRECHENS und entsprechen der Selbstwahrnehumg der Schreiberin: „usiamo spesso parole in tedesco“.

Bei ammeldare handelt es sich dagegen um eine fest integrierte Entlehnung auf der Ebene der SPRACHE, die in  der emischen Perspektive der in Deutschland lebenden Italiener zum unmarkierten, ganz unauffälligen Lexikon gehört und die aus der etischen Sicht der anderen Italophonen jedoch eine saliente, ja unverständliche Form darstellt. Diese Einschätzung geht aus den folgenden Belegen eindeutig hervor:

 

Fünf Beispiel für deutsch-italienisch ammeldarsi

  • In (3) wird das Wort nicht in Deutschland lebenden Italienern erklärt („cosa significa? iscriversi dal anagrafo“);
  • in (4) wird es als Emigrantenslang qualifiziert („puro gergo da espatriato“);  
  • in (2) wird es kommentarlos von jemandem gebraucht, der außerhalb von Italien lebt („noi che stiam allestero“), höchstwahrscheinlich in Deutschland, denn es wird noch ein anderes deutsches Wort benutzt (abbo ‚Abonnement‘);
  • in (5) wird es explizit als Element des We-Codes der in Deutschland lebenden Italiener bezeichnet („da noi si dice pure ‹ammeldare›“);
  • in (1) wird es von einer/einem Italiener/in mit schwacher Deutschkompetenz gebraucht, da imselben Kontext zwei andere deutsche Wörter in einer sehr standardfernen Orthographie gebraucht werden (stoiercarte  Steuerkarte und aufentalte genemigung  Aufenthaltsgenehmigung ).

Allem Anschein nach wurde der Ausdruck ammeldare im zitierten Blog also nicht spontan und mehr oder weniger scherzhaft gebildet, sondern vom bereits konventionellen Italienischen der italo-deutschen Sprecher übernommen. In jedem Fall ist es also notwendig, die kommunikativen Räume der Sprecher vor der Analyse ihrer sprachlichen Daten zu rekonstruieren (vgl. 🔗).

Bade, Klaus J. (2000): Europa in Bewegung: Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München: Beck.
Bernini, Giuliano (2010): Italiano dell'emigrazione, Enciclopedia dell'Italiano. online: Treccani. http://www.treccani.it/enciclopedia/italiano-dell-emigrazione_%28Enciclopedia-dell%27Italiano%29/.
Krefeld, Thomas (2004): Einführung in die Migrationslinguistik: Von der Germania italiana in die Romania multipla. Tübingen: Narr.
Vedovelli, Massimo (2016): L’italiano degli stranieri, l’italiano fuori d’Italia (dall’Unità). In: Lubello, Sergio, Manuale di linguistica italiana, 459-483. Berlin and Boston: De Gruyter.
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