Von der Langobardia zur Lombardia

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1. Die Langobarden

Die Geschichte der Langobarden erinnert mit ihrer großräumigen Wanderung an diejenige der Goten; sie ist jedoch aus sprachgeschichtlicher, wie aus allgemein historischer Sicht ungleich wichtiger. Die folgende Karte identifiziert die Etappen ihrer Wanderung mit den Bezeichnungen, die uns die Historia Langobadorum des (* ca. 725/730-† ca. 797/799) überliefert (vgl. Jarnut 1982, 11 ff.)1Es ist bemerkenswert, dass unter den Namen der frühen Stationen zwei das Suffix -inga aufweisen, nämlich Scoringa, mit dem wohl die Insel Rügen gemeint ist, und Mauringa. Jarnut 1982, 11 ff. deutet das erste analog zu althochdeu. scorro 'Klippe' + -inga und das zweite aus dem Stamm der auch deu. Moor zu Grunde liegt. In beiden Fällen können diese beiden alten, wenn nicht ältesten -inga-Bildungen jedoch nicht patronymisch verstanden werden, wie es im Hinblick auf spätere Bildungen von der Namenkunde in mechanistischer Manier durchexerziert wird..

Die letzte Etappe skizziert Wolfram 2002 wie folgt:

„Nicht weniger als 5500 Langobarden nahmen als treue Föderatenkrieger an den letzten Kämpfen teil, in denen Narses das italische Ostgotenreich vernichtete. Audoins Sohn Alboin (560/61-572) war der Langobardenkönig, der mit awarischer Hilfe das gepidische Königreich zerschlug, wenig später aber im Jahre 568 eine riesige Völkerlawine, bestehend aus Langobarden, Gepiden, Sarmaten, Sueben, Sachsen, ja selbst einheimischen Romanen, nach Italien führte. Dies bedeutet den Bruch mit Byzanz, das über hundert Jahre lang keinen Vertrag mehr mit den Langobarden schloß. Es bedeutete aber | auch die Spaltung Italiens in einen langobardisch beherrschten Teil und in die von Byzanz gehaltenen Gebiete.“ (Wolfram 2002, 105f.)

Das langobardische Reich bestand bis 774, als es in das Karolingerreich eingegliedert wurde und Karl der Große sich rex Francorum et Langobadorum ac patricius Romanorum (vgl. Höfert 2015) nannte. Die folgende Karte zeigt die weiteste territoriale Ausdehnung unter Aistulf (751 n.Chr.):

Das Langobardenreich zur Zeit seiner größten Ausdehnung unter Aistulf (751 n.Chr.)

 

1.1. Die Landnahme und die Ortsnamen auf -fara

Über die Landnahme in Italien unter dem König Alboin sagt eine zeitgenössische Quelle, der burgundische Chronist Marius von Avenches, sie sei in fara erfolgt:

„Alboenus … cum omni exercitu relinquens … Pannoniam … cum mulieribus vel omni populo suo in fara Italiam occupavit“ (zit. in Jarnut 1982, 47)

‚Alboin … der sich mit seinem gesamten Heer in Pannonien aufhielt … besetzte Italien  mit den Ehefrauen und seinem gesamten Volk in fara.‘ (Übers. Th.K.)

Damit wird ein Schlüsselbegriff zum Verständnis der langobardischen Besetzung  Italiens genannt, der offenkundig auf den Verbstamm zurückgeht, der auch deu.  fahren zu Grunde liegt:

„Dieser Fahrverband umfasste neben den Kriegern eben auch ihre Frauen und das gesamte nicht waffenfähige Volk, also etwa auch Sklaven. Seine Aufgaben waren viel umfassender, | als Krieg zu führen – in der Gruppe mußte der innere Frieden gewahrt, die Versorgung von Mensch und Vieh gesichert, während der Wanderung Quartier geschaffen werden, kurz,  die Fara war die Lebensgemeinschaft einer fahrenden, heimatlosen Gesellschaft.“ (Jarnut 1982, 47)

Wie es scheint, haben sich diese mobilen Verbände, die jeweils unter Führung einzelner Persönlichkeiten standen, dann in bereits bestehenden, wenn möglich befestigten Orten niedergelassen (vgl. Jarnut 1982, 48 und 52). Der Ausdruck hat sich mehreren italienischen Ortsnamen erhalten (), wie die folgende Karte ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigt.

fara in der italienischen Toponomastik

Die Langobarden waren „zumindest z.T. arianisierte Christen“  (Jarnut 1982, 74), als sie nach Italien kamen. Im Gefolge der Niederlassung veränderten sich die Lebensform und Sozialstruktur so, dass „ein sozial differenziertes Volk von Grundherren und Bauern“ (Jarnut 1982, 74) entstand. Aus romanistischer Sicht ist vor allem der Prozess der kulturellen – und sprachlichen – Romanisierung von Interesse, die sich seit dem 7. Jahrhundert vollzog; sie geht mit dem Übergang zum Katholizismen einher, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur Staatsreligion wird (Jarnut 1982, 77). Durch diese Konversion wurden langobardisch-romanische Eheschließungen stark begünstigt, aber der Spracherhalt bzw. der Sprachwechsel werden vor diesem Hintergrund kontrovers diskutiert.

2. Langobardisch-romanische Zweisprachigkeit und der Übergang zur romanischen Einsprachigkeit

Jarnut plädiert für einen frühen Übergang zum Romanischen. Dabei bezieht er sich vor allem auf einen sehr wichtigen Gesetzestext, den sogenannten Edictus Rothari, der vom langobardischen König Rothari im Jahre 643 erlassen wurde:  

„Wie weit schon wenige Jahre nach der Eroberung die Eingliederung der Langobarden in ihre romanische Umwelt ging, wird daran deutlich, dass alle ihre überlieferten Schriftzeugnisse in lateinischer Sprache abgefasst sind, so auch schon die ersten Königsurkunden aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts und eben auch das nur für Langobarden bestimmte Edikt Rotharis. In diesem Gesetzeswerk werden nur die juristischen Termini technici in langobardischer Sprache angeführt, sie werden aber zugleich ins Lateinische übersetzt. Wir müssen also davon ausgehen, dass viele, vielleicht sogar schon die meisten Langobarden bereits in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zweisprachig waren.“ (Jarnut 1982, 78)

Zu diesen juristischen Termini2Jarnut drückt sich hier ein wenig missverständlich aus; denn langobardisch sind keineswegs «die juristischen Termini technici» (Hervorhebung Th.K.), sondern nur einige, allerdings auffällige; die meisten Tatbestände tragen lateinische Bezeichnungen. in langobardischer Sprache aus dem Edictus Rothari gehören z.B.  morth (§ 14), grabworfin ‚Grabraub‘ (§ 15), rairaub ‚Leichenraub‘ (§ 16), wegworin ‚Wegelagerei‘ (§ 26), marhworfin ‚jemanden vom Pferd werfen‘ (§ 30) oder auch walupaus ‚Vermummung‘:

„De walupaus. Si quis homini libero violentia iniuste fecerit, id est walupaus, octugenta solidos ei conponat. Walupaus est, qui se furtim vestimentum alium induerit aut se caput latrocinandi animo aut faciem transfiguraverit.“ (Edictus Rothari § 31)

‚Über Walupaus. Wenn einer einem freien Mann zu Unrecht Gewalt antut, das heißt (id est) Walupaus, muss er ihm 80 Solidi geben. Walupaus ist, wer sich heimlich ein anderes Kleidungsstück anzieht oder sein Haupt oder Gesicht in räuberischer Absicht verändert.‘ (Übers. Th.K.) 

Es steht außer Frage, dass der ausführlich zitierte Tatbestand sowie die vorher genannten und andere mehr, mit langobardischen, d.h. nicht lateinischen Ausdrücken bezeichnet werden, die an prominenter Stelle in den lateinischen Text inseriert sind; sie fungieren als Stichwörter (Thema) des ganzen Abschnitts. Basissprache ist aber Latein, d.h. die Sprache der gesamten juristischen Schriftlichkeit der Zeit. Man darf nicht vergessen, dass sich die langobardischen Gesetze vor allem an die Fachleute der Rechtsprechung wenden, die wahrscheinlich eine ausgezeichnete Kompetenz dieser Sprache besaßen und eventuell auch einsprachige Römer/Romanen und gar keine Langobarden waren. Es ist daher keineswegs selbstverständlich auf fehlende Langobardischkenntnisse der Langobarden zu schließen. Genauer gesagt entspricht die Konstruktion dem Modell:

  • LANGOBARDISCHES RECHTSWORT id est|est LATEINISCHE ERKLÄRUNG

Es erhebt sich nun die Frage, ob gerade aus dieser Konstruktion ein Hinweis auf Zweisprachigkeit/Einsprachigkeit der zeitgenössischen Gesellschaft abgeleitet werden kann. Jarnut versteht die auf id est|est folgende LATEINISCHE ERKLÄRUNG als Übersetzung für – politische –  Langobarden, die der Sprache nicht mehr mächtig waren. Diese Interpretation scheint zu einfach, denn im fachlichen Kontext ist eine Erklärung eines terminus technicus grundsätzlich notwendig, auch wenn kein Sprachwechsel damit verbunden ist. Ein mehr oder weniger zufälliger Blick in ein deutsches Gesetzbuch fördert sofort analoge Konstruktionen des Typs x ist, wer (lat. est qui) zu Tage:

㤠211 Mord

(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

(2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“ ( 2017)

Es handelt sich also bei den oben genannten Beispielen um Übernahmen aus der mündlichen langobardischen Rechtstradition in die geschriebene lateinische Rechtssprache, die darin begründet sind, dass die entsprechenden Tatbestände in der römischen Rechtstradition nicht existierten, aber vom langobardischen Gesetzgeber aufrecht erhalten werden sollten.

Im Hinblick auf die Zweisprachigkeit könnte man sich nun fragen, ob man das Nebeneinander der beiden Sprachen auf der Ebene des Textes  als code switching, d.h. als Wechsel eines zweisprachigen Schreibers von einer Sprache in die andere oder aber als Entlehnungen aus einer Sprache, dem Lombardischen, ins Lateinische auffassen soll; Entlehnungen sind fest integrierte Bestandteile, so dass ihre Verwendung – ganz im Gegensatz zum switching – keine Zweisprachigkeit beim Verwender voraussetzt. Die Frage lässt sich kaum endgültig klären – sie ist ja auch in der sprachlichen Aktualität oft schwer einzuschätzen; es fällt aber stark auf, dass die langobardischen Elemente nicht an die lateinisch-romanische Morphosyntax adaptiert wurden: So regiert die lat. Präposition de einen Ablativ, aber der Wortausgang des Substantivs -us in de walupaus entspricht keiner bekannten lateinischen Ablativendung. Dasselbe gilt für die meisten anderen Langobardismen, jedoch nicht für alle, denn z.B. das langobardische gastald ‚königlicher Finanzverwalter‘ (vgl. Treccani, s.v. castaldo) findet sich mit lateinischer Flexionsendung in unterschiedlichen Kasuformen:

  • Nominativ: „tunc gastaldius regis aut sculdhais requirat culpa ipsa et ad curte regis exegat“ (§ 15)
  • Akkusativ: „aut noluerint in ipsa dare vindictam, tunc liceat gastaldium regis aut sculdhais ipsam ad manum regis tollere“ (nach § 153)

In diesem Fall darf man eine fest integrierte Entlehnung annehmen.

Zu einem etwas anderen Ergebnis als Jarnut hinsichtlich des Endes der langobardischen Sprache gelangt Wolfgang Haubrichs (2005) durch die Untersuchung von Personennamen. Aus der Kontinuität des langobardischen Namensystems bis ins 8. Jahrhundert und der gleichzeitigen Zunahme romanisch-germanischer Hybridnamen schließt er zwar auf eine „schichtenspezifisch differenzierte Durchdringung von Sprachen und Kulturen“ (Haubrichs 2005, 71) im Rahmen einer „bilingualen Gesellschaft“, hält aber gleichzeitig fest, „dass sich – zumindest oberschichtlich – ein relativ reines Langobardisch noch im 8. Jahrhundert erhält“ (Haubrichs 2005, 72). Er stellt fest, dass im Verlauf des 8 Jahrhunderts vermehrt hybride Personennamen auftreten, bei denen er zwei Typen unterscheidet (vgl. Haubrichs 2005, 71):

  1. Namen mit einer romanischen Konstituente als Erstglied und einer germanischen als Zweitglied: Dulci-pert, Flavi-pert, Fluri-prandus, Boni-frido, Lupi-gis, Petrona-child, Silve-rad;
  2. langbardische Personennamen als Erstglied mit einem romanischen Suffix als Zweitglied: Gunde-rad-ula filia Bonis-om-oli.

Die Beobachtung ist interessant; sie müsste allerdings um eine morphologische Komponente erweitert und eventuell auch historisch präzisiert werden:

  • In (1) werden – ähnlich wie im Fall der oben besprochenen Beispiele aus dem Edictus Rothari – zwei unterschiedliche Typen zusammengefasst, nämlich

(1a) die germanischen Zweitglieder ohne lateinisch-romanische Flexionsendung (z.B. Dulci-pert, Flavi-pert), die Zweisprachigkeit des Schreibers nicht ausschließen, und Langobardischkenntnisse mindestens vermuten lassen, wenn nicht voraussetzen;

(1b) solche mit lateinischer Flexionsendung (z.B. Fluri-prandus, Boni-frido), die zwar Langobardischkenntnisse nicht ausschließen, sie aber keinesfalls voraussetzen.

  • Die Fälle des Typs (2) sind nicht nur durch die Flexion, sondern bereits durch den Wortbildungsprozess in das Lateinisch-Romanische integriert. Wie im Fall (1b) können Langobardischkenntnisse nicht vorausgesetzt werden.

Man sollte im 8. Jahrhundert nun in der Perspektive schwindender Zweisprachigkeit eine deutliche Zunahme von (1b) und (2) erwarten.

Angesichts vollkommen fehlender Textdokumente in langobardischer Sprache ist also die Frage des Sprachtods außerordentlich schwer zu beurteilen; vor allem die Personennamen und insbesondere ihre morphologische Adaptation an das Lateinisch-Romanische verdienen daher eine empirisch breit abgesicherte Untersuchung. Vorläufig ließen sich datierbare langobardische Namen, oder zumindest solche mit langobardischem Zweitglied (-pert, -frid usw.) ohne romanische Flexionsendung als potentiell letzte Spuren langobardischer Mündlichkeit ansehen. Vor diesem Hintergrund sind die ältesten Dokumente des Italoromanischen, die so genannten placiti campani (oder cassinesi) von Interesse; diese Urkunden wurden zwischen 960-963 abgefasst, d.h. ca. 200 Jahre nach dem Untergang des langobardischen Königsreichs. Sie stammen allerdings aus einem Teil dieses Territoriums, das in Gestalt einer Grafschaft, des Ducato di Benevento, noch bis 1051 als autonomes Gebilde weiter bestand gehörte. In diesen Texten geht es um Zeugenaussagen zu Grundbesitzverhältnissen von Klöstern. Die Texte sind in lateinischer Sprache abgefasst, nur die Zeugenaussagen selbst sind (wohl wegen möglichst großer Authentizität) in romanischer Sprache. An diesem Verfahren sind die Personen mit den folgenden Namen beteiligt:

  • der Richter Arechi (auch: Arechisi, Arechis, Arichis),
  • die beiden  streitenden Parteien, nämlich der Abt Aligerno und der Adelige Rodelgrimo d’Aquino, 
  • drei Zeugen Mari, Teodemondo und Gariperto.  

Die farbig hervorgehobenen Namen, d.h.  5 von 6 sind zwar germanischen Ursprungs, aber alle tragen lateinische Flexionsendungen und geben keinen Anlass, langobardische Sprachkompetenz zu vermuten. Andererseits hat die Tradition der Namengebung den Sprachwechsel offenkundig recht lange überdauert; darin kann man einen Hinweis auf eine soziale und politische Kontinuität sehen, die sprachliche Diskontinuität impliziert.

3. Langobardische Entlehnungen im Romanischen

Schon Gamillscheg, dem der AIS von  und die Regionalatlanten noch nicht vorlagen, unterscheidet 280 langobardische Wörter. Auf diesen Gesamtbestand im Detail einzugehen ist hier unmöglich; mindestens zwei Punkte sind jedoch bemerkenswert: (1) ihre regionale Verbreitung (2) ihr lexikologische Status.

3.1. Die regionale Verbreitung der Langobardismen in der Italoromania

Da die Entlehnungen lang vor der Herausbildung der italienischen Standardsprache direkt in die lokalen romanischen Varietäten erfolgt sind, liegt es nahe die Langobardismen der gegenwärtigen Dialekte auf regionalen Sprachkontakt zurückführen. Genauere Auswertungen bestätigen diesen Eindruck, oder liefern zumindest schon Indizien, dass die Vermutung grundsätzlich, nach ausgiebigerer Untersuchung bestätigt werden könnte. Es wurden daher erste Ansätze unternommen, die Verbreitungsgebiete der sprachlichen Formen einerseits zu kumulieren und quantitativ darzustellen und sie andererseits in Verbindung mit der Verbreitung archäologischer Befunde synoptisch darzustellen. Die folgende Karte von  Miriam Schwemmlein entstand auf der Basis von 106 AIS-Karten. 

Wie man sieht, nimmt die Verbreitung der Langobardismen, grosso modo, nach Süden hin stark ab. Es ist gut möglich, im Fall von Sizilien und Sardien sogar sicher, dass die wenigen, ganz südlichen Belege  indirekt, d.h. erst später durch die Standardsprache (Sizilien) und oder/durch Kontakt mit dem Toskanischen, speziell dem Pisanischen (Sardinien) in diese Dialekte gelangt sind. Die Kumulation spiegelt also in bemerkenswerter Weise die Dauer der Zugehörigkeit einer Gegend zum Langobardenreich wider, selbst das meistens nicht langobardische Exarchat von Ravenna bildet sich ab.

Die territoriale Expansion des Langobardenreichs

Die Darstellung einzelner Wortareale in Kombination mit archäologischen Fundstellen zeigt ähnliche Kongruenzen, wie die folgende Karte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) illustriert:

Kongruenz sprachlicher und archäologischer Befunde (ital. guancia 'Wange', -engo, Gräberfelder)

Kongruenz sprachlicher und archäologischer Befunde (ital. guancia ‚Wange‘, Ortsnamen auf -engo, Gräberfelder)

3.2. Der lexikologische Status der Langobardismen

Das eben genannte ital. Beispiel guancia ‚Wange‘ deutet bereits an, dass die Langobardismen keinesweg nur in marginalen Bereichen des Wortschatzes auftreten, sondern manche sind durchaus Bestandteil des elementaren Wortschatzes; sie sollen im Folgenden an solchen Typen exempliziert werden, die auch eine Entsprechung in der Standardsprache haben.  Besonders auffällig sind eine ganze Reihe von Körperteilbezeichnungen (vgl. dazu ♦):

Entlehnungen aus dem onomasiologischen Feld der KÖRPERTEILE
langobardisch   standarditalienisch Seite in Gamillscheg 1934, Bd. II
hanka ‚Hüfte‘ > anca ‚Hüfte‘ 144
 knohha ‚Knöchel‘
> nocca  ‚Knöchel‘ 147
milzi ‚Milz‘ > milza ‚Milz‘ 151
 skena ‚Schiene, Schienbein‘ >  schiena ‚Rücken‘ 156
  skinkâ ‚Schenkel‘ >  stinco ‚Unterschenkel‘  156
 strozza  ‚Gurgel‘ >  strozza ‚Gurgel‘, strozzare ‚erwürgen‘  170
 wangja  ‚Wange‘ >  guancia ‚Wange‘  170
zann ‚Zahn‘ > zanna Reißzahn, Hauer‘ 172
 zizza ‚Zitze, Brustwarze‘
>  zizza ‚weibliche Brust‘ (Veneto)  174

Je nach Bezeichnung lässt sich die Integration ins romanische Lexikon unterschiedlich gut  nachvollziehen. Sehr plausibel sind die Fälle, wo es zum langobardischen Wort keine direkte Entsprechung im Lateinisch-Romanischen gibt, wie etwa für die KNÖCHEL; in gewisser Hinsicht füllt die Entlehnung hier eine Bezeichnungslücke.

Einen ähnlichen semantischen Prozess, der eindeutige Bezeichnungen schafft, könnte man vermuten, wenn auffällige Polysemien durch die Entlehnung beseitigt werden, wie vielleicht im Fall der WANGE. Im Lateinischen wird dieser Teil des Gesichts mit dem Wort bucca (vgl. Georges s.v.) bezeichnet; nun erfährt dieser Ausdruck eine metonymische Verschiebung und wird zur Bezeichnung von MUND (vgl. ita. bocca, fra. bouche, spa./port. boca). Es ist aber kaum vorstellbar, dass eine ältere Bedeutung zu irgendeinem Punkt der Sprachgeschichte schlagartig durch eine neue Bedeutung ersetzt wird; vielmehr ist damit zu rechnen , dass während eines mehr oder weniger langen Zeitraums beide Bedeutungen koexistierten; der Ausdruck war während dieses Zeitraums homonym. Für Zweisprachige bietet es sich in dieser Phase an, im Sinne der Eindeutigkeit auf ein semantisch passendes Wort der Zweitsprache zurückzugreifen, also etwa auf langobardisch wangja. Dieser Vorteil der Eindeutigkeit macht den Ausdruck hinreichend attraktiv für einsprachige Sprecher des Romanischen, so dass er sich über das zweisprachige Milieu hinaus verbreitet und in das Romanische integriert (entlehnt) wird.

Entstehung von Polysemie und Beseitigung durch Entlehnung

Auf Anhieb nicht so leicht verständlich sind die Entlehnung, die zur Entstehung von Synonymen führen, wie milza und schiena; im ersten Fall ist das lateinische Wort splen ‚Milz‘ (Georges s.v.) in Dialekten erhalten; im zweiten Fall existiert auch im Standard noch ein Fortsetzer des lateinischen dorsum (Georges s.v.).

Nicht übersehbar ist weiterhin eine ganze Gruppe von Bezeichnungen für Gegenständ, bzw. Formen aus HOLZ; sie verhalten sich sozusagen spiegelverkehrt zur lateinischen Terminologie des Steinbaus, die ins Germanische entlehnt wurde: vgl.

Entlehnungen aus dem onomasiologischen Feld HOLZ
Langobardisch Standarditalienisch Seite in Gamillscheg 1934, Bd. II
balk ‚Balken‘ palco ‚hölzerne Decke, Boden‘  
banka/panka ‚Bank‘ panka ‚Bank‘, auch banca, banco ‚Geldinstitut‘ 131
brëdel ‚Brett‘ predella ‚hölzerner Sockel‘ 135
skaff ‚Gestell‘ scaffale ‚Bücherregal‘ 154
skranna ‚Bank, Tisch‘ scranna ‚hölzerner Richterstuhl‘ 157
spahhan ’spalten‘ spaccare ’spalten‘ 160
stëk ‚Stab, Pflock‘ stecco ‚trockener Zweig ohne Blätter‘ 162
wald ‚Wald‘
gualdo ‚Wald‘ (veraltet) 169

3.3. Ein kulturgeschichtliches Leitwort: it. staffa ‚Steigbügel‘

Die Wanderungs- und Akkulturationsgeschichte Geschichte der Langobarden lässt sich exemplarisch am STEIGBÜGEL festmachen; wie es scheint, ist dieser in der Antike unbekannte Ausrüstungsgegenstand mit dem reiternomadischen Volk der Awaren nach Europa gekommen; da die ältesten Funde in Europas in drei ungarischen Gräbern der Awarenzeit (Funddatierungen zwischen 565 — 670 n. Chr.) entdeckt wurden; die Tote wurden nicht nur mitsamt ihrer Pferde und dem wertvoll geschmückten Zaumzeug bestattet, sondern „erstmals wurden schmiedeeiserne Steigbügel mitgegeben“ (Bóna 1985, , Anm. 1). Im selben Zusammenhang mit dem Pferdegeschirr und der Reiterei sind weiterhin „die neue Art des Zaunzeugs, der Steigbügel, das Stangengebiß und der hohe Sattelknopf“ zu nennen, sowie „später der Lamellenpanzer und der panzerbrechende Speer“ (Bóna 1985, 9 ). Diese militärtechnisch bedeutsamen Verbesserungen haben sich schnell verbreitet; sprachlich interessant ist speziell der Steigbügel, genauer gesagt seine italienische Bezeichnung staffa, die auf langobard. *staffa (Treccani, s.v.) zurückgeht. Wie scheint, haben die Langobarden das Reiten mit Steigbügeln also bei den Awaren kennengelernt, sich zu eigen gemacht und weiter nach Italien verbreitet. Noch in den neuen Dialekten deckt sich die Verbreitung der Entlehnung erstaunlicherweise mit dem Langobardenreich in seiner größten Ausdehnung, wie die Gegenüberstellung der beiden folgenden Karte zeigt:

ital. staffa ‚Steigbügel‘ (nach AIS 1232_2)


 

Langobardenreich zur Zeit seiner größten Ausdehnung (751 n.Chr.)

4. Eine offene Frage: Das Langobardische und die oberdeutschen Dialekte

Die Präsenz der Langobarden ist jedoch nicht nur im Hinblick auf die Beeinflussung der romanischen Sprachen und ihren Beitrag zur deren Ausdifferenzierung von sprachwissenschaftlichem Interesse; sie betrifft ganz direkt auch einen ganz zentralen – und wenig klaren Fragenkomplex der Germanistik, nämlich die geoliguistische Verbreitung und womöglich auch die Entstehung der so genannten 2. oder hochdeutschen Lautverschiebung; dieser mögliche Zusammenhang kann hier jedoch nur angedeutet werden. Jedenfalls massieren sich die unter diesem Etikett zusammengefassten Lautwandelprozesse (link) massieren sich im süddeutschen Sprachraum, wie die folgenden Karte zeigt; es spricht also alles dafür, dass sich diese phonetischen Prozesse ausgehend vom Süden verbreitet haben:

zweite Lautverschiebung (https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Lautverschiebung#/media/File:Heutige_deutsche_Mundarten.PNG)

Nun finden sich die frühesten Belege jedoch bereits in den wenigen erhaltenen Wörtern des Langobardischen (vgl. Van Der Rhee 1976) im Unterschied zum Gotischen. Ein Beispiel ist sculdhais ‚Schuldheiß‘ (Edictus Rothari § 15):

„Schultheiß Sm erw. obs. (8. Jh.), mhd. schultheizeahd. sculdheizoas. skuldhētio. Aus wg. *skuldi-hait(j)ōn m. ‛Schultheiß’, auch in ae. scyldhǣta f.afr. skeltā(ta); mit vielen Vereinfachungen, z.B. nhd. Schulze. Ein alter Amtstitel (zu Schuld und heißen), vermutlich mit der Ausgangsbedeutung ‛der die Schuld (Leistung) anordnet, der die Pflichten festsetzt’.“ ( , Online-Ausgabe, o.S.)

Wie soll man diesen Befund deuten? Es ergeben sich (mindestens) die drei folgenden Verbreitungsszenarien.

  1. Die von der Zweiten Lautverschiebung erfassten Dialekte haben die Prozesse aus einem gemeinsamen Ursprungsgebiet mitgebracht; die Sprachwissenschaft fasst das Langobardische deshalb mit dem Alemannischen deshalb als ‚Elbgermanisch‚.
  2. Die Prozesse sind nordalpin, im Alemannischen und Bairischen entstanden und haben sich teilweise nach Norden, in Mitteldeutsche, und nach Süden, ins Langobardische, verbreitet.
  3. Die Prozesse sind südlich der Alpen entstanden und haben sich nach Norden verbreitet.

Die Szenarien (1) und (2) passen schlecht zur heute allgemein geltenden Auffassung, das Bairisch sei in situ im heutigen Südostdeutschland entstanden, und nicht durch einen germanischen Stamm dorthin gebracht worden.  Das entstehende Bairische hätte also die phonetischen Prozesse aus dem Alemannischen übernehmen müssen, was historisch nicht sehr plausibel ist.

Überhaupt muss festgehalten werden, dass die unbestrittene Verbreitung der Zweiten Lautverschiebung von Süden nach Norden der politisch das Frühmittelalter prägenden Expansion des Frankenreichs entgegenläuft, denn diese mächtige Bewegung erfolgt von Nordwesten her, wie die folgende Karte zeigt:

Die Ausdehnung des Frankenreichs (https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A4nkisches_Reich#/media/File:Frankish_Empire_481_to_814-de.svg)

Mächtigster Gegener der fränkischen Expansion nach Südosten waren jedoch eben die Langobarden, so dass es den Franken erst nach deren Niederlage möglich wurde, auch das heutige Bayern, Österreich sowie Nord- und Mittelitalien einzugliedern. Es wäre daher zu überlegen, die Entstehung der Zweiten Lautverschiebung im jahrhundertelangen Sprachkontakt mit dem Romanischen zu suchen, dem das Alemannische und Langobardische ausgesetzt waren und der auch die Entstehung des Bairischen konditiert haben muss.

Immerhin finden sich im Romanischen unter spezifischen Bedingungen Parallelen zum Wandel von /t/ > /ts/, vgl. lat. nationem > ita. nazione,  und ansatzweise auch zur Verschiebung von /k/ > /ch/, denn speziell in der alpinen Kontaktzone wird lat. /k/ vor /a/ zu [tj] (vgl. z.B. AIS 1099 ). Die Verschiebung von /p/ > /pf/ findet immerhin in intervokalischer Stellung ihre Entsprechung in der Westromania (vgl. AIS 1360 rapa).

Frühe Entlehnungen (rom. ↔ germ.)

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Die frühe Phase des germanisch-romanischen Sprachkontakts ist teils auf der Ebene der SPRACHE – areal – in den Provinzen Germania inferior, Germania superior, Raetia und eventuell in Dacia zu verorten (vgl. Gamillscheg 1934-19363Dieses monumentale Werk bleibt eine wichtige Referenz, und es wäre ungerecht darin ein Forschungsprodukt zu sehen, das unter den Bedingungen des Nationalsozialismus entstanden wäre; gleichwohl wurde es zu Beginn des Regimes publiziert und kritische Lektüre ist unbedingt erforderlich, um manche unnötig wertende, germanophile Interpretation zu erkennen. Der Autor selbst war kein Mitglied der NSDAP und hat 1934 die jüdische Romanistin Renée Kahane promoviert (vgl. <https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9e_Kahane>). Andererseits war Gamillscheg von 1940-1943 Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts (DWI) in Bukarest und insofern in offizieller Mission tätig; vgl. zur zeitgeschichtlichen Einordnung von Gamillscheg den wichtigen Artikel von Hausmann 1998. - Der ideologische Hintergrund maßgeblicher Arbeiten zum germanischen Einfluss in der Romania kann im Rahmen einer Fußnote allenfalls angedeutet werden; er wird in dieser Vorlesung als eigentlicher Gegenstand der Fachgeschichte nicht thematisiert (vgl. Hausmann 2008)., 233-266), teils unabhängig davon auf der Ebene der SPRECHER zu sehen, nämlich im Zusammenhang mit germanischen Söldnern und hörigen germanischen Bauern auf römischem Boden (lat. laeti; vgl.   , s.v. laetus]) die von Gamillscheg im folgenden Zitat als Leten bezeichnet werden. Kennzeichnend ist eine stark ausgeprägte Asymmetrie der Beeinflussung:

So ausschlaggebend der römische Einfluss auf Kultur und Sprache dieser germanischen Stämme war, so gering war die Gegenwirkung, und zwar nicht nur seitens jener Germanen, die in den Randgebieten lebten, sondern auch seitens der Tausende und Abertausende, die als Soldaten in das römische Herr traten, als Sklaven ins Reich kamen oder als Leten von den Römern angesiedelt wurden. (Gamillscheg 1934-1936, 25 f.)   

Nur ganz vereinzelte Ausdrücke sind schon so früh in das Lateinische entlehnt worden, dass sie sich in alle Gebiet der Romania verbreiten konnten; eine Zuordnung zu spezifischen germanischen Gruppen ist nicht möglich, auch deshalb nicht, weil etliche der von Tacitus genannten Stämme sich schon in der Spätantike nicht mehr identifizieren lassen. Der mit dem Ausgang der Antike wichtig werdende Stamm der Franken ist dagegen in der frühen Phase noch nicht belegt . Nennen lässt sich immerhin germ. *saipôn,  mit dessen Kognaten heute in den romanischen Sprachen (wie in den germanischen) die SEIFE bezeichnet wird. Grundsätzlich ähnlich, wenngleich nur wenig verbreitet sind die germ. Bezeichnungen des DACHSES (vgl. FEW 13/1, s.v. taxo) und der GANS (vgl. ganta zu burteilen. Bereits erwähnt zwei germanische Bezeichnungen  für den ELCH (vgl. alces) und den  AUEROCHSEN (vg. urus), die gewissermaßen als Exotismen in den lateinischen Wortschatz Eingang fanden und als bildungssprachliche Ausdrücke in den romanischen Sprachen weiterleben – beide Tiere kamen und kommen ja im romanischsprachigen Gebiet nicht vor.

5. Die Regionalität und relative Chronologie der Lautentwicklungen

Für die sprachgeschichtliche Bestimmung der Entlehnungszeit ist die Analyse der lautlichen Gestalt von grundlegender Bedeutung, sowohl im Hinblick auf die Herkunftssprache wie auf die entlehnende Sprache. Alle Entlehnungen unterliegen im Prinzip jeweils den regionalen Lautentwicklungen, die sich nach der Entlehnungszeit in  der entlehnenden Varietät ergeben. Um sich die Form vorstellen zu können, in der ein Wort entlehnt wurde, muss man daher von der lautlichen Entwicklungen der entlehnenden Sprache abstrahieren. Auf der anderen Seite hat sich je auch die lautliche Gestalt in der Ursprungssprache u.U. stark verändert, so dass die Rekonstruktion der Inputform ebenfalls wichtig für die zeitliche Präzisierung ist. Wegen ihrer Regelmäßigkeit werden die phonetischen Veränderungen traditionell oft als ‚Lautgesetze‚ bezeichnet; allerdings ist stets mit Ausnahmen und Sonderentwicklungen zu rechnen, so dass dieser Ausdruck besser vermieden wird.  Die Regelmäßigkeit des Lautwandels soll an zwei Beispielen gezeigt werden. 

5.1. Beispiel 1: die gallo- und ‚räto’romanische Palatalisierung von /k/ vor /a/ 

Das lat. Phonem /k/ hat sich in den romanischen Sprachen je nach seiner lautlichen Umgebung sehr unterschiedlich entwickelt.

  • vor den velaren, gerundeten Vokalen /u/, /ʊ/, /o/ und /ɔ/ wurde der Plosiv erhalten (nicht palatalisiert);  
  • vor den palatalen Vokalen, nicht gerundeten /i/, /e/ und /ɛ/wurde der Plosiv außer im Sardischen ‚palatalisiert‘, d.h. sein Artikulationsort wurde nach vorn, zum Palatum verschoben, so dass sich zunächst Affrikate entwickelten, die später in manchen Gegenden zu Frikativen reduziert wurden:
allgemeine romanische Palatalisierung: /k/  + /i/, /ɪ/, /e/, /ɛ/  (analog /g/)

lat. civitatem [kivi′tate(m)] ‚Stadt‘ (Akk. von civitas

> rum. cetate [ʧ-]

palatalisiert

> ita. città [ʧ-]
> engad. cited  [ʧ-]
> fra. cité [s-], altfra. [ts-]
> katal. ciutat [s-]
> span. ciudad [θ-]
> port. cidade [s-]
lat. circum  [′kirku(m)] ‚Kreis‘ (Akk. von circus)  > sard. kirku nicht palatalisiert
  • vor dem offenen /a/ blieb der Plosiv, außer im Fra. und ‚Rätoromanischen (Bündnerromanisch, Ladinisch und Friaulisch), erhalten:
gallo- und ‚räto’romanische Palatalisierung: /k/  + /a/  (analog /g/)

lat. caput [′kaput] ‚Kopf‘        

> rum. cap [k-]

nicht palatalisiert

> ita. capo [k-]
> sard. kabu [k-]
> katal. cap [k-]
> span. cabo [k-]
> port. cabo [k-]
> fra. chef [ʃ-], altfra. [ʧ-] palatalisiert
> engad. cho  [ʨ-]

So hat sich z.B. der Anlaut /k-/ des bei Plinius genannten und wohl ins Lateinische entlehnten germ. Ausdrucks ganta ‚Wildgans‘ > altfra. jante [ʤ-] genauso entwickelt, wie in lat. gălbĭnus ‚gelbgrün‘ zu fra. jaune [ʒ-], altfra. [ʤ-] ‚gelb‘ (vgl. FEW 4, 24-27, s.v. gălbĭnus). Diese lautlichen Unterschiede gestatten oft eine genauere Rekonstruktion, in welche Epoche eine Form entlehnt wurde und wie sie sich anschließen in der Romania/Germania verbreitet hat:  wenn sich z.B. kat./okz. ganta [g-] und altfranzösisch jante [ʤ] gegenüber stehen, ist selbstverständlich, dass ganta nicht aus einer bereits phonetisch ausdifferenzierten frühen nordgalloromanischen (‚französischen‘) Varietät stammen kann, sondern eine noch undifferenzierte frühere Phase repräsentieren muss,

Im Gegensatz dazu ist das palatalisierte ita. giardino nicht direkt auf Kontakt mit dem germ. gart/garto zurückzuführen, sondern eine Entlehnung aus dem Fra., denn dort – und nur dort – ist der germ.  Anlaut ga- ganz regelmäßig, nämlich im Zuge der Veränderung des Galloromanischen zur Affrikate geworden  ist.

Im Hinblick auf die die frühen lateinisch-romanischem Entlehnungen im Germanischen ist auffällig, dass in etlichen Fällen jede Spur der allgemeinen romanischen Palatalisierung des anlautenden /k-/ vor palatalen Vokalen fehlt, obwohl dieser Prozess laut (I, § 152, S. 201) wohl schon im dritten Jahrhundert, also 200 Jahre vor dem Zusammenbruch der administrativen Infrastruktur, mit der Variante [kj-] einzusetzen scheint.  Hier einige Beispiele:

  • deu. Kirsche < lat. cerasium (Kluge & Seebold 2011, 493), seinerseits bereits eine gr. Entlehnung;
  • deu. Kiste < lat. cĭsta ‚Kasten‘ (Kluge & Seebold 2011, 493) sowie ( ), Sp. 1178), außer der Palatalisierung fehlt auch Hinweise auf die vulgärlateinische Öffnung ĭ > e;
  • deu. Keller < lat. cellarium ‚Vorratsraum‘ ((Kluge & Seebold 2011, 486), einer Suffixableitung von cella (vgl. ( ), Sp. 1063);
  • deu. Kellner < lat. cellenarius dissimiliert aus cellerarius (Kluge & Seebold 2011, 486) bzw. cellararius (vgl. ( ), Sp. 1064), ein Typ, der so im Romanischen nicht zu existieren scheint.

Dieser Gruppe stehen andere Beispiele mit Palatalisierung gegenüber:

  • deu. Zelle < lat. cella ‚Kammer‘ (vgl. 1063)
  • deu. Zwiebel < lat. cepŭlla (vgl. , s.v. cēpula, sowie altfra. cevole, cibole (vgl. neufra. ciboulette ‚Schnittlauch‘) und fra. Dialektformen in FEW s.v., 2, 593 f. )

Es liegt nahe, in diesen Formen spätere Entlehnungen mit jüngerem romanischen Lautstand zu vermuten. Angesichts fehlender früher Textbelege ist es schwer, wenn nicht unmöglich einen Nachweis zu führen. Denkbar ist ja auch Koexistenz palatalisierter und nicht palatalisierter Varianten im Romanischen der Entlehnungszeit.

In jedem Fall wäre es erforderlich, im Sinne einer interlingualen Geolinguistik grundsätzlich und konsequent auf der Ebene der Dialekte zu argumentieren, was vor allem im Hinblick auf die deutsche Forschungslage oft nicht möglich ist. Ein illustratives Beispiel liefert der Typ Keller im deutschsprachigen Alpenraum; vgl. auch den Ortsnamen Kellmünz an der Iller < Caelio Montem (bzw. Caelius Mons).

5.2. Beispiel 2: die so genannte zweite Lautverschiebung

Eine besonders wichtige Rolle unter der Lautwandelprozessen der germanischsprachigen Gebiets spielt die so genannte zweite Lautverschiebung, denn sie gestattet es, das germanische Kontaktgebiet in drei Zonen einzuteilen,  je nachdem, ob sie vollständig (Alemannisch, Südbairisch), teilweise (mitteldeutsche Dialekte) oder gar nicht (niederdeutsche Dialekte) durchgeführt wurde. Zur Datierung heißt es im detaillierten Wikipedia-Artikel:

Abgesehen von þ → d war die Hochdeutsche Lautverschiebung vor den Anfängen der Schriftlichkeit des Althochdeutschen im 9. Jahrhundert eingetreten. Eine Datierung der verschiedenen Phasen ist daher nur annäherungsweise möglich. Unterschiedliche Schätzungen erscheinen gelegentlich, z. B. bei Waterman, der behauptete, dass die ersten drei Phasen ziemlich nahe aufeinander folgten und auf alemannischem Gebiet um 600 n. Chr. abgeschlossen waren, aber noch zwei oder drei Jahrhunderte brauchten, um sich nach Norden auszubreiten.

Manchmal helfen historische Konstellationen bei der Datierung; z. B. wird durch den Fakt, dass Attila im Deutschen Etzel genannt wird, bewiesen, dass die Phase 2 nach der Hunneninvasion im 5. Jahrhundert produktiv gewesen sein muss. Die Tatsache, dass viele lateinische Lehnwörter im Deutschen verschoben erscheinen (z. B. lateinisch strata → deutsch Straße), hingegen andere nicht (z. B. lat. poena → dt. Pein), erlaubt die Datierung des Lautwandels vor oder nach der entsprechenden Periode der Entlehnung. Jedoch sind die nützlichsten chronologischen Datenquellen deutsche Wörter, die in lateinischen Texten der spätantiken und frühmittelalterlichen Periode zitiert werden. (Wikipedia)

Die folgende Tabelle gibt einige – zufällig zusammengestellte – Beispiels verschobener und unverschobener Latinismen der deu. Standardsprache; eine seröse quantitative Untersuchung wäre interessant. 

 

einige Latinismen der deutschen Standardsprache
mit Lautverschiebung ohne Lautverschiebung
Pfeiler < lat. pilarium zu pila (Kluge & Seebold 2011, 697) Pille < lat. pilula ‚Kügelchen‘ zu pila (Kluge & Seebold 2011, 707)
Pferch < lat. parricus (Kluge & Seebold 2011, 697) Planke < lat. planca ‚Bohle‘ (Kluge & Seebold 2011, 709)
Pferd < lat. paraveredus (Kluge & Seebold 2011, 697)  
Pfau  < lat. pavo (Kluge & Seebold 2011, 697)  
Pfeffer < lat. piper (Kluge & Seebold 2011, 697 )  
Pfalz < lat. palatia (Kluge & Seebold 2011,696)  
Pfirsich < lat. (malum) persicum (Kluge & Seebold 2011, 698)  
Pfeife < lat *pipa, zu pipare (Kluge & Seebold 2011, 697)  
Pfütze < lat. puteus ‚Grube, Brunnen‘ (Kluge & Seebold 2011, 701)  
Pfund < lat. pondu(m) ‚Gewicht‘ (Kluge & Seebold 2011, 701)  
Pfosten < lat. postis Türpfosten (Kluge & Seebold 2011, 700)  
Pilz < lat. boletus (Kluge & Seebold 2011, 706)  

Die Tatsache, dass sich die lateinisch-romanischen Entlehnungen im Deutschen in Hinblick auf die zweite Lautverschiebung als nicht einheitlich erweisen, ist allerdings komplizierter und je im Einzelfall zu beurteilen. Oft bestehen auf der Ebene der Dialekt in regionaler Komplementarität verschobene und unverschobene Varianten.  So steht neben neben süd- und hochdeutsch Straße niederdeutsch und niederländisch Straat (vgl. eng. street) < lat. strata (vgl.  , 2816). Ähnlich verhält es sich bei (< lat. campus ‚Feld‘), das ins Niederdeutsche als Kamp ‚Wiese‘  und ins Süddeutsche als Kampf (vgl. zu beiden Kluge & Seebold 2011, 468) entlehnt wurde. 

Es ergeben sich mindestens die folgenden Möglichkeiten:

  • die unverschobene Variante (Typ straat) wurde im heute niederdeutschen Gebiet (Rheinland) entlehnt, verbreitete sich nach Süden und die Formen im Süden unterlagen dann der Lautverschiebung;
  • derselbe Typ wurde sowohl im Niederdeutschen als auch im süddeutschen Kontaktgebiet entlehnt und nur die süddeutsche Varianten wurde dann verschoben und gelangten  später in die Standardsprache.
  • Die lateinisch-romanische Form wurde nur im heute niederdeutschen Gebiet (Rheinland) früh entlehnt, daher nicht verschoben und später in die Standardsprache übernommen.
  • Die lateinisch-romanische Form wurde nur im heute niederdeutschen Gebiet (Rheinland) entlehnt, allerdings erst nach Abschluss der Lautverschiebung, und später in die Standardsprache übernommen.

Bei der Einschätzung rezenter süddeutscher Dialektbelege ist also stets abzuwägen, ob Sie erst mit der Hochsprache gekommen sind, oder ob es sich um die Vorgänger, die Basis der hochsprachlichen Ausdrücke handelt. 

Spezielle Verhältnisse ergeben sich bei der Untersuchung von Namen, da oft ältere, also zum Beispiel unverschobene Formen konserviert werden (vgl. exemplarisch Strad).