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Zum Namen der Disziplin: ‚Geolinguistik‘ und einige konkurrierende Bezeichnungen

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): Zum Namen der Disziplin: ‚Geolinguistik‘ und einige konkurrierende Bezeichnungen. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (20.10.2017, 09:53). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=20914&v=3.

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Die Ausdrücke ‚Sprachgeographie‘, ‚Dialektologie‘, ‚Areallinguistik‘ und ‚Geolinguistik‘ werden häufig synonym gebraucht (vgl. Sinner 2014, 113 f.), da sie alle vier auf die Subdiziplinen der Sprachwissenschaft verweisen, die sich mit der räumlichen Variation der Sprachen befassen. Sie sind jedoch unterschiedlich pointiert, und es ist deshalb sinnvoll, auf die unterschiedlichen Implikationen hinzuweisen.

  1. ‚Sprachgeographie‘ suggeriert, es handle sich um eine besondere Form der ‚Geographie‘ – und nicht der Sprachwissenschaft. Obwohl dieser Ausdruck im Titel ‚klassischer‘ Arbeiten festgeschrieben ist (vgl. Rohlfs 1971), sollte man ihn daher besser nicht verwenden.

  2. ‚Dialektologie‘ bringt zum Ausdruck, dass es sich um die Wissenschaft handelt, die sich mit ‚Dialekten‘ befasst; das ist zweifellos richtig, greift allerdings ein wenig kurz, denn räumliche Variation ist keineswegs auf diatopische Varietäten (‚Dialekte‘) beschränkt, sondern kennzeichnet in der Regel auch den Standard in Gestalt von Regionalstandards sowie standardnahe Varietäten (wie die so genannten italiani regionali, français régionaux etc.); hier wird auch von sekundären‘ und ‚tertiären‘ Dialekten gesprochen. Darüber hinaus sind Dialekte per definitionem Varietäten einer (und nur einer) Einzelsprache; für sprachgrenzüberschreitende Untersuchungen ist dieser Terminus daher ungeeignet (vgl. zum Problem der Grenze Auer 2004).

  3. Die unter 1. und 2. angeführten Vorbehalte gelten für den eher seltenen, aber z.B. im Lexikon der romanistischen Linguistik (Holtus & Metzeltin & Schmitt 1988-) gebrauchten Ausdruck ‚Areallinguistik‘ nicht; allenfalls stört die Einschränkung auf kleine Verbreitungsebiete (‚Areale‘).

  4. Der allgemeinste, auch für die Beschreibung mehrsprachiger und weitläufiger Gebiete passende Ausdruck ist ‚Geolinguistik‘. Er ist auch für die Beschreibung mehrdimensionaler kommunikativer Räume geeignet.

  5. Der allgemeinste Ausdruck ist jedoch nicht unbedingt ideal. Zwar sollte die linguistische Begriffsbildung und die zugehörige Terminologie sich stets von dem als Ockhams Rasiermesser bekannten Prinzip „non sunt multiplicanda entia sine necessitate“1‹Die existierenden Kategorien sollten nicht ohne Notwendigkeit vermehrt werden.› leiten lassen und niemals ohne Not neue Kategorien in die Diskussion einbringen. Allerdings ist es im Sinne der Klarheit nur konsequent elementare Konzepte und ihren terminologischen Ausdruck beizubehalten. Wenn man sich also von der Vorstellung des homogenen ‚Punktes‘ verabschiedet und ihn als Basiseinheit der sprachräumlichen Beschreibung durch das Glossotop ersetzt, d.h. durch den Sprecher mit seiner individuellen Kompetenz und seinem kommunikationsräumlichen Netzwerk, dann wird die ‚Geolinguistik‘ zur ‚Glossotopik‘.        

Auer, Peter (2004): Sprache, Grenze, Raum, Zeitschrift für Sprachwissenschaft 23, 149-179.
Holtus, Günter & Metzeltin, Michael & Schmitt, Christian (1988-): Lexikon der romanistischen Linguistik, LRL. Tübingen: Niemeyer.
Krefeld, Thomas (2018): Glossotope statt Isoglossen. Zum Paradigmenwechsel in der Geolinguistik. In: , Korpus im Text. Version 3. http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=13679&v=3.
Rohlfs, Gerhard (1971): Romanische Sprachgeographie. München: Beck.
Sinner, Carsten (2014): Varietätenlinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Narr.
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