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Der Begriff des Zeichens

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): Der Begriff des Zeichens. Lehre in den Digital Humanities. Version 5 (11.06.2017, 17:56). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=35950&v=5.

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Omnis mundi creatura quasi liber et pictura nobis est, et speculum.“

‚Jede Kreatur der Welt ist für uns gewissermaßen ein Buch, ein Bild und auch ein Spiegel‘

(Alanus ab Insulis, *ca. 1120-1202; zit. in Umberto Eco, Der Name der Rose und in Trabant 1989, 38)

1. Eine antike Tradition

Die Semantik befasst sich mit der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke; sie fußt auf der Semiotik, d.h. auf der Theorie des Zeichens. Dieser Begriff spielt in der europäischen Geistesgeschichte eine ganz zentrale Rolle; eine in grundlegenden Punkten bis heute gültige Definition wurde bereits von Augustinus (354-430 n. Chr.)  formuliert. Dort heißt es:

Signum est enim res, praeter speciem quam ingerit sensibus, aliud aliquid ex se faciens in cogitationem venire  (Agustinus, De doctrina christiana, Liber sec. 1, 1)

‚Denn ein Zeichen ist ein Ding, etwas, das außer dem, was es den Sinnen bietet, aus sich heraus etwas Anderes in den Verstand kommen lässt‘.  

Die folgenden Bestimmungen verdienen festgehalten zu werden:

  • das Zeichen wird mit den Sinnesorganen (sensibus) wahrgenommen; es hat eine perzeptive Realität oder Materialität;
  • das Zeichen vermittelt etwas anderes (aliquo) als sich selbst; es liefert also Informationen;
  • die Zeicheninformation wird im Verstand (in cogitationem) verarbeitet und ist das ein Produkt kognitiver Prozesse.

Im direkten Anschluss an die zitierte Stelle nennt Augustinus sodann einige Beispiele: Der Anblick einer Fußspur (lat. vestigium) lässt uns an das Tier denken, das vorbeigezogen ist und die Spur hinterlassen hat; am Rauch erkennen wir, dass ein Feuer als Ursache zu Grunde liegt; beim Hören der Stimme (voce audita) nehmen wir die Stimmung (affectionem aninmi)  des Lebewesens wahr, und die Soldaten erfahren durch den Klang der Trompete (tuba sonante), ob sie vorrücken oder zurückweichen sollen, oder ob etwas anderes zum Kampf aufruft. 

sicut vestigio viso, transisse animal cuius vestigium est, cogitamus; et fumo viso, ignem subesse cognoscimus; et voce animantis audita, affectionem animi eius advertimus, et tuba sonante milites vel progredi se vel regredi, et si quid aliud pugna postulat, oportere noverunt. (Agustinus, De doctrina christiana, Liber sec. 1, 1)

Die augustinische Konzeption wurde in der mittelalterlichen Philosophie (‚Scholastik‘) auf die griffige Formel

‚aliquid stat pro aliquo‘ – ‚etwas steht für etwas anderes‘

gebracht, die man als allgemein gültige, minimale Definition des Zeichens betrachten darf.

Weiterhin streicht Augustinus die besondere Wichtigkeit der sprachlichen Zeichen heraus. Denn die oben genannten Zeichen (SPUR, STIMME, TROMPETENKLANG) sind  – so Augustinus – im Vergleich mit den Worten sehr gering an Zahl. Die Worte nehmen daher im menschlichen Verkehr durchaus die erste Stelle ein und drücken Alles aus, was man überhaupt mitteilen will. Im Original:

Sed haec omnia signa verbis comparata paucissima sunt. Verba enim prorsus inter homines  obtinuerunt principatum significandi quaecumque animo concipiuntur, si ea quisque prodere velit. ((Agustinus, De doctrina christianaLiber secundus 3, 4)

Für die spezielle Rolle der sprachlichen Zeichen wurde wohl auf der Grundlage von Ausgustinus im Mittelalter der Lehrsatz geprägt:“Verba (voces) signifant res mediantibus conceptibus“;

‚Wörter bezeichnen Dinge vermittels Begriffen‘, oder: Wörter stehen für Dinge auf Grundlage einer begrifflichen Verknüpfung. 

Ein genauer Urheber dieser Formel ist allerdings nicht bekannt. – Die Zeichentheorie ist also weitaus älter als die Sprachwissenschaft; mit dieser lapidaren Festsstellung können wir uns hier begnügen. Es ist in diesem Zusammenhang weder möglich noch notwendig ihre niemals unterbrochene Geschichte nachzuzeichnen (vgl. Eco 1977). Wichtig ist jedoch, dass die Zeichentheorie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Fokus unterschiedlicher Wissenschaften rückte (Logik, Psychologie) und insbesondere bei der Entwicklung der modernen, systembezogenen Sprachwissenschaft eine grundlegende Rolle spielte. Im einzelnen sind sogar mehrere zeichentheoretische Ansätze zu unterscheiden, die sich grosso  modo in Europa einerseits und den USA andererseits verorten lassen.

2. Das diadische/zweipolige Zeichenmodell von Saussure (und dem europäischen Strukturalismus)

Als Begründer der neueren Linguistik wird in etwas (sehr) vereinfachender Sicht in der Regel der Schweizer Ferdinand de Saussure genannt. Seine Sprachauffassung, die als strukturalistisch bezeichnet wird, zielt nicht auf den Sprachwandel  – sie ist nicht ‚diachron‘ -, sondern auf die Beschreibung des sprachlichen Systems (fra. langue) zu einem bestimmten Zeitpunkt; sie versteht sich ’synchron‘. Elementare Bausteine dieses Systems sind eben sprachliche Zeichen, für die Saussure eine spezifische theoretische Modellierung sowie eine neue und präzise Terminologie vorschlägt.

Das Zeichen wird hier als eine zwei dimensionale Einheit gefasst, genauer gesagt als Verbindung eines wahrnehmbaren ‚Ausdrucks‘ (fra. signifiant, ita. significante) und eines damit assoziierten ‚Inhalts‘ (fra. signifié, ita. significato). In dieser Sehweise ist der Inhalt – die Bedeutung, bzw. das Konzept – also Bestandteil des Zeichens selbst:

Le signe linguistique unit non une chose et un nom, mais un concept et une image acoustique. Cette dernière n’est pas le son matériel, chose purement physique, mais l’empreinte psychique de ce son, la représentation que nous en donne le témoignage de nos sens ; elle est sensorielle (Saussure 1972, 98).

In dieser Definition unterscheidet sich der linguistische Begriff des Zeichens scharf von der alltagssprachlichen Verwendung des Ausdrucks.

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Da jedes sprachliche Zeichen jedoch zu einer spezifischen Einzelsprache gehört, wird auch die Bedeutung   so zu einer einzelsprachlichen Kategorie.

Saussure konzentriert sich auf das sprachliche Zeichen; er versteht die Sprachwissenschaft zwar als Teilbereich einer allgemeinen Zeichenwissenschaft, die er nicht als ‚Semiotik‘ sondern als sémiologie bezeichnet:

On peut donc concevoir une science qui étudie la vie des signes  au sein de la vie sociale ; elle formerait une partie de psychologie sociale, et par conséquent de la psychologie générale : nous la nommerons  sémiologie (du grec sēmeîon, «signe»). […] La linguistique n’est qu’une partie de cette science générale, (Saussure 1972, 33)

‚Man kann also eine Wissenschaft konzipieren, die das Leben der Zeichen inmitten des sozialen Lebens studiert; sie würde einen Teil der Sozialpsychologie und folglich der allgemeinen Psychologie darstellen: wir werden sie Semiologie nennen (nach dem griechischen sēmeîon, «Zeichen»). […] Die Linguistik ist nur ein Teil dieser allgemeinen Wissenschaft.‘ (Übers. Th.K.) 

Par là, non seulement on éclairera le problème linguistique, mais nous pensons qu’en considérant les rites, les coutumes, etc… comme des signes, ces faits apparaîtront sous un autre jour, et on sentira le besoin de les grouper dans la sémiologie et de les expliquer par les lois de cette science. (Saussure 1972 [1916], 35)

Eine allgemeine Typologie der Zeichen wird vor diesem weiten Hintergrund jedoch nicht formuliert. Man beachte, dass Saussure das Zeichen einerseits als eine ‚psychische‘ (modern gesprochen: kognitive) Kategorie bestimmt, andererseits aber sehr stark ihre soziale Verankerung „au sein de la vie sociale“ (‚inmitten des sozialen Lebens‘) betont; das zeigen auch die angeführten Beispiele für die nicht sprachliche Zeichen („les rites, les coutumes“).  

3. Das triadische Zeichenmodell der amerikanischen Semiotik und Pragmatik  

Eine solche allgemeine Semiotik war bereits einige Jahre vor Saussure durch den US-Amerikaner Charles Sanders Peirce (vgl. Hoffmann 2001) ausgearbeitet worden, wie es scheint ohne zeitgenössisches Echo in Europa. Sie ist genauer gesagt Kern einer komplexen Erkenntnistheorie, die hier nicht skizziert werden kann. Es sollen lediglich die ganz anders ausgerichteten Grundzüge dieser Zeichentheorie skizziert werden, die zunächst in der amerikanischen Philosophie und Sprachwissenschaft und mit einer Verzögerung auch in Europa stark gewirkt haben (vgl.Trabant 1989, 34-39).  

Peirce‘ Konzeption beruht auf der bereits aus der Scholastik bekannten triadischen Relation   zwischen den folgenden Konstituenten:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1476621850 Peirce

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In dieser Sicht ist ein Zeichen:

alles, unabhängig von seiner Seinsweise, (…) was zwischen einem Objekt und einem Interpretanten vermittelt (…). Das Objekt und der Interpretant sind also lediglich die zwei Korrelate des Zeichens; das eine ist das Antezedens, das andere das Konsequens des Zeichens (Peirce 1907, SEM III 253 = EP 2, 410; zitiert in Hoffmann 2001)

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Das ‚Zeichen‘  wird hier  gleichgesetzt mit dem ‚Repräsentamen‘ also mit dem, was wahrgenommen (oder: perzpiert) wird. Allerdings wird an anderer Stelle auch der ‚Interpretant‘ als ‚Zeichen‘ bestimmt:

Ein Zeichen, oder Repräsentamen, ist etwas, das für jemanden in einer gewissen Hinsicht oder Fähigkeit für etwas steht. Es richtet sich an jemanden, d.h., es erzeugt im Bewußtsein jener Person ein äquivalentes oder vielleicht ein weiter entwickeltes Zeichen. Das Zeichen, welches es erzeugt, nenne ich den Interpretanten des ersten Zeichens. Das Zeichen steht für etwas, sein Objekt. Es steht für das Objekt nicht in jeder Hinsicht, sondern in bezug auf eine Art von Idee, welche ich manchmal das Fundament (ground ) des Repräsentamens genannt habe. (Peirce CP 2.228, 1897)

In diesem Sinne wäre jede mentale Repräsentation einer Wahrnehmung, d.h. jede Erinnerung an eine Wahrnehmung auch ein Zeichen. Natürlich repräsentiert die Erinnerung, z.B. an eine Person, im Gedächtnis/Bewusstsein diese Person; es ist jedoch irreführend ‚Erinnerung‘ und ‚Zeichen‘ gleichzusetzen. Denn Erinnerungen sind als solche eben gerade nicht perzipierbar und daher rein individuell. Wir können anderen unsere Erinnerungen berichten, aber weitergeben, so wie man z.B. ein Photo per Whatsapp weiterleitet, können wir sie nicht.  Ein Zeichen, wie etwas ein Photo, besitzt dagegen eine Existenz jenseits und außerhalb des individuellen Wissens, so dass es grundsätzlich für mehrere Individuen perzipierbar ist. Zeichen haben deshalb eine soziale Dimension und speichern Wissensbestände, die Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften zugänglich sind. Sie tragen im Übrigen nicht unerheblich zur Entstehung, Aufrechterhaltung und Differenzierung dieser sozialen Ordnungen bei und bilden einen potentiellen Faktor sozialer Identitätsbildung.   

Es mag mit dieser Ausweitung des Zeichenbegriffs zusammenhängen, dass sich der Terminus ‚interpretant‘ nicht durchgesetzt hat. Peirce hat weitere Differenzierung, die zum Teil ebenfalls in das semiotische und/oder sprachwissenschaftliche basiswissen eingegangen sind. So werden drei Unterklassen von des Repräsentamina differenziert (vgl. Hoffmann 2001), nämlich

  1. Qualizeichen (tone), d.h. zeichenhaft wahrgenommene Eigenschaften, z.B. die besondere Still eines Raumes,
  2. Sinzeichen (token), d.h. einzelne Realisierungen von Zeichen, z.B. ein ausgesprochenes oder geschriebenes Wort,
  3. Legizeichen (type), d.h. Zeichen, die für Klassen stehen, z.B. mit ital. cane können sämtlich HUNDE der Welt bezeichnet werden.

Die an erster Stelle genannten Termini sind zwar nicht sehr populär geworden, aber die Unterscheidung von ‚Token‘ (2.)  und ‚Type‘ (3.) ist fundamental, speziell für quantitative Untersuchungen. Ein Sprichwort wie:

  • A chi tocca tocca e a chi non tocca non tocca

besteht aus 11 Tokens (den jeweils zwischen Abständen stehenden Wörtern) und 5 Types:

Type Tokenfrequenz
2
chi 2
tocca 4
1
non 2
 

11

Tokenanzahl total

Ebenfalls nicht mehr wegzudenken ist die Unterteilung der Zeichen nach der jeweiligen Relation zwischen ‚Repräsentamen‘ und ‚Objekt‘:

  • Ein Ikon ähnelt dem Objekt, für das es steht. Ein sehr weit verbreitete Form ikonischer Repräsentamina sind die so genannten Piktogramme, wie z.B. für FLUGHAFEN. Gut gestaltete Piktogramme können für sehr große Benutzergruppen spontan, bei der ersten Wahrnehmung  verständlich sein (wie die allermeisten auf Flughäfen üblichen Piktogramme).  
  • Ein Index verweist direkt auf das Objekt, für das es steht: So ist RAUREIF ein verlässlicher Anzeiger  unmittelbar vorhergehenden und womöglich noch andauernden trockenen Frostes:
/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1477314079 Raureif

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Raureif_am_Waldrand.jpg

  •  Ein Symbol gibt keinen Hinweis auf das Objekt, für das es steht; es ist arbiträr. Ein Beispiel ist das in Italien und anderen Ländern übliche grüne Kreuz mit der Bedeutung ‚farmacia/Apotheke‘.
/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1477315043 Farmacia

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Zur Klasse der Symbole gehören die allermeisten sprachlichen Zeichen;.

Selbstverständlich können ikonische, indexikalische und symbolische Elemente auf das Engste mit einer verschränkt sein. Auf dem folgenden Photo überehme sowohl das nicht sprachliche Symbol des grünen Kreuzes wie das sprachliche Symbol FARMACIA zusätzlich indexikalische Funktion, da sie auf das konkrete Geschäft verweisen, auf dessen Fassade sie angebracht sind.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1477317023 Farmacia2

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4. Das semiotische Dreieck

Ihre stärkste Verbreitung hat die von Peirce vorgeschlagene triadische Modellierung des Zeichens in einer stark vereinfachen Form des so genannten ’semiotischen Dreiecks‘ von Ogden und Richards:

 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1476270284 Semiotisches Dreieck

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Es schreibt vor allem die wirklich grundlegende und man möchte sagen unumstößliche Erkenntnis fest, dass ein unmittelbarer Bezug zwischen der Welt (‚referent‘) und ihrer wahrnehmbaren Abbildung bzw. Darstellung (‚Repräsentamen‘) unmöglich ist;  vielmehr wird dieser Bezug notwendigerweise erst durch den ‚Interpretanten‘, im Bewusstsein (‚thought‘) desjenigen vermittelt, der das Zeichen in perzipierbarer Materialität gebraucht oder versteht. In diesem Sinn impliziert die Semiotik in der Tat eine Erkenntnistheorie, denn jedes Erkennen ist Wiedererkennen, d.h. ein Abgleich einer aktuellen Perzeption mit einer bereits vorhandenen mentalen Repräsentation.  

4.1. Perzipierbarkeit der Zeichen

Zeichen sind also grundsätzlich perzipierbar, und ebenso grundsätzlich kann jede Wahrnehmungsmodalität semiotisch relevant werden: Sehen, Hören, Tasten, Schmecken/Riechen, Fühlen über die Haut; man denke etwa an einen situativen Kontext wie eine katholische Messe, wo Weihrauch (Riechen), Hostien (Schmecken), eventuell Berührung (Kreuzzeichen auf die Stirn am Aschermittwoch), Glocken/Gesang (Hören) und die Monstranz (Sehen) in ritualisierter Form eingesetzt werden.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1477322847 Multimodale Zeichen Messe

Multimodale Zeichen in der katholischen Messe

4.2. Codes

Zeichen bilden grundsätzlich systemhafte Zusammenhänge, so genannte Codes; das minimale System ist der Gegensatz aus Vorhandensein und Fehlen eines perzeptiv auffälligen Merkmals. Ein ebenso lehrreiches wie einfaches Beispiel liefert der Eherings, denn es zeigt die Notwendigkeit einer genauen perzeptiven Analyse, für die Beschreibung semiotischer Phänomene.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1477315876 Foto

Fingerring mit Ring – ein nichtsprachliches Repräsentamen mit dem Interpretanten VERHEIRATET

Ein Ring am Ringfinger einer Hand – in Italien an der linken und in Deutschland an der rechten – ist für jemanden, der mit den kulturellen Techniken dieser Länder vertraut ist, mit dem Interpretanten VERHEIRATET assoziiert, der fehlende Ring dagegen mit dem Interpretanten UNVERHEIRATET. Repräsentamen ist also nicht der Ring, sondern vielmehr der Zeigefinger mit/ohne Ring: Etwas nicht Vorhandenes ist ja als solches nicht perzipierbar und daher erst in einem perzipierbaren Kontext auffällig. 

4.3. Codes und die semiotische Kontrolle des öffentlichen Raums

Komplexere Codes spielen eine fundamentale Rolle für die Organisation moderner Alltagswelten; denn sie dienen der Reglementierung, erleichtern die Orientierung und gewährleisten die Ausgestaltung des öffentlichen Raums zu einem semiotisch kontrollierten, kommunikativen öffentlichen Raum,    

Eine prominente Rolle spielt in diesem Kontext das umfangreichere und ganz überwiegend nicht sprachliche Systeme der Verkehrszeichen. Hier werden symbolische Formen (Dreiecke, Kreise, Achtecke usw.), Farben (rot, blau, weiß usw.) und (selten) Wörter mit ikonischen Bildern und indexikalischen Pfeilen und Positionierungen verknüpft. Die folgende Abbildung zeigt das enge Zusammenwirken von Ikonen, Indizes und Symbolen.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/10/1477320839 Schilder Netanya

Semiotische Funktionen von Verkehrszeichen

Der vollkommen symbolische Charakter eines Repräsentamens schriftlicher Art ist hier offenkundig, denn der Interpretant ORTSCHAFT ist für alle drei Schreibungen identisch.

Die Abbildung macht auch darauf aufmerksam, dass Zeichen , die dauerhaft funktionieren sollen, auf entsprechende Medien angewiesen sind. Im deutschen wird ein starrer Untergrund für optische Zeichen (seien sie schriftbasiert oder nicht) als Schild bezeichnet; sie verleihen den Zeichen sozusagen eine dingliche Eigenständigkeit.

Zeichen können aber auch ohne Einsatz eines unterstützenden, zusätzlichen Mediums ganz unmittelbar in der materiellen Umgebung angebracht werden, die sie kontrollierbar machen. Das ist zum Beispiel der Fall bei den taktilen Bodenleitsystemen für Sehbehinderte; sie schafen barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Verkehrsmitteln und anderem, durch Rinnen oder kleine halbkugelige Noppen, die mit den Füßen oder mit einem Stock im Untergrund ertastet werden können.

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Bodenleitsystem im Hauptbahnhof Koblenz (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KO_DB_pavement_1.JPG)

5. Subversive Semiotik

Die allgemeine Zugänglichkeit

Der öffentlich Raum wird allerdings semiotisch nicht nur auf legitime Art und Weise durch Pirvatpersonen oder staatliche Autorität kontrolliert; er wird auch für subversive Zwecke genützt. Gerade die unmittelbare Anbringung von Zeichen in Form von Graffiti oder scritte murali auf allgemein sichtbaren Flächen tritt mit dem Anspruch auf semiotische Kontrolle auf, sei es durch die schlichte indexikalische Manifestation von Präsenz mittels einer Botschaft oder auch nur eines verschlüsselten Namenszeichens (eines ‚Tags‘), das von Insidern mit dem jeweiligen Sprayer identifiziert wird (Interpretant: ‚Sprayer nn war hier‘) oder mit explizitem sprachlichem Bezug auf den konkreten Raum, in dem das Zeichen wahrgenommen wird. So im folgenden Beispiel aus Rom, wo es (mit einer römischen Dialektform) heißt: ‚Wir Autonomen [Logo] besetzen alles‘  und implizit zu verstehen gegeben wird, dass ein erster praktischer Schritt mit Anbringung des Graffiti bereits  unternommen wurde; die Form occupamo anstatt ita. occupiamo ist aus dem römischen oder einem südlichen Dialekt: 

/var/cache/html/kit/html/wp content/uploads/Roma 12

Rom (Photo: Sebastian Lasch, 12.7.2014)

Es ließen sich zahlreiche analoge Beispiel finden, wie etwa das folgende aus Bologna mit der Botschaft: ‚Die Räume gehören dem, der sie bemalt, nicht dem der sie verteilt, ruf mich an, um zu reservieren‘.

/var/cache/html/kit/html/wp content/uploads/1453886520 Gli Spazi Sono Di Chi Li Dipinge Non Di Chi Le Assegna Telefonami X Prenotare 768x576

GLI SPAZI SONO  DI CHI LI DIPINGE NON DI CHI LE ASSEGNA TELEFONAMI X PRENOTARE (Bologna, Photo: Katharina Müller 2006)

Eine genauere Analyse, die Sebastian Lasch am Beispiel von Rom vorbereitet, wird zeigen, dass derartige scritte murali eingesetzt werden, um vermeintliche und vielleicht bis zum einem gewissen Grad auch reale Einflusszonen im städtischen Raum abzugrenzen. Schon die Kalligraphie der Buchstaben lässt in der Regel eine ideologische oder politische Position erkennen, die oft mit der Unterstützung bestimmter Fussballvereine einhergeht; so ist die Anhängerschaft von Società Sportiva Lazio eher rechts  und die von  Associazione Sportiva Roma eher links.   

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