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Semantische Relationen und ihre assoziative Grundlage

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Semantische Relationen und ihre assoziative Grundlage. Lehre in den Digital Humanities. Version 6 (04.06.2019, 08:58). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=38144&v=6.

Die Zeichen und die außersprachlichen Konzepte, genauer: die Konstituenten des sprecherorientierten Zeichenmodells, das hier zu Grunde gelegt wird (vgl. den Hinweis zur Notation), sind im menschlichen Gehirn durch Assoziationen verknüpft: Die vielfältige und engmaschige Vernetzung sichert das synchronische Funktionieren der Rede; sie gestattet uns spontan fortlaufend zu sprechen, ohne – von Ausnahmen abgesehen – nach Worten ’suchen‘ zu müssen. In der Diachronie erklärt das Netz der Assoziationen zahlreiche semantische Prozesse, die zu Sprachwandel führen. Bevor die unterschiedlichen Assoziationsrelationen im Einzelnen besprochen und exemplifiziert werden, sind zwei allgemeine sprach- und sachbezogene Vorbemerkungen angebracht.

1. Taxonomien

Zeichen (vereinfacht gesagt: ‚Wörter‘) und Konzepte (vereinfacht: ‚Sachen‘) sind meist in Feldern, so genannten Taxonomien, organisiert, die mit zunehmend abstrakter Erfassung hierarchisch nach über- und untergeordnete Kategorien gestaffelt sind. In der außersprachlichen Realität ist die Darstellung der Begriffs- und Sachfelder sehr stark von den Wissenswelten abhängig, auf die zurückgegriffen wird; ‚Experten‘, also Wissenschaftler und Fachleute sehen die Welt anders als ‚Laien‘, ohne dass man hier scharf getrennte Gruppen annehmen dürfte. So gehört die ROSE für einen biologisch unkundigen Laien in die Kategorie der BLUMEN, eine ERDBEERPFANZE zu den STAUDEN und ein APFELBAUM in die Kategorie der OBSTBÄUME; ein Fachmann dagegen zählt alle drei zur Familie der ROSENGEWÄCHSE (ROSACEAE), die nach einer dem Laien vollkommen fremden Systematik gegliedert ist. Selbstverständlich lässt sich jedes Konzept unabhängig von seiner Fachlichkeit sprachlich ausdrücken; im Zentrum der Semantik, die meistens lexikalisch ausgerichtet ist, stehen jedoch die Kategorien/Konzepte, die lexikalisiert sind, d.h. für die einfache Wörter bzw. spezifische Wortbildungsmuster zur Verfügung stehen. Bekannt ist das Beispiel der jeweils aufeinander bezogenen Obst und Baumbezeichnungen.

   KONZEPT
BAUMOBST OBSTBAUM
ita. mela | pera | prugna | arancia usw. melo | pero | prugno | arancio usw.
Fem. Mask.
unklare Motivationsrichtung (entspricht dem Lateinischen)
fra. pomme | poire | prune | orange usw. pommier | poirier | prunier | oranger usw.
  Derivation von der Obstbezeichnung durch -(i)er
Obstbezeichnung motiviert Baumbezeichnung
deu. Apfel | Birne | Pflaume | Orange usw. Apfelbaum | Birnbaum | Pflaumenbaum | Orangenbaum usw.
  Komposition: Obstbezeichnung + baum
Obstbezeichnung motiviert Baumbezeichnung

Sprachliche Felder werden traditionell sogar nur auf Grundlage einfacher Wörter und unter Ausschluss von Kompositionen und Derivationen gebildet. Diese so genannten Wortfelder werden auf zwei hierarchischen Ebenen als Reihe von gleichgeordneten Unterbegriffen (‚Hyponyme‘) mit einem gemeinsamen Oberbegriff (‚Hyperonyme‘) modelliert. Vor allem die strukturelle Semantik hat versucht, die Unterschiede zwischen den Unterbegriffen jeweils an einem einzelnen Bedeutungsmerkmal (‚Sem‘) festzumachen; die Summe aller Seme konstituiert die strukturelle Bedeutung eines Lexems; sie wird terminologische als ‚Semem‘ bezeichnet. Der Oberbegriff wird dagegen durch das Sem gebildet, das allen Unterbegriffen gemein ist. Berühmt geworden ist die Beschreibung des Wortfeldes SITZGELEGENHEIT durch Bernard Pottier 1978, das man leicht auf das Italienische übertragen kann:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478616636 Sitz

SITZGELEGENHEITEN (rote Zusätze T.K.)

In einigen Fällen unterscheiden sich die Inhalte sprachlicher Zeichen zweifellos durch einzelne Merkmale, die sich präzise bestimmen lassen, wie etwa im folgenden Beispiel:   

  weiblich erwachsen verheiratet
ita. moglie + + +
ita. donna + + Ø
ita. nubile + +
ita. celibe +
deu. ledig Ø +
deu. Frau + + Ø
Lexikalisierung des Sems ‚verheiratet‘

In der Regel ist es jedoch nicht möglich, die meist komplexen Inhalte sprachlicher Zeichen einigermaßen vollständig als Kombination weniger  Seme darzustellen; außerdem ist die Zuordnung von Oberbegriffen, d.h. die Festlegung der Abstraktionshöhe wenig eindeutig, wenn nicht beliebig: SITZGELEGENHEITEN sind ja auch MÖBEL, EINRICHTUNGSGEGENSTÄNDE und womöglich STATUSSYMBOLE, ARTEFAKTE usw. Der Versuch taxonomische semantische Relationen grundsätzlich und ausschließlich auf einzelne, distinktive Merkmale (‚Seme‘) abzubilden wurde daher sehr bald wieder aufgegeben.

Außer Frage steht allerdings die Notwendigkeit mit hierarchischen Taxonomien zu operieren. Grundlegend ist auch die Einsicht in das umgekehrt proportionale Verhältnis zwischen der Abstraktheit einer Kategorie und ihrer referentiellen Anwendbarkeit: je spezifischer eine Kategorie definiert wird, d.h. je größer die Menge der Merkmale ist, mit denen der Inhalt bzw. das Konzept beschrieben wird, um so kleiner ist die Menge ihrer möglichen Referenten: Es gibt ja mehr MENSCHEN, als FRAUEN und mehr FRAUEN als LEDIGE FRAUEN und mehr LEDIGE FRAU als LEDIGE FRAUEN IM ALTER VON 28 JAHREN usw. Die Summe der semantischen Merkmale wird als Intension und die Summe aller möglichen Referenten als Extension bezeichnet.    

Wird nun der Inhalt eines Zeichens bei konstanter Form von der einen auf die andere Ebene verschoben wird, spricht man von taxonomischem Wandel. Ein Beispiel für den Wandel vom Unter- zum Oberbegriff ist ita. formaggio ‚Käse‘, das auf lat. (lactem) formaticum zurückgeht und dementsprechend ursprünglich nur den gereiften und geformten Käse bezeichnete.Andererseits bezeichnet lat. animalis ‚belebt‘ als Oberbegriff Menschen und Tiere, während it. animale im allgemeinen Sprachgebrauch ‚Tier‘ bedeutet und somit einen Unterbegriff der Kategorie LEBEWESEN bezeichnet. Da sich im ersten Fall (Unterbegriff → Oberbegriff) die Extension vergrößert, hat man auch von ‚Bedeutungserweiterung‘ und im entgegengesetzten zweiten Fall  (Oberbegriff → Unterbegriff ) von ‚Bedeutungsverengung‘ gesprochen. Die Redeweise ist jedoch missverständlich, da sie gerade nicht auf die ‚Bedeutung‘, sondern auf die Referenz zielen. 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478621892 Intension

Intension und Extension

Im Hinblick auf die Abbildung der intensionalen Komplexität ist die Verwendung der Markierung [+/-] in binären Matrices ungünstig, denn sie behandelt irrelevante Merkmale wie relevante. Es ist daher angemessen, entsprechende Felder freizulassen oder mit [Ø] zu kennzeichnen, wie in der Tabelle zur Lexikalisierung von VERHEIRATET; so tritt die größere Komplexität klar hervor..

2. Similarität

Die unterschiedlichen Assoziationsrelationen lassen sich auf zwei Grundprinzipien zurückführen: das Prinzip der Ähnlichkeit (Similarität), und das Prinzip der räumlichen oder zeitlichen Nachbarschaft (Kontiguität). Im Detail ist es sinnvoll, unterschiedliche Ausprägungen dieser beiden Grundtypen anzunehmen. Eine differenzierte Liste von 10 ’semantischen Relationen‘ wird in Blank (2001, 43 f.) vorgeschlagen;  sie hat den folgenden Ausführungen als Ausgangspunkt gedient. Es erschien jedoch sinnvoll, die Typik zu modifizieren und insbesondere zu reduzieren.

2.1. Similarität zwischen Inhalten, Konzepten und Referenten

Andreas Blank (2001, 43 f.) unterscheidet „Ähnlichkeit der Form, der Bewegung oder der Funktion“. Auf den ersten Blick  die Dreiteilung lässt immerhin leicht durch sprachliche Beispiele bestätigen, denn wo entsprechende Ähnlichkeiten bestehen, werden Bezeichnung oft übertragen. Wenn sich die similaritätsbedingte Änderungen verfestigen, spricht man von metaphorischem Wandel oder schlicht von Metaphern.  Ein Beispiel formaler Ähnlichkeit liefert ita. ala ‚Flügel‘, das unter anderem auch längliche Gebäudeteile bezeichnet, die sich vom Zentralgebäude abspreizen wie ein ausgebreiteter Flügel vom Körper eines Vogel:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478450812 Similaritaet formal

Similarität der Form (im Sinne von Blank 2001a, 43)

Die ‚Ähnlichkeit der Bewegung‘ zeigt sich in der Polysemie häufiger Bewegungsverben; ita. correre ‚laufen‘ bezeichnet nicht nur die selbsttätige Handlung von Menschen und Tieren, die sich auf Beinen bewegen, sondern auch von physikalisch bewegter Materie wie WASSER (il fiume corre), BLUT (corre il sangue nelle vene), SAND  usw.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478471956 Similaritaet Bewegung

Similarität der Bewegung (im Sinne von Blank, 43)

Bezeichnungen der  BEWEGUNG gehören weiterhin zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln für den Verlauf  der ZEIT:

Das Nebeneinander von ita. correre ‚laufen‘ und dem davon abgeleiteten scorrere, das vor allem für die Bewegung von nicht belebten Objekten gebraucht (also gerade auch in Verbindung mit acqua, sangue etc.) wird, erinnert an die etymologisch zusammenhängenden deu. Verben rennen, vor allem für die Bewegung von Lebewesen mit Beinen und (ver)rinnen für UNBELEBTE MATERIE oder ZEIT.  

Mit fortschreitender technischer Entwicklung benutzen wir unterschiedliche Geräte für identische Funktionen, wobei wir die Bezeichnungen nicht mehr üblicher Geräte oft beibehalten und vollkommen andere, neuere Instrumente damit bezeichnen. Ein Beispiel ist die zum SCHREIBEN benutzte, zurechtgeschnittene GÄNSEFEDER und der FÜLLFEDERHALTER, die beide mit als ita. penna bezeichnet werden.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478451313 Similaritaet funktional

Similarität der Funktion (im Sinne von Blank (2001, 43)

Bei genauerer Betrachtung erweist sich der Ähnlichkeitsdreiklang von Form, Bewegung und Funktion, den Blank vorschlägt, jedoch als intuitiv und revisionsbedürftig. Bedenklich ist vor allem, dass sie einzig vom Konzept/Referenten her gedacht sind und den Zeichenbenutzer, den Sprecher also, außer Acht lassen.

  • In sprecherorientierter Perspektive gehören ‚Form‘ und ‚Bewegung‘  eng zusammen, denn beide Kategorien beruhen auf der perzeptiven  Erscheinung der außersprachlichen.  Auch ‚Bewegung‘ ist ein Perzeptionserlebnis; sie führt ja auf visuelle Impulse zurück, die die Netzhaut im Auge an unterschiedlichen, benachbarten Punkten reizen (vgl. Gegenfurtner 2003, 99-102). Similarität ist vor diesem Hintergrund als Similarität zu verstehen, die sich aus der neurophysiologischen Verarbeitung perzeptiver Stimuli ergibt. Vom Konzept her gedacht sind ja z.B. die BEWEGUNG EINES LEBEWESENS MIT BEINEN und die BEWEGUNG FLIESSENDEN WASSERS grundverschieden.
  • Ebenfalls aus sprecherorientierter Perspektive wäre es angebracht, die Ähnlichkeit der Bewertung/Wertschätzung  zu berücksichtigen. Gerade Übertragungen wie:
    porco ‚persona […] che […] suscita disgusto‘ (Beispiel aus Treccani) in Ausdrücken wie:  quel porco me la deve pagare! ‚dafür wird mir das Schwein büßen‘
    mitsamt den zugehörigen Derivationen (porcheria) sind vor allem in expressiver Rede außerordentlich häufig (vgl. Pustka 2015)

Auf Similaritätsassoziationen beruhen auch die bereits erwähnten taxonomischen Übertragungen, sowohl im Hinblick auf  Verknüpfung von Kohyponymen untereinander wie von Hypero- und Hyponymen; die unterschiedliche Auffälligkeit (‚Salienz‘) der assoziierten KONZEPTE und Referenten wird an anderer Stelle näher erörtert. 

Ein Extremfall der Similarität ist (3) die konzeptuelle Identität (‚Synonymie‘); auch Synonyme sind miteinander assoziiert.

2.2. Similarität der Zeichenform

Eine Besonderheit der sprachlichen Zeichen besteht darin, dass sie nicht nur die Gegenstände kategorisieren, die wir jenseits der Sprache perzipieren, sondern dass sie auch selbst Gegenstand der sprachlichen Perzeption sind: Wörter werden gehört, gesehen und unter bestimmten Bedingungen auch ertastet. Daher ist es unvermeidlich, dass Wörter, die ähnlich klingen oder ähnlich geschrieben werden, völlig unabhängig von ihrer Bedeutung, miteinander assoziiert sind. Offenkundig werden diese Verknüpfungen vor allem dann, wenn unverständliche, meist: unverständlich gewordene Ausdrücke durch geläufige Wörter reinterpretiert werden. Zahlreiche Beispiele liefern Ortsnamen, die aus früheren Sprachschichten überliefert werde. So wird  Vulkan Ätna (it. Etna) im sizilianischen Dialekt  als Mungibeɖɖu (it. Mongibello), das von den Sprechern spontan als eine Zusammensetzung mungi + beɖɖu segmentiert wird, weil beɖɖu (= it. bello)  im zweiten Teil weidererkannt wird. Zu Grunde liegt aber mon (das wohl monte ‚Berg‘ entspricht) und  gibel,  das auf arab. [dʒe’bel] (جبل) ‚Berg‘ zurückgeht.

2.3. Antonymie als Spezialfall der Similarität

Den Gegensatzrelationen (‚Antonymie‘) werden von Andreas Blank eigene Assoziationstypen zugesprochen, der „kotaxonomische“ und der „antiphrastische Kontrast“ (2001a, 44). Diese Auffassung erscheint problematisch, denn als Gegensätze gelten ja nicht zwei beliebige Zeichen unterschiedlichen Inhalts, also etwa ita. bianco und piccolo, sondern nur solche, die durch eine gemeinsame konzeptuelle Größe verbunden sind, also etwa bianco vs. nero als extreme Ausprägungen der Dimension HELLIGKEIT oder piccolo und grande in der Dimension AUSMASS. Es kommt vor, dass ein Wort gegensätzlich Inhalte vereint; so steht lat. altus für entgegengesetzte Richtungen in der Dimension VERTIKALITÄT, da es sowohl ‚hoch‘ als auch ‚tief‘ bedeutet.

Unter bestimmten Bedingungen können identische Konzepte mit Zeichen entgegengesetzter Inhalte ausgedrückt werden. Dazu das etwas kompliziertere Beispiel von ita. bonaccia ‚Windstille, Flaute‘. Ein direktes lateinisches Etymon ist nicht belegt; vielmehr wurde Konzept auf lat. mit einem griechischen Lehnwort als  malacia (< gr. μαλακία ‚Windstille, Flaute‘) bezeichnet. Für einen Römer ohne Kenntnis des Griechischen war dieses Wort nicht motiviert; ein Grieche dagegen konnte es mit seiner Basis μαλακός ’sanft‘ in Verbindung bringen. Für einen Römer, insbesondere im Kontext der Seefahrt, lag es dagegen nahe, den Ausdruck mit lateinisch malus ’schlecht‘ in Verbindung zu bringen, denn für Seeleute ist die Windstille äußerst ungünstig. Da im Wissen der Zeit Witterungsphänomene in Zusammenhang mit der Götterwelt gesehen wurden – zornige Götter schleudern Blitze usw. – konnte nun die Vorstellung aufkommen, die für die Windstille verantwortlichen Götter nicht zu provozieren, indem man von ihnen womöglich veranlasste Witterungsphänomene als ’schlecht‘ (malus): Als Lösung bietet sich nun die entgegengesetzte Bezeichnung es Schlechten als etwas Gutes (weil von den Göttern) stammend an; so gelangt man zur Rekonstruktion eines lateinischen *bonacia im Sinne eines „rifacimento su bonus «buono»“ (Treccani).

3. Kontiguität

3.1. Kontiguität von Konzepten

Die zweite grundsätzliche Assoziationsprinzip,  die Kontiguität,  verknüpft Zeichen und/oder Konzepte, weil sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gemeinsam, in räumlicher bzw. zeitlicher  Nachbarschaft (in so genannten frames)  auftreten. Zu einem Essen im Restaurant gehören die SPEISEKARTE, die SPEISEN, der OBER, das GESCHIRR, die RECHNUNG usw. In einem frame werden nicht selten Formen auf andere Inhalte/Konzepte übertragen. So bezeichnet ita. menu nicht nur, wie sein gleich geschriebenes frz. Ursprungswort, die komplette MAHLZEIT (die Abfolge der Gänge), sondern den Text, in dem alle verfügbaren Speisen verzeichnet sind (die SPEISEKARTE). 

Veränderungen von Zeicheninhalten, die durch Kontiguitätsrelationen motiviert sind, werden als metonymischer Wandel, oder: Metonymie, bezeichnet. Sie finden sich sehr häufig, auch in zentralen Bereichen des romanischen und italienischen Wortschatzes.

Geradezu berühmt ist das Beispiel von lat. ignis ‚Feuer‘, das schon früh aus dem Gebrauch kam und in den Romanischen Sprachen, von wenigen und fraglichen Spuren abgesehen, nicht fortgeführt wurde (vgl. REW 4247a, 355). Das bezeichnete Konzept gehört (u.a.) zu einem begrifflichen Rahmen (‚frame‘), den man mit dem Konzept KÜCHE identifizieren könnte. Es ist daher plausibel, dass die Bezeichnung des unmittelbar benachbarten Konzepts HERD, lat. focus (REW 3400, 292 f.) > ita. fuoco, den wichtigen Inhalt ‚Feuer‘ übernommen hat. Mittlerweile ist der ursprüngliche Inhalt sogar in den Hintergrund gerückt.   

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478770638 Ignis

Lat. ignis und focus

Diese am Italienischen illustrierte Entwicklung muss sehr früh stattgefunden haben, denn sie gilt grundsätzlich auch für die anderen romanischen Sprachen, d.h. für rum. foc, fra. feu, span. fuego, port. fogo usw. 

Kontiguitätsrelationen stehen sehr oft hinter phraseologischen Ausdrücken; sie sind so slebstverständlich, dass sie beim Sprechen überhaupt nicht auffallen, so in mangiare un piatto, bere un bicchiere, wo   die Bezeichnung des Behälters für den Inhalt steht. 

3.2. Meronymie als Spezialfall der Kontiguität

Besondere Relation bestehen im Fall von Teil-Ganzes-Beziehungen. Auch hier kommt es oft zu Übertragungen, die nicht mit taxonomischen Über- bzw. Unterordnungen verwechselt werden dürfen.  Teil-Ganzes-Beziehungen verkomplizieren sich dann, wenn einzel Teile wiederum als (Teil-)Ganze aufgefasst werden müssen; so sind der KOPF, die HAND oder das BEIN zweifellos Körperteile, aber sie müssen doch als relativ autonome organische GANZE gesehen werden, die wiederum aus Teilen bestehen. Hier kommt es zu zahlreichen Übertragungen. Wenn wir von einer Personen sagen, sie sei molto in gamba ’sehr kompetent‘ oder una bella testa, referieren wir nicht auf ihre Beine oder ihren Kopf, sondern auf die Persönlichkeit als ganze.

Meronymische und metonymische Prozesse liegen oft gleichermaßen nahe, wie das folgende, ethnolinguistische  Beispiel  aus dem Projekt VerbaAlpina (vgl. Krefeld/Lücke 2014-) zeigt: Die Almwirtschaft bildet sich im Alpenraum einen komplexer, aber recht gut abgrenzbaren und daher als Ganzes beschreibbaren  Ausschnitt des traditionellen Wirtschaftslebens. Konstitutive Teilbereiche sind das GELÄNDE, das VIEH, das PERSONAL, das GEBÄUDE und die MILCHVERARBEITUNG.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478789912 ALM

Das Konzept ALM

 Der Inhalt einschlägiger Bezeichnungen, wie z.B. bair. Alm/alem. Alp schwankt auf nicht immer ganz klare Art und Weise zwischen dem Ganzen und einzelnen Konstituenten, nämlich der WEIDE und der HÜTTE. Aber noch bemerkenswerter ist der Bedeutungshorizont des im romanischsprachigen Alpengebiet weit verbreiteten Wortes malga. in Unterschiedlichen Lokaldialekte bezeichnet es die ALM als Ganzes, die HERDE, die HÜTTE oder den STALL.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478883677 Malga

Metonymische und meronymische Polysemie von malga in romanischen Alpendialekten

Nimmt man verbale (immalgare, dismalgare) und nominale (malgaro, malghese) Ableitungen hinzu, erweitert sich die Bedeutungspalette des Basistyps malga, wie das folgende Schema zeigt:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1478790060 ALM malga

Polysemie des romanischen Alpenworts malga

Bibliographie

  • Blank 2001a = Blank, Andreas (2001): Einführung in die lexikalische Semantik für Romanisten (Romanistische Arbeitshefte 45), Tübingen, Niemeyer.
  • Geckeler 1978 = Geckeler, Horst (Hrsg.) (1978): Strukturelle Bedeutungslehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Gegenfurtner 2003 = Gegenfurtner, Karl R. (2003): Gehirn und Wahrnehmung. Eine Einführung, Frankfurt am Main, Fischer.
  • Krefeld/Lücke 2014- = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (Hrsgg.) (2014-): VerbaAlpina. Der alpine Kulturraum im Spiegel seiner Mehrsprachigkeit, online, Ultimo accesso 20/01/2019 ore 16:02 (Link) .
  • Pottier 1978 = Pottier, Bernard (1978): Entwurf einer modernen Semantik [fra. Or. 1964], in: Geckeler 1978, 45–89.
  • Pustka 2015 = Pustka, Elissa (2015): Expressivität: Eine kognitive Theorie angewandt auf romanische Quantitätsausdrücke, Berlin, Erich Schmidt Verlag GmbH & Co (Link) .
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