Frühe Entlehnungen (rom. ↔ germ.)

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Die frühe Phase des germanisch-romanischen Sprachkontakts ist teils auf der Ebene der SPRACHE – areal – in den Provinzen Germania inferior, Germania superior, Raetia und eventuell in Dacia zu verorten (vgl. Gamillscheg 1934-19361Dieses monumentale Werk bleibt eine wichtige Referenz, und es wäre ungerecht darin ein Forschungsprodukt zu sehen, das unter den Bedingungen des Nationalsozialismus entstanden wäre; gleichwohl wurde es zu Beginn des Regimes publiziert und kritische Lektüre ist unbedingt erforderlich, um manche unnötig wertende, germanophile Interpretation zu erkennen. Der Autor selbst war kein Mitglied der NSDAP und hat 1934 die jüdische Romanistin Renée Kahane promoviert (vgl. <https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9e_Kahane>). Andererseits war Gamillscheg von 1940-1943 Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts (DWI) in Bukarest und insofern in offizieller Mission tätig; vgl. zur zeitgeschichtlichen Einordnung von Gamillscheg den wichtigen Artikel von Hausmann 1998. - Der ideologische Hintergrund maßgeblicher Arbeiten zum germanischen Einfluss in der Romania kann im Rahmen einer Fußnote allenfalls angedeutet werden; er wird in dieser Vorlesung als eigentlicher Gegenstand der Fachgeschichte nicht thematisiert (vgl. Hausmann 2008)., 233-266), teils unabhängig davon auf der Ebene der SPRECHER zu sehen, nämlich im Zusammenhang mit germanischen Söldnern und hörigen germanischen Bauern auf römischem Boden (lat. laeti; vgl.  Georges 1913, s.v. laetus]) die von Gamillscheg im folgenden Zitat als Leten bezeichnet werden. Kennzeichnend ist eine stark ausgeprägte Asymmetrie der Beeinflussung:

So ausschlaggebend der römische Einfluss auf Kultur und Sprache dieser germanischen Stämme war, so gering war die Gegenwirkung, und zwar nicht nur seitens jener Germanen, die in den Randgebieten lebten, sondern auch seitens der Tausende und Abertausende, die als Soldaten in das römische Herr traten, als Sklaven ins Reich kamen oder als Leten von den Römern angesiedelt wurden. (Gamillscheg 1934-1936, 25 f.)   

Nur ganz vereinzelte Ausdrücke sind schon so früh in das Lateinische entlehnt worden, dass sie sich in alle Gebiet der Romania verbreiten konnten; eine Zuordnung zu spezifischen germanischen Gruppen ist nicht möglich, auch deshalb nicht, weil etliche der von Tacitus genannten Stämme sich schon in der Spätantike nicht mehr identifizieren lassen. Der mit dem Ausgang der Antike wichtig werdende Stamm der Franken ist dagegen in der frühen Phase noch nicht belegt . Nennen lässt sich immerhin germ. *saipôn,  mit dessen Kognaten heute in den romanischen Sprachen (wie in den germanischen) die SEIFE bezeichnet wird. Grundsätzlich ähnlich, wenngleich nur wenig verbreitet sind die germ. Bezeichnungen des DACHSES (vgl. FEW 13/1, s.v. taxo) und der GANS (vgl. ganta zu burteilen. Bereits erwähnt zwei germanische Bezeichnungen  für den ELCH (vgl. alces) und den  AUEROCHSEN (vg. urus), die gewissermaßen als Exotismen in den lateinischen Wortschatz Eingang fanden und als bildungssprachliche Ausdrücke in den romanischen Sprachen weiterleben – beide Tiere kamen und kommen ja im romanischsprachigen Gebiet nicht vor.

1. Die Regionalität und relative Chronologie der Lautentwicklungen

Für die sprachgeschichtliche Bestimmung der Entlehnungszeit ist die Analyse der lautlichen Gestalt von grundlegender Bedeutung, sowohl im Hinblick auf die Herkunftssprache wie auf die entlehnende Sprache. Alle Entlehnungen unterliegen im Prinzip jeweils den regionalen Lautentwicklungen, die sich nach der Entlehnungszeit in  der entlehnenden Varietät ergeben. Um sich die Form vorstellen zu können, in der ein Wort entlehnt wurde, muss man daher von der lautlichen Entwicklungen der entlehnenden Sprache abstrahieren. Auf der anderen Seite hat sich je auch die lautliche Gestalt in der Ursprungssprache u.U. stark verändert, so dass die Rekonstruktion der Inputform ebenfalls wichtig für die zeitliche Präzisierung ist. Wegen ihrer Regelmäßigkeit werden die phonetischen Veränderungen traditionell oft als ‚Lautgesetze‚ bezeichnet; allerdings ist stets mit Ausnahmen und Sonderentwicklungen zu rechnen, so dass dieser Ausdruck besser vermieden wird.  Die Regelmäßigkeit des Lautwandels soll an zwei Beispielen gezeigt werden. 

1.1. Beispiel 1: die gallo- und ‚räto’romanische Palatalisierung von /k/ vor /a/ 

Das lat. Phonem /k/ hat sich in den romanischen Sprachen je nach seiner lautlichen Umgebung sehr unterschiedlich entwickelt.

  • vor den velaren, gerundeten Vokalen /u/, /ʊ/, /o/ und /ɔ/ wurde der Plosiv erhalten (nicht palatalisiert);  
  • vor den palatalen Vokalen, nicht gerundeten /i/, /e/ und /ɛ/wurde der Plosiv außer im Sardischen ‚palatalisiert‘, d.h. sein Artikulationsort wurde nach vorn, zum Palatum verschoben, so dass sich zunächst Affrikate entwickelten, die später in manchen Gegenden zu Frikativen reduziert wurden:
allgemeine romanische Palatalisierung: /k/  + /i/, /ɪ/, /e/, /ɛ/  (analog /g/)

lat. civitatem [kivi′tate(m)] ‚Stadt‘ (Akk. von civitas

> rum. cetate [ʧ-]

palatalisiert

> ita. città [ʧ-]
> engad. cited  [ʧ-]
> fra. cité [s-], altfra. [ts-]
> katal. ciutat [s-]
> span. ciudad [θ-]
> port. cidade [s-]
lat. circum  [′kirku(m)] ‚Kreis‘ (Akk. von circus)  > sard. kirku nicht palatalisiert
  • vor dem offenen /a/ blieb der Plosiv, außer im Fra. und ‚Rätoromanischen (Bündnerromanisch, Ladinisch und Friaulisch), erhalten:
gallo- und ‚räto’romanische Palatalisierung: /k/  + /a/  (analog /g/)

lat. caput [′kaput] ‚Kopf‘        

> rum. cap [k-]

nicht palatalisiert

> ita. capo [k-]
> sard. kabu [k-]
> katal. cap [k-]
> span. cabo [k-]
> port. cabo [k-]
> fra. chef [ʃ-], altfra. [ʧ-] palatalisiert
> engad. cho  [ʨ-]

So hat sich z.B. der Anlaut /k-/ des bei Plinius genannten und wohl ins Lateinische entlehnten germ. Ausdrucks ganta ‚Wildgans‘ > altfra. jante [ʤ-] genauso entwickelt, wie in lat. gălbĭnus ‚gelbgrün‘ zu fra. jaune [ʒ-], altfra. [ʤ-] ‚gelb‘ (vgl. FEW 4, 24-27, s.v. gălbĭnus). Diese lautlichen Unterschiede gestatten oft eine genauere Rekonstruktion, in welche Epoche eine Form entlehnt wurde und wie sie sich anschließen in der Romania/Germania verbreitet hat:  wenn sich z.B. kat./okz. ganta [g-] und altfranzösisch jante [ʤ] gegenüber stehen, ist selbstverständlich, dass ganta nicht aus einer bereits phonetisch ausdifferenzierten frühen nordgalloromanischen (‚französischen‘) Varietät stammen kann, sondern eine noch undifferenzierte frühere Phase repräsentieren muss,

Im Gegensatz dazu ist das palatalisierte ita. giardino nicht direkt auf Kontakt mit dem germ. gart/garto zurückzuführen, sondern eine Entlehnung aus dem Fra., denn dort – und nur dort – ist der germ.  Anlaut ga- ganz regelmäßig, nämlich im Zuge der Veränderung des Galloromanischen zur Affrikate geworden  ist.

Im Hinblick auf die die frühen lateinisch-romanischem Entlehnungen im Germanischen ist auffällig, dass in etlichen Fällen jede Spur der allgemeinen romanischen Palatalisierung des anlautenden /k-/ vor palatalen Vokalen fehlt, obwohl dieser Prozess laut Rohlfs 1966-1969 (I, § 152, S. 201) wohl schon im dritten Jahrhundert, also 200 Jahre vor dem Zusammenbruch der administrativen Infrastruktur, mit der Variante [kj-] einzusetzen scheint.  Hier einige Beispiele:

Dieser Gruppe stehen andere Beispiele mit Palatalisierung gegenüber:

  • deu. Zelle < lat. cella ‚Kammer‘ (vgl. Georges 19131063)
  • deu. Zwiebel < lat. cepŭlla (vgl. Georges 1913, s.v. cēpula, sowie altfra. cevole, cibole (vgl. neufra. ciboulette ‚Schnittlauch‘) und fra. Dialektformen in FEW s.v., 2, 593 f. )

Es liegt nahe, in diesen Formen spätere Entlehnungen mit jüngerem romanischen Lautstand zu vermuten. Angesichts fehlender früher Textbelege ist es schwer, wenn nicht unmöglich einen Nachweis zu führen. Denkbar ist ja auch Koexistenz palatalisierter und nicht palatalisierter Varianten im Romanischen der Entlehnungszeit.

In jedem Fall wäre es erforderlich, im Sinne einer interlingualen Geolinguistik grundsätzlich und konsequent auf der Ebene der Dialekte zu argumentieren, was vor allem im Hinblick auf die deutsche Forschungslage oft nicht möglich ist. Ein illustratives Beispiel liefert der Typ Keller im deutschsprachigen Alpenraum; vgl. auch den Ortsnamen Kellmünz an der Iller < Caelio Montem (bzw. Caelius Mons).

1.2. Beispiel 2: die so genannte zweite Lautverschiebung

Eine besonders wichtige Rolle unter der Lautwandelprozessen der germanischsprachigen Gebiets spielt die so genannte zweite Lautverschiebung, denn sie gestattet es, das germanische Kontaktgebiet in drei Zonen einzuteilen,  je nachdem, ob sie vollständig (Alemannisch, Südbairisch), teilweise (mitteldeutsche Dialekte) oder gar nicht (niederdeutsche Dialekte) durchgeführt wurde. Zur Datierung heißt es im detaillierten Wikipedia-Artikel:

Abgesehen von þ → d war die Hochdeutsche Lautverschiebung vor den Anfängen der Schriftlichkeit des Althochdeutschen im 9. Jahrhundert eingetreten. Eine Datierung der verschiedenen Phasen ist daher nur annäherungsweise möglich. Unterschiedliche Schätzungen erscheinen gelegentlich, z. B. bei Waterman, der behauptete, dass die ersten drei Phasen ziemlich nahe aufeinander folgten und auf alemannischem Gebiet um 600 n. Chr. abgeschlossen waren, aber noch zwei oder drei Jahrhunderte brauchten, um sich nach Norden auszubreiten.

Manchmal helfen historische Konstellationen bei der Datierung; z. B. wird durch den Fakt, dass Attila im Deutschen Etzel genannt wird, bewiesen, dass die Phase 2 nach der Hunneninvasion im 5. Jahrhundert produktiv gewesen sein muss. Die Tatsache, dass viele lateinische Lehnwörter im Deutschen verschoben erscheinen (z. B. lateinisch strata → deutsch Straße), hingegen andere nicht (z. B. lat. poena → dt. Pein), erlaubt die Datierung des Lautwandels vor oder nach der entsprechenden Periode der Entlehnung. Jedoch sind die nützlichsten chronologischen Datenquellen deutsche Wörter, die in lateinischen Texten der spätantiken und frühmittelalterlichen Periode zitiert werden. (Wikipedia)

Die folgende Tabelle gibt einige – zufällig zusammengestellte – Beispiels verschobener und unverschobener Latinismen der deu. Standardsprache; eine seröse quantitative Untersuchung wäre interessant. 

 

einige Latinismen der deutschen Standardsprache
mit Lautverschiebung ohne Lautverschiebung
Pfeiler < lat. pilarium zu pila (Kluge & Seebold 2011, 697) Pille < lat. pilula ‚Kügelchen‘ zu pila (Kluge & Seebold 2011, 707)
Pferch < lat. parricus (Kluge & Seebold 2011, 697) Planke < lat. planca ‚Bohle‘ (Kluge & Seebold 2011, 709)
Pferd < lat. paraveredus (Kluge & Seebold 2011, 697)  
Pfau  < lat. pavo (Kluge & Seebold 2011, 697)  
Pfeffer < lat. piper (Kluge & Seebold 2011, 697 )  
Pfalz < lat. palatia (Kluge & Seebold 2011,696)  
Pfirsich < lat. (malum) persicum (Kluge & Seebold 2011, 698)  
Pfeife < lat *pipa, zu pipare (Kluge & Seebold 2011, 697)  
Pfütze < lat. puteus ‚Grube, Brunnen‘ (Kluge & Seebold 2011, 701)  
Pfund < lat. pondu(m) ‚Gewicht‘ (Kluge & Seebold 2011, 701)  
Pfosten < lat. postis Türpfosten (Kluge & Seebold 2011, 700)  
Pilz < lat. boletus (Kluge & Seebold 2011, 706)  

Die Tatsache, dass sich die lateinisch-romanischen Entlehnungen im Deutschen in Hinblick auf die zweite Lautverschiebung als nicht einheitlich erweisen, ist allerdings komplizierter und je im Einzelfall zu beurteilen. Oft bestehen auf der Ebene der Dialekt in regionaler Komplementarität verschobene und unverschobene Varianten.  So steht neben neben süd- und hochdeutsch Straße niederdeutsch und niederländisch Straat (vgl. eng. street) < lat. strata (vgl. Georges 1913, 2816). Ähnlich verhält es sich bei (< lat. campus ‚Feld‘), das ins Niederdeutsche als Kamp ‚Wiese‘  und ins Süddeutsche als Kampf (vgl. zu beiden Kluge & Seebold 2011, 468) entlehnt wurde. 

Es ergeben sich mindestens die folgenden Möglichkeiten:

  • die unverschobene Variante (Typ straat) wurde im heute niederdeutschen Gebiet (Rheinland) entlehnt, verbreitete sich nach Süden und die Formen im Süden unterlagen dann der Lautverschiebung;
  • derselbe Typ wurde sowohl im Niederdeutschen als auch im süddeutschen Kontaktgebiet entlehnt und nur die süddeutsche Varianten wurde dann verschoben und gelangten  später in die Standardsprache.
  • Die lateinisch-romanische Form wurde nur im heute niederdeutschen Gebiet (Rheinland) früh entlehnt, daher nicht verschoben und später in die Standardsprache übernommen.
  • Die lateinisch-romanische Form wurde nur im heute niederdeutschen Gebiet (Rheinland) entlehnt, allerdings erst nach Abschluss der Lautverschiebung, und später in die Standardsprache übernommen.

Bei der Einschätzung rezenter süddeutscher Dialektbelege ist also stets abzuwägen, ob Sie erst mit der Hochsprache gekommen sind, oder ob es sich um die Vorgänger, die Basis der hochsprachlichen Ausdrücke handelt. 

Spezielle Verhältnisse ergeben sich bei der Untersuchung von Namen, da oft ältere, also zum Beispiel unverschobene Formen konserviert werden (vgl. exemplarisch Strad).