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Der Gegenstand der Sprachgeschichtsschreibung

Vor dem Hintergrund der zweistöckigen Architektur der ‚großen‘ romanischen Sprachen lassen sich nun gewissermaßen drei zentrale Aufgabenbereiche der romanischen Sprachgeschichtsschreibung formulieren; sie zielen im Wesentlichen auf die folgenden Komplexe:

(1) die Entstehung und Entwicklung des dialektalen Kontinuums, d.h. des dialektalen Abstands (‚Ausgliederung‘);

(2) den Ausbau und die Entstehung und Entwicklung der Standardvarietäten;

(3) die Überdachungsprozesse mit der nachfolgenden Konsolidierung einzelsprachlicher Architekturen  und der dadurch ausgelösten Varietätendynamik (Erosion und Verdrängung von Dialekten oder älteren Ausbauvarietäten; Herausbildung plurizentrischer ‚Dächer‘, d.h. komplementärer Standardvarietäten u.a.).

Eine umfassende, alle drei Komplexe (mindestens teilweise) integrierende Sprachgeschichtsschreibung muss sich daran orientieren, dass sowohl (1) als auch (3) eines inhärenten Bezug zum Raum haben. Allerdings lassen sich die für (1) und (3) relevanten Räume in aller Regel nicht direkt auf einander abbilden; insbesondere liefern die aktuell geltenden nationalstaatlichen Territorien (3) keine sinnvollen Bezugsräume für das Verständnis von (1), wie im Kleinen die Westalpen oder im Großen der Mittelmeerraum zeigen. Sprachgeschichte kann daher nur als Geschichte mehrdimensionaler und dynamischer kommunikativer Räume modelliert werden. 

 

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