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Ausdruck statischer und dynamischer Lokalisierung

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Zitation: Thomas Krefeld (2016): Ausdruck statischer und dynamischer Lokalisierung. Lehre in den Digital Humanities. Version 5 (04.12.2016, 10:32). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=41676&v=5.

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Angesichts der aus physikalischer Sicht grundsätzlichen Bedeutung der drei Raumdimensionen (x, y, z) ist es bemerkenswert, dass die allermeisten Ausdrucksmittel von Lokalisierungrelationen gerade keinen spezifischen oder eindeutigen Bezug darauf nehmen. Die sprachliche Darstellung von räumlichen Verhältnissen beschränkt sich sehr häufig auf die Relation zwischen salienten Figuren, ohne beide diemsnional zu verorten.

Für die Typisierung ihrer Versprachlichung ist es in der Regel hinreichend, einerseits eine Figur A (‚trajector‘) und eine  Bezugsfigur B (‚landmark‘) und andererseits statische (ruhende) und dynamische (sich bewegende) Relationen zwischen beiden zu unterscheiden; vor allem im Fall von Bewegungen kann eine weitere Bezugsfigur C hinzukommen.
Die hauptsächlichen Fälle sind also:

  • statische Lokalisierung von A in Bezug auf B;
  • dynamische Lokalisierung von A in Bezug auf B und eventuell verursacht durch C;
    • B ist Ziel von A (Destinationsbewegung);
    • B ist Herkunftsort von A (Provenienzbewegung);
    • B ist Durchgangsort von A Provenienz (Transitionsbewegung).

Bei der Versprachlichung wirken deiktische und symbolische Inhalte zusammen; relevante Wortarten sind Präpositionen, Adverbien und Verben.

Die Eigenheiten des Italienischen (und damit zum Teil des Romanischen überhaupt) treten im Vergleich zu anderen Sprachen, etwa zum Deutschen, schnell hervor. 

1. Deixis und gerichtete Bewegung: HIN und HER

Sehr unterschiedlich im Italienischen und Deutschen ist die Lexikalisierung  gegenläufiger Deixis. Bewegungen in Richtung vom Sprecher | Perzipienten weg einerseits und in Richtung auf den Sprecher | Perzipienten zu andererseits sind im Deu. in mehreren Gegensatzpaaren lexikalisiert. Zunächst besteht die Opposition zwischen den Adverbien und Präverben hin und her, die sich auch zur Bezeichnung der onomasiologischen Kategorien als HIN- und HER-Deixis anbieten. Der Gegensatz ist zwar in manchen deutschen Varietäten, auch in der gesprochenen Sprache nicht immer scharf; in der Regel scheint her auf Kosten von hin generalisiert zu werden (vgl. gesprochenes Süddeutsch etwas herschenken ‚verschenken‘). Aber grundsätzlich sind beide noch deutlich geschieden. Ein italienisches Äquivalent zu hin | her gibt es nicht.

Grundsätzlich analog funktionieren die Gegensatzpaare deu. kommen ‚bewegen + HER-Deixis‘ vs. gehen ‚bewegen + HIN-Deixis‘ und ita. venire vs. andare; das Ita. kennt zudem tornare ‚zurückkehren‘, das ein Kommen (HER-Deixis) unter der Voraussetzung eines früheren Gehens (HIN-Deixis)  bezeichnet.

Wiederum spezifisch deu. ist dagegen der Verbalgegensatz zwischen holen und bringen, deren Semantik sich als ‚tragen + HER-Deixis‘ (holen) vs. ‚tragen + HIN-Deixis‘ umreißen lässt; beiden entspricht das deiktisch nicht festgelegte ita. portare oder eine Periphrase aus einem Bewegungsverb + prendere/pigliare.

  • Ich hole eine Flasche Wein.Vado a prendere una bottiglia di vino.
  • Ich bringe dir eine Rose. – Ti porterò una rosa.

2. Lokalisierung und die Natur von Figur B

Im soeben genannten Beispiel wird eine Bezugsfigur, das Ziel der (???)Bewegung ( B ), durch einen morphologischen Kasus (ti) ausgedrückt; das könnte auch im Fall der Bezugsfigur C der Fall sein, wenn das Subjekt durch das Pronomen io explizit ausgedrückt würde:

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Diese Kodierung von Lokalrelationen durch Kasus ist jedoch im Italienischen wie im Romanischen marginal und auf Personaldeixis beschränkt. Meistens werden Lokalrelationen von Figuren durch Präpositionen ausgedrückt. Die Verbsemantik spezifiziert dagegen, ob es sich um eine statische oder dynamische Relation handelt und steuert weiterhin die Selektion der Präposition: Die folgenden Bespiele zeigen, dass die Grundtypen der Bewegung verschiedene Präpositionen erfordern:

  • STATISCH: Sono a Roma.  Sono di Roma. (A-B)
  • DYNAMISCH + DESTINATION: Vado a Roma. Vado in Italia (A→B) 
  • DYNAMISCH + PROVENIENZ: Vengo da Roma. (A←B)
  • DYNAMISCH + TRANSITION: Sono passato per la zona del porto. (A–B→)

Allerdings nimmt auch die Semantik von B Einfluss auf die Wahl der Präposition, wie sich bereits im Fall DYNAMISCH + DESTINSATION andeutet (…a Roma vs. … in Italia). Systematisch wirkt sich die Referenz von B auf Menschen aus:

  • STATISCH: Sono da Maria.
  • DYNAMISCH + DESTINATION: Vado da Maria.
  • DYNAMISCH + PROVENIENZ: Vengo da Maria.

Durch Generalisierung der Präposition da wird die Lokalisierung bei einer Person eindeutig markiert; gleichzeitig wird die präpositionale Markierung der Opposition zwischen statischer und dynamischer Lokalisierung aufgegeben; sie ist ja ohnehin redundant, da sie in der Verbsemantik festgeschrieben ist.

Anders verhält es sich im Deutschen; hier wird ein systematischer Unterschied zwischen der Lokalisierung in einem Raum einerseits (… in/nach/aus Italien) und bei Objekten und Personen andererseits gemacht (… zu/von Maria/der Brücke) und nur gelegentlich die Person eindeutig markiert (… bei Maria vs. an der Brücke) .

Die folgende Tabelle zeigt die italienischen und deutschen Versprachlichungsverfahren im   Überblick:

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Die skizzierten Lokalisierungstypen lassen sich nun mit den Kategorien der gestaltheorie beschreiben und in Form einer mental map darstellen. Im Fall von Objekten und Personen werden ist die Bezugsgröße B eine mehr oder weniger saliente Figur; im Fall eines Raums sollte man jedoch eher von einem Hintergrund sprechen. Dieser Gegensatz tritt in der deutschen map als durchgängiges Strukturprinzip klar hervor:    

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1480598697 Mapping deu lok praep

Mapping deutscher Präpositionen für den Ausdruck von Lokalisierungsrelationen

Die Zonen der italienischen map sind dagegen gestaltheoretisch viel weniger scharf konturiert; in der STATISCHEN und DESTINATORISCHEN Lokalisierung wird ein perzeptiv kaum erklärbarer Unterschied zwischen kleineren und größeren Räumen – das heißt: Hintergründen – gemacht und die Markierung der Person durch da ist nicht eindeutig, da alle Provenienzbewegungen, völlig unabhängig von der Bezugsgröße B mit der Präposition ausgedrückt werden.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/11/1480598720 Mapping it lok praep

Mapping italienischer Präpositionen für den Ausdruck von Lokalisierungsrelationen

 

 

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