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Kategorisierung: Prototypen und Familienähnlichkeit

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): Kategorisierung: Prototypen und Familienähnlichkeit. Lehre in den Digital Humanities. Version 5 (07.02.2017, 15:48). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=44174&v=5.

Es  ist  uns, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unseren Fingern in Ordnung bringen. (Wittgenstein 1977, § 106)

0.0.1. Foucault, Borges und die chinesische Enzyklopädie

Zu Beginn seiner berühmten Abhandlung Les mots et les choses zitiert Michel Foucault die ebenfalls berühmte Einteilung der Tiere, die der argentinische Autor Jorge Luís Borges (Borges 1952)) in einer „gewissen chinesischen Enzyklopädie“ gefunden haben will; in dieser fiktiven Quelle sind folgende Kategorien vorgesehen:

les animaux se divisent en : a) appartenant à l’Empereur, b) embaumés, c) apprivoisés, d) cochons de lait, e) sirènes, f) fabuleux, g) chiens en libertés, h) inclus dans la présente classification, i) qui s’agitent comme des fous, j) innombrables, k) dessinés avec un pinceau très fin en poils de chameau, l) et caetera, m) qui viennent de casser la cruche, n) qui de loin semblent mouches (Foucault 1966, 7)

a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörende, i) die sich wie Tolle gebärden, j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, k) und so weiter, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben,  m) die von Weitem wie Fliegen aussehen (Foucault 1994, 17)

Dieser ironische Katalog von kollektiven Bezeichnungen wirkt wegen seiner völligen Inkonsistenz komisch und absurd: die zugehörigen Konzepte sind weder vergleichbar noch eindeutig abgegrenzt. Er ist in systematischem Hinblick, d.h. taxonomisch vollkommen unbrauchbar. Aber der Katalog von Borges macht auf zwei grundlegende, variable Eigenschaften jeder lexikalischen Kategorisierung aufmerksam:  ihre Motivation und ihren  Abstraktionsgrad.

0.1. Kategoriale Motivation

Jede der genannten Kategorien ist mit ihrer Bedeutung in einer (fiktiven) Kultur mit spezifischen Techniken und Traditionen verankert – gerade so, wie es auch die Derivationen und Komposita unserer natürlichen Sprachen sind. Man vergleiche etwa die folgenden Tierkategorien des Italienischen: bestia. bestiame, pollameselvaggina, belva und die schematische Darstellung ihrer semantischen Relationen:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482151973 Bestie

Einige lexikalische Kategorien des Italienischen für TIERE

Auch semantisch eng benachbarte Ausdrücke können sehr unterschiedlich motiviert sein, wie die folgenden italienischen Bezeichnungen unterschiedlicher KLEIDUNGSSTÜCKE (it. indumenti) zeigen: 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482138396 Indumenti

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482138396 Indumenti

Jeder dieser sieben Ausdrücke lässt eine andere  Bezeichnungsmotivation erkennen:

  1. maglia, ursprüngliche Bedeutung ‚Masche‘, Motivation: HERSTELLUNGTECHNIK, STRICKEN; 
  2. maglietta, Motivation: DIMINUTIV VON 1 in der Bedeutung ‚weniger warmes Kleidungsstück‘;
  3. corpetto, eigentliche Bedeutung ‚Körperchen‘, Motivation: Metapher wegen ähnlichem Aussehens?
  4.  panciotto, eigentliche Bedeutung ‚Bäuchlein‘, Motivation: Metonymie, ‚den Bauch bedeckendes Kleidungsstück‘; 
  5. canottiera, Derivation von canottiere ‚Ruderer‘, Motivation; Metonymie, ‚Kleidungsstück zum Rudern‘;
  6.  impermeabile eigentliche Bedeutung ‚undurchlässig‘, Motivation: Metonymie, EIGENSCHAFT DES MATERIALS;
  7. costume, eigentliche Bedeutung ‚Gewohnheit‘, Motivation: GESELLSCHAFTLICHE KONVENTION.

0.2. Der kategoriale Abstraktionsgrad und die basic level terms

Zwei Fragen vorab: Bitte nennen Sie spontan und ohne nachzudenken, was auf den beiden folgenden Bildern zu sehen ist:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482246128 Vogel Hund

Was ist zu sehen?

Es herrscht Konsens, dass lexikalische Kategorien auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen angesiedelt sind; allerdings koexistieren mehrer Vorschläge, wie viele solcher hierarchische Ebenen (‚taxa‘) anzusetzen seien (vgl. Kleiber 1993, 56-65). In der bahnbrechenden Untersuchung von (Berlin & Breedlove 1974) wurden mit dem Anspruch auf universelle Gültigkeit fünf Stufen angenommen; das ergäbe übertragen auf ein italienisches Beispiel etwas folgende Modellierung:

 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482161132 Hunde Hierarchie

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482161132 Hunde Hierarchie

Die mittlere Ebene der ‚Gattungen‘, engl. folk genera, ist dabei von besonderer Wichtigkeit. In der Nachfolge dieses Vorschlags hat sich eine dreistufige Modellierung durchgesetzt, die von Heider 1976 lanciert wurde. 

übergeordnete Ebene 

animale

pianta 

mobile

frutta

Basisebene

 cane 

albero

armadio

mela

untergeordnete Ebene 

bracco

quercia

pensile

renetta

Auch hier ist die mittlere, als basic eingestufte Ebene zentral. Ihre besonderen Eigenschaften werden von Georges Kleiber (vgl. Kleiber 1993, 58-65) charakterisiert; er nennt die folgenden, allgemeinen Eigenschaften dieser Basisebene:

1. Die auf der Basisebene und auf der untergeordneten Ebene angesiedelten Kategorien umfassen jeweils Exemplare, die sich so so stark ähneln, dass sie einer allgemeinen Form entsprechen und „als ähnliche Gestalten“  wahrgenommen werden; die Vertreter der übergordnetenen Ebene, also TIERE, PFLANZEN, MÖBEL  und FRÜCHTE sind dafür jedoch zu unterschiedlich.

2. Die Basisebene und die untergeordnete Ebene können daher durch Bilder (Schemata, Zeichnungen) repräsentiert werden, was für Kategorien der übergeordneten Ebene ebenfalls unmöglich ist.

3. Kategorien der Basisebene und der untergeordneten Ebene sind mit spezifischen Handlungs- oder Verhaltensmustern assoziiert: Man weiß, dass ein STUHL zum SITZEN da ist, dass ein HUND gern APPORTIERT, dass man einen APFEL ungeschält ESSEN kann usw.; man weiß, was man mit sedia macht, aber nicht was mit mobili.

4. Kategorien der Basisebene werden am schnellsten erkannt.

5. Bezeichnungen für Kategorien der Basisebene werden bei der Benennung bevorzugt.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482166764 Renetta

Renetta

Auch ein Sprecher, der weiß, dass es sich um eine renetta (deu. Reinette ) handelt, antwortet auf die Frage, was das Bild zeige, wohl spontan mit una mela (und nicht mit: una renetta oder un frutto); selbst in einer Testanordnung mit zwanzig Tierbildern wurden zwei verschiedene Hunde (ein Schäferhund und ein Spaniel) von Probanden als Hund bezeichnet; die Präferenz der Basisebene ist also unter bestimmten Bedingungen stärker als das Distinktionsbedürfnis.

6. Kategorien der über- und untergeordneten Ebenen werden unter bestimmten Kontextbedingungen gewählt, etwa dann, wenn besondere Genauigkeit erfordert ist; das wäre zum Beispiel in einer Zeugenaussage der Fall.  Charakteristisch ist ein Zeitungsartikel über die Flucht eines Straftäters: Während in der Überschrift „Polizia insegue auto in fuga“  die Basiskategorie auto genannt wird,  präzisiert der Artikel in der Absicht eventuelle Augenzeugen zu finden, die Marke: „pare un’Audi A3“.

7. Von George Lakoff (vgl. Lakoff 1987, 46) wurde behauptet, die primären Wörter für folk genera (auf der Basisebene) seien besonders kurz.

8. Bezeichnungen für Kategorien der Basisebene spielen im Spracherwerb eine hervorragende Rolle, da sie besonders früh gelernt werden:

[Dreijährige] gruppieren die Objekte eher auf der Grundlage perzeptorischer Merkmale wie Form und Farbe oder häufiger Assoziationsbeziehungen als unter Berücksichtigung allgemeiner funktioneller Merkmale. (Kleiber 1993, 61)

Die Basiskategorien „are our earliest and most natural form of categorization“   (Lakoff 1987, 49).

Es scheint so zu sein, dass die Kategorien der Basisebene von den Sprechern mit besonders vielen Informationen assoziiert werden; sie sind also besonders informativ. Aus Experimenten weiß man,

dass Sprecher, die man bittet, eine Liste von Attributen der Kategorien zu erstellen, für die Basisebene die meisten Eigenschaften und Attribute aufführen. Die übergeordneten Kategorien (z.B. Tier) liefern nur wenige Eigenschaften, und die untergeordneen (z.B. Spaniel) weisen nur einen geringen Merkmalszuwachs gegenüber den Basiskategorien auf. Der Informationsgehalt einer Kategorie wächst also nicht gleichmäßig mit der Spezifizität der Kategorie. (Kleiber 1993, 62)

Die Kategorien der Basisebene sind also

in kognitiver Hinsicht am ökonomischsten, da die Einprägung einer einzigen Kategorie zu einem hohen Informationszuwachs führt. (Kleiber 1993, 63)

Die kognitive und semantische Relevanz der Basisebene leuchtet intuitiv ein; bis zu einem gewissen Grad lässt sie sich auch experimentell operationalisieren. Ganz unproblematisch ist der Begriff allerdings nicht. Zunächst ist die Basisebene in den unterschiedlichen Domänen taxonomisch nicht zu vergleichen; so gehören zur Kategorie der Wirbeltieren die Unterkategorien der Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische. Im Deutschen wie im Italienischen werden Vögel | uccelli und Fische | pesci wohl zu den Basiskategorien zählen – die anderen jedoch nicht, da spontan auf weiter untergeordneten Ebenen kategorisiert wird:

vertebrate
mammiferi uccelli  =Basisebene rettili anfibi pesci  =Basisebene
cane, gatto, cavallo ecc. =Basislevel    serpente, lucertola ecc. =Basisebene  rana, salamandra ecc. =Basisebene  

Andererseits dürfen die kognitiv-perzeptive und sprachliche Präferenz auch nicht grundsätzlich miteinander gleichgesetzt werden; gelegentlich, d.h. in bestimmten historischen Situationen werden Bezeichnungen für Kategorien der kognitiv/perzeptiv präferierten Basisebenen auch unterdrückt, so dass die Basiskategorien nicht mit den vorhandenen ‚eigentlichen‘ Bezeichnungen, sondern mit Ausdrücken der abstrakteren, übergeordneten Ebene belegt werden. Ein gutes Beispiel liefert der Beutungswandel von lat. bestia(m) ‚Tier‘ > ita. biscia ‚Schlange‘:

Form lat. bestia(m) > ita. biscia  

Inhalt

‚Tier‘

 

  übergeordnete Ebene
  ‚Schlange‘ Basisebene

Ein Grund dafür könnte die Tabuisierung (vgl. De'Paratesi 1969) bestimmter Referentenklassen aus religiösen, moralischen oder auch sozialen Gründen sein. Hinter religiösen Tabus steht oft die sprachmagische Furcht, durch die Nennung des Namens den gefürchteten Referenten hervorzurufen (‚Evokation‘); gerade im Fall der aus christlicher Sicht eng mit dem biblischen Sündenfall assoziierten (und auch sonst gefürchteten) SCHLANGE ist diese Vermutung keineswegs abwegig. Auch Krankheitsnamen werden ja sehr oft nicht explizit genannt, sondern deu. als üble Geschichte, ita. cosa seria oder ähnlich umschrieben, so dass sogar die übergeordnete abstrakte Ebene, d.h. die Kategorie Krankheit, unterdrückt wird.

1. Die so genannten Prototypen 

Auf der Basisebene, aber auch auf der untergeordneten Ebene lassen sich nun Vertreter ausmachen, auf die das mentale (Ideal)Bild zurückgeht, mit dem die Kategorie im Bewusstsein assoziiert ist. Diese Vertreter werden als Prototypen, oder prototypische Vertreter bezeichnet. Sie zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus. So lässt sich – um das berühmteste Beispiel der einschlägigen Literatur aufzunehmen ( vgl. Geeraerts 1986 zit. in Kleiber 1993, 21) –  ein prototypischer VOGEL folgendermaßen charakterisieren:

  • 1  er kann fliegen;
  • 2 er hat Federn;
  • 3 er hat typischerweise die Form Ş;
  • 4 er  hat Flügel;
  • 5 er legt Eier;
  • 6 er hat einen Schnabel.

Im Unterschied zur strukturalistischen Vorgehensweise sind diese Merkmale jedoch weder notwendige noch hinreichende Bedingungen für die Zugehörigkeit zu dieser Kategorie. Die fehlende Notwendigkeit zeigt sich darin, dass es durchaus VÖGEL gibt, die nicht alle Attribute besitzen; dabei handelt es sich jedoch gerade nicht um prototypische, sondern um mehr oder weniger periphere Vertreter dieser Kategorie, so wie Wale nach dem Maßstab der deu, lexikalischen Kategorien (und im Unterschied zu den ita.) an der Peripherie der Kategorie Fisch positioniert sind, nämlich als Walfische. Die folgende Graphik zeigt mehr oder weniger prototypische Vertreter der Kategorie ita. uccello.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482238709 Vogel

Die Kategorie uccello: 1 = kann fliegen | 2 = hat Federn | 3 = hat typischerweise die Form Ş | 4 = hat Flügel | 5 = legt Eier | 6 = hat einen Schnabel

Andererseits ist lediglich das Merkmal 2 hinreichend, denn es gibt ein Säugetier mit Schnabel, das zudem Eier legt – das sogenannte Schnabeltier (ita. ornitorinco oder platipo); Eier legen zudem Fische, Reptilien, Amphibien, Insekten, Spinnen und womöglich andere mehr. Fliegen können sowohl manche Säugetiere (Fledermäuse, Flughunde) als, in gewissem Sinn, auch die fliegenden Fische, die jedoch strenggenommen eher passiv gleiten. Dem hinreichenden Merkmal 2 kommt wegen seiner Verlässlichkeit ein besonders Gewicht bei der Zuweisung eines Referenten zur Kategorie VOGEL zu; die Prototypentheorie spricht hier (seit Eleanor Heider 1976) von einer hohen cue validity. 

Für die Bezeichnung nicht prototypischer, peripherer Vertreter einer Kategorie stellen die Sprachen bestimmte Markierungstechniken bereit, die mit einem eng. Ausdruck als hedges bezeichnet werden; dazu gehören im Ita. oft Suffixe,  wie im Fall der bereits diskutierten Modifikation der Farbwörter  (verdino, verdetto, verdastro usw.) oder Umschreibung mit una specie di, wie etwa in der folgenden Beschreibung eines piemontesischen Käses:

La robiola

Con il nome robiola si intendono diversi tipi di formaggio. Il focus della classifica è su quella di pura capra, ottenuta da coagulazione lattica (mentre la stragrande maggioranza dei formaggi deriva dalla coagulazione solo presamica, con il caglio animale), fresca ma non freschissima, con una maturazione di almeno 10 giorni, la crosta leggermente fiorita di muffe chiare, la cremina nel sottocrosta, un’amabile acidità naturale, profumi e aromi che rimandano a quello che c’è a monte, il mondo della capra (pelo e stalla sani e puliti, fieno, pascolo), una struttura morbida e avvolgente. Una specie di Camembert di capra molto più giovane. Un prodotto con queste caratteristiche ha il suo decano e punta dell’iceberg nella robiola di Roccaverano antica maniera, la formaggetta che da sempre si produce con latte di capra sulle colline che dalla Langa astigiana arrivano fino al confine con la Liguria, nella tipologia “affinata” che va dagli 11 ai 30 giorni, oltre i quali entra nella variante “secca” (dai 4 ai 10 giorni è “fresca”). (Quelle; farbliche Hervorhebung Th.K.)

Der Charakterisierung wird zusammenfassend auf die Formel Una specie di Camembert di capra molto più giovane gebracht: im Unterschied zum ‚echten‘, prototypischen Camenbert, handelt es sich (1) um einen Ziegenkäse, der (2) sehr frisch ist.  

Es ist nun klar geworden, dass Prototypen im genannten Sinn, zeichentheoretisch gesprochen, im Bereich des Außersprachlichen, genauer: in der perzeptiven Salienz von Referenten(klassen) zu verorten sind. ‚Prototypen‘ entsprechen insofern ‚Gestalten‘:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482322199 Vogel proto

Zeichentheoretische Verortung des Prototyps

Nun hat der Begriff  des Prototypen allerdings einen außergewöhnlichen Erfolg gefunden, so dass er auch für die Bedeutung von komplexen und abstrakten Kategorien und für die Beschreibung ganzer Frames verwendet wird. Beispielweise könnte man von ‚prototypischen Krankheiten‘, ‚Hochzeitsfesten‘, ‚Wahlkampagnen‘ usw. sprechen kann; das folgende Beispiel wurde mehr oder weniger zufällig gewählt:

[…] Autori aderenti all’approccio della Social Cognition hanno approfondito la rappresentazione della malattia, utilizzando il costrutto di prototipo per descrivere il modo in cui le persone possiedano delle concezioni generalizzate (prototipi) sulla natura delle varie malattie, sui loro sintomi, le cause, le conseguenze e che quando avvertono determinati sintomi di malattia, effettuino un confronto fra l’esperienza sintomatica attuale e i vari prototipi di malattie disponibili in memoria, fino a scegliere quello che meglio si adatta alla configurazione di sintomi sperimentata.
La corrispondenza fra i sintomi e il prototipo non deve essere per forza perfetta, basta che la somiglianza sia sufficiente da rendere plausibile tale interpretazione. […] (Quelle)

Auch sprachwissenschaftliche Kategorien lassen sich so modellieren, etwa ‚klitisches Pronomen‘, ‚Subjekt‘  oder ‚Dativobjekt‘:

Das prototypische Dativobjekt kodiert die Rolle einer Person. (Noel Aziz Hanna 2015, 110)

Die Beispiel ließen sich schnell vermehren. Festzuhalten ist jedoch, dass mit dem Ausdruck ‚Prototyp‘ sehr unterschiedliche  Inhalte bezeichnet werden:

  • perzeptive Phänomene von besonderer Salienz (z.B. fokale Farben), die geeignet sind die Existenz lexikalischer (und vielleicht grammatischer) Kategorien zu erklären; dieser ‚Prototyp‘ ist neuro-physiologisch konditioniert;
  • sozio-kulturell und womöglich biographisch verfestigt Verhaltens- und Ereignismuster (z.B. prototypisches Wartezimmer) , die mit sprachlichen Kategorien vornehmlich lexikalischer Art assoziiert sind;
  • Verwendungsweisen sprachlicher, insbesondere grammatischer Kategorien; die ‚prototypische‘ Verwendung ist dann Ergebnis wissenschaftlicher Beschreibung (z.B. prototypisches Subjekt).

Die wissenschaftlich postulierten Prototypen (Fall 3) sind dem Sprachbewusstsein der Sprecher, wenn überhaupt, höchstens ganz schwach zugänglich, so dass sie nicht in der Lage sind, sie zu verbalisieren. Es ist durchaus problematisch, so unterschiedliche Konzepte unter einem Ausdruck zusammenzufassen; in jedem Fall ist eine kritische Hinterfragung der jeweiligen Verwendung  unbedingt erforderlich.

2. ‘Familienähnlichkeit’

Ungeachtet seiner breiten Anwendbarkeit wäre es allerdings viel zu einfach, im Konzept des Prototypen  einen Generalschlüssel für die lexikalische Semantik zu sehen. Ihr Erklärungspotential ist vor allem deshalb begrenzt, da lexikalische Einheiten von der Art der Farbwörter wohl gerade nicht repräsentativ für den Durchschnittswortschatz unserer Sprachen sind. Es ist ja grundsätzlich mit ausgeprägter mit ausgeprägter Polysemie zu rechnen, die keineswegs direkt auf Prototypen abgebildet werden kann. Diese Problematik soll am Beispiel von  ita. campagna exemplarisch durchgespielt werden. Als Grundlage dient die Bedeutungsbeschreibung des Vocabolario Treccani; sie unterscheidet im wesentlichen neun Bedeutungen, die ausgehend von der etymologischen Grundbedeutung präsentiert werden:

campagna s. f. [lat. tardo campanea, campania, propr. agg. neutro pl., der. di campus «campo»]. – 1. a. Estesa superficie di un terreno aperto, fuori del centro urbano; il termine è correntemente riferito a territorî di pianura o di bassa collina, corrispondenti in genere all’antico contado, occupati da colture o anche da pascoli o boscaglia, con case sparse: c. coltivata, incolta, verde, brulla; la C. Romana; la città e la c.; aria di c.; essere in aperta c.; fare una passeggiata in c.; abitare in c.; gente di c. (contrapp. agli abitanti dei centri urbani); andare, recarsi, essere in c., anche, in partic., come luogo di villeggiatura. Locuzioni: darsi, buttarsi alla c., darsi alla latitanza o al brigantaggio; battere la c., fare delle scorrerie (in questo sign. anche scorrere la c.), oppure perlustrare una zona, andare in ricognizione; in senso fig., divagare, uscire dall’argomento. b. Terra coltivata: quest’anno la c. promette bene; i frutti della c.; anche proprietà terriera: avere molta c.; la c. gli rende poco. 2. a. Luogo aperto, che si presta al rapido movimento di truppe e di mezzi guerreschi: Re Carlo era attendato alla c. (Ariosto); artiglieria da campagna. Di qui l’uso della parola come sinon. di guerra (fare una c.; entrare in c., incominciare la guerra; finire la c., ecc.), o per indicare il periodo di tempo in cui è possibile compiere operazioni militari attive. Oggi il termine indica un ciclo di operazioni che dal punto di vista strategico si presenta con una certa compiutezza d’insieme, indipendentemente dalla sua durata: la c. di Russia, di Napoleone; le c. d’Africa; fig., scherz., ha fatto le sue c., di chi (uomo o donna) ha condotto una vita libera e ha avuto parecchie avventure amorose. b. estens. Lunga navigazione compiuta per ragioni di studio (spedizioni oceanografiche, idrografiche, ecc.), di esercitazioni (viaggi d’istruzione), di divertimento (viaggi di piacere). c. fig. Insieme di azioni volte a un determinato fine, economico, igienico, politico, scientifico: c. pubblicitaria e c. di vendita; c. giornalistica; c. antimalarica; c. elettorale; c. di scavi. Nel gioco del calcio, c. acquisti, complesso delle trattative condotte dalle varie società per assicurarsi nuovi giocatori. 3. Periodo di tempo nell’anno (detto anche stagione) durante il quale ha luogo il raccolto di un prodotto agricolo o si provvede all’approvvigionamento di materie prime per determinate industrie o alla loro lavorazione: c. olearia, granaria, delle bietole, conserviera, ecc. 4. Analogam., nella tecnica, c. dei forni, il periodo di funzionamento dall’accensione allo spegnimento. 5. In araldica, pezza onorevole che occupa il terzo inferiore dello scudo. ◆ Dim. campagnétta, non com., terreno coltivato di piccole dimensioni. (Treccani; farbige Hervorhebung TH.K.) 

Zwar fällt es nicht schwer, die Entstehung dieser unterschiedlichen Bedeutungen diachronisch nachzuvollziehen, so dass eigentliche keine ganz isoliert steht, denn jede Bedeutung ist mit mindestens einer anderen durch eine elementare semantische Relationen metonymisch oder metaphorisch verknüpft, wie die folgende Graphik veranschaulicht:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/12/1482357685 Campagna

Metonymisch und metaphorisch fundierte Polysemie von ita. campagna

Allerdings ist es aus synchronischer Sicht ebenso klar, dass es ganz und gar unmöglich ist, alle Bedeutungen auf einen gemeinsamen Prototypen zu beziehen; semantische Gemeinsamkeiten bestehen jeweils ausschließlich zwischen Bedeutungen, die sich in der Graphik überschneiden, und es ist wohl auch unmöglich die Bedeutungen im Sinne der Diachronie (FELD → FELDARBEIT → TÄTIGKEITEN ANDERER ART → ZEIT FÜR BESTIMMTE TÄTIGKEITEN usw.)  zu hierarchisieren. Es ist durchaus nicht klar, ob die mit 1.a. identifizierte etymologische Ausgangsbedeutung im aktuellen Sprachgebrauch als zentral anzusehen ist; womöglich steht für viele Sprecher 2.c. im Vordergrund.

Semantische Konstellationen dieser Art, die dem Muster 

  • Bedeutung a hat Gemeinsamkeiten mit Bedeutung b,
  • Bedeutung b hat Gemeinsamkeiten mit Bedeutung c,
  • aber Bedeutung a hat keine Gemeinsamkeiten mit Bedeutung c

entsprechen, werden in der Semantik mit einem treffenden, auf Ludwig Wittgenstein zurückgehenden Ausdruck als ‚Familienähnlichkeit‘ bezeichnet:

66. Betrachte z. B. einmal die Vorgänge, die wir »Spiele« nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: »Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ›Spiele‹ « – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – Schau z. B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn wir nun zu den Ballspielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ›unterhaltend‹. Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denk an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.

67. Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort »Familienähnlichkeiten«; denn so übergreifen und kreuzen sich sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. – Und ich werde sagen: die ›Spiele‹ bilden eine Familie. (vgl. Wittgenstein 1977, § 66, 67) 

 

Berlin, Brent & Breedlove, Dennis (1974): Principles of Tzeltal Plant Classification: An Introduction of the Botanical Ethnography. New York: Academic Press.
Borges, Jorge Luis (1952): El idioma analítico de John Wilkins, 158-159. Buenso Aires.
De'Paratesi, Nora Galli (1969): Le brutte parole: Semantica dell'eufemismo. 3. Milano: A. Mondadori.
Foucault, Michel (1966): Les mots et les choses: une archéologie des sciences humaines. Paris: Gallimard.
Foucault, Michel (1994): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Geeraerts, Dirk (1986): On necessary and sufficient conditions, Journal of semantics 5, 275-291.
Heider, Eleanor R u.a. (1976): Basic objects in natural categories, Cognitive Psychology 8, 382-439.
Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik: eine Einführung. Tübingen: G. Narr.
Lakoff, George (1987): Women, fire, and dangerous things: What categories reveal about the mind. Chicago.
Noel Aziz Hanna, Patrizia (2015): Wackernagels Gesetz im Deutschen: Zur Interaktion von Syntax, Phonologie und Informationsstruktur. Berlin.
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